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Kritik

Fliegende Teller um den blinkenden Leuchtturm

Ursula Krechel untersucht den Kosmos besonderer Frauen
Hamburg

Wir wüssten heute von Irmgard Keun noch weniger als ohnehin, hätte sie nicht ein Verhältnis mit Joseph Roth gehabt. Das ist eine der Thesen Ursula Krechels in ihrem Essayband „Stark und leise. Pionierinnen“. Keun, in der Weimarer Republik über Nacht mit ihrem ersten Roman berühmt geworden, mit vielen großen Schriftstellern - unter anderem mit Döblin und Tucholsky - befreundet, trank in den 1970er Jahren verarmt und vergessen in einer Kölner Hinterhofwohnung vor sich hin. Irmgard Keun, so Krechel, hätte sich selbst dem großen Mann Roth ausgeliefert, einzige deutliche Gegenwehr: sie habe seine Bücher nicht gelesen. Ursula Krechel sieht in dieser Konstellation ein Beispiel für „systematisches Vergessen weiblicher Kulturleistungen“. In ihrem Band versammelt sie 19 Essays über besondere Frauen vom Mittelalter mit Christine de Pizan, die mehr an handwerklicher Qualität als am Minnegesang interessiert war, bis heute: Friederike Mayröcker und Elke Erb.

Ursula Krechel geht es keineswegs darum, Männer zu diskreditieren, auch und erst recht nicht die Männer in der Umlaufbahn der von ihr betrachteten Frauen. In einem der schönsten Essays mit dem plastischen Titel „Geometrie des Paarlaufs: Bettina und Achim von Arnim“ beschreibt sie die belebende Wechselwirkung der Partner aufeinander. „Woher wissen Sie, daß die Erde rund? Mir scheint sie ziemlich scharf und spitzig“, schreibt Arnim in einem frühen Brief an Bettina. Sie ist ihm ebenbürtig, regelt die Angelegenheiten der Familie selbstständig. Doch ihre literarische Karriere beginnt erst nach dem Tod Arnims. Krechel findet ein sprechendes Bild, das einen eleganten Bogen zur scharfen und spitzigen Welt-Betrachtung zu Beginn des „Paarlaufs“ spannt: „Die Blütenträume ihrer eigenen Jugend in der Freien Reichsstadt Frankfurt (…) sind nicht versandet im mageren Boden Preußens. Von einer nun ziemlich weisen Dame gehütet, platzen sie auf. Die Samenkapseln lagen jahrzehntelang neben den Fingerhüten in den Knopfschachteln. Daneben ruhte sanft und friedlich das Nähkissen, in ihm die spitzen Nadeln.“ Über das Paar ist viel geschrieben worden, aber dieses Bild ist neu.

Die Essays entstanden für Zeitungen und Zeitschriften, nur wenige sind bisher unveröffentlicht. Von der Form her sind sie teils recht unterschiedlich. So bleibt die kurze Skizze über Elke Erb anhand eines Gedichts recht blass und das ist schade, zumal es der letzte Essay ist, mit dem man aus diesem Kosmos der Frauen entlassen wird.

Intensiv dagegen hat sich Ursula Krechel mit Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts befasst, die es zur Zeit der Weimarers Republik nach Berlin zog. „Berlin als Auffanglager, Durchgangslager der Intelligenz“, das mit dem Beginn des Nationalsozialismus „radikal entleert, das ausgeräuchert wird“. Also viele Jüdinnen. Dabei auch die Sexualwissenschaftlerin Charlotte Wolff, die Medizin studiert, auch Gedichte schreibt, sich für Schwangerschaftsverhütung einsetzt. 1933 verhaftet als „Frau in Männerkleidern und Spionin“, nach einer Hausdurchsuchung aus Mangel an belastendem Material (das hatte eine Freundin weggeräumt) wieder frei, begibt sie sich sofort nach Paris, wo sie nicht als Ärztin arbeiten konnte. Stattdessen liest sie „eleganten Damen aus der Hand“, forscht zum Thema Handanalyse. Man Ray fotografiert sie beim „Handlesen“, sie begegnet vielen bedeutenden Künstlern, darunter Virginia Woolf, und analysiert deren Hände. 

Charlotte Wolff befasst sich Jahrzehnte mit Bisexualität und mit sicherem Griff findet Krechel bei ihr den Satz: „Nur außergewöhnlichen Frauen wird in unserer patriarchalischen Gesellschaft ein angemessener Platz eingeräumt. Frauen, die in der Verwaltung und in der Industrie arbeiten, kommen nicht an die Spitze.“ Und „Die Gleichheit der Geschlechter wird mehr von der männlichen als von der weiblichen Emanzipation abhängen.“ Besonders letzteren Satz meint man eben im Radio gehört zu haben. Geschrieben ist er vor einem halben Jahrhundert. Ihre letzte Arbeit galt dem bedeutenden jüdischen Sexualforscher Magnus Hirschfeld, dessen Bücher 1933 verbrannt worden waren und der zwei Jahre später in Nizza verstarb. Charlotte Wolffs Arbeit war übertitelt: „A Portrait of a Pionieer in Sexology“. Krechels Essay lehnt daran an: Die Pionierin der Sexualwissenschaft bittet um die Hand: Charlotte Wolff. Daher scheint sich auch der Untertitel des Essaybandes „Stark und leise“ herzuleiten: Pionierinnen. Obzwar folgerichtig, klingt er doch sperrig. Die Feminisierung des aus dem Militär stammenden Begriffs ist sprachlich nicht glücklich, scheint gewaltsam - einfach „Essays“ wäre besser gewesen. Zumal die Autorin mit diesem Band eine Lanze für den deutschen Essay brechen möchte. Zum einen setzt sie ein Motto an den Beginn des Buches, ein Zitat von Rosa Luxemburg, die das Fehlen des Essays in Deutschland beklagt: „zuviel pedantische Gründlichkeit und zu wenig geistige Grazie“. Die leichte Skizze fehle. In ihrem Nachwort bekennt Krechel sich zum Essay als nicht festgelegter Form, in der auch unfertiges seinen Platz haben darf. Und sie beschwört die Zeit ihrer Tätigkeit für den Funk, einer Zeit als man mit einem Dreiminutenbeitrag seine Miete und mit einem Zehnminutenbeitrag den Rest bezahlen konnte. Geistige Beweglichkeit war gefragt, schnelles Umschalten zwischen den Themen, Hauptsache der „innere Leuchtturm“ blinkt. Die Nahtstelle zwischen Literatur, Essay und Kritik aufgetrennt. Wieder ein schönes Bild aus dem Frauenkosmos. Für alle anderen ein weiteres Bild: Jonglieren mit fliegenden Tellern nennt Ursula Krechel ihre essayistische Tätigkeit für den Funk.

Ein schönes Buch in einem interessanten nicht häufig zu findenden Format. Nicht sehr hoch, dafür breiter als sonst üblich, so dass das aufgeschlagene Buch dann doch Raum einnimmt. So, wie Ursula Krechel diesen Frauen mit ihren interessanten Leben Raum gibt.

Ursula Krechel
Stark und leise
Pionierinnen
22 Abb.
Jung und Jung
2015 · 344 Seiten · 25,00 Euro
ISBN:
978-3-99027-071-4

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