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Limmat Verlag  Wurzelstudien Eine Metamorphose Anna Ospelt
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Limmat Verlag  Wurzelstudien Eine Metamorphose Anna Ospelt
Kritik

Das Rätsel fremdester Nähe

Souveräne Gedichte, deren Lektüre Vergnügen macht.
Hamburg

Nachdem ich das Buch das erste Mal durchgearbeitet hatte – wobei das Verb „durcharbeiten“ falsch gewählt ist, da es nach Mühe und Plage riecht und nicht das Vergnügen impliziert, das mir das Lesen dieser Gedichte bereitete – als ich also am Ende dieses neuesten Gedichtbandes von Uwe Kolbe angekommen war, machte ich einen Fehler: ich las den Klappentext, jene paar Sätze, die der Verlag als Zündfunke für die Kaufentscheidung glaubt mitliefern zu müssen. „In immer neuen Anläufen zielen Kolbes Gegenreden auf die Liebe“, stand da zu lesen und ich war nachhaltig irritiert. Allein um Liebe geht es in all diesen Gedichten? Hatte ich sie wirklich derart falsch gelesen?

Einige Lektüren, Eselsohren und Bleistiftanmerkungen später möchte ich dieser Punzierung entschieden widersprechen. Wohl ist manchmal, nein, immer wieder von Liebe als der Verbindung zweier Menschen die Rede, die „einander gut“ sind oder waren, und zwischen den Worten schwingen bei Kolbe häufig „Möglichkeitsformen“, absehbare Abschiede und Misslingen mit, wird manchmal das Scheitern und Vergeblichkeit explizit vorgeführt, einmal im hohen Dichterton, dann wieder salopp als einfache, universelle Erzählung oder des „Kleinen Mannes Lied von der Liebe“, die ab und an zum Schmunzeln reizen, poetischer Bericht sind oder, selten, eine Art Beichte.

Geschlossene

„Als das mit der Liebe, Sie wissen schon, neu war und einzig und ewig“,
so sagte der Patient, „da dachte ich abends manchmal, sie könnte
doch einmal unangekündigt kommen. Ich säße an meinem Arbeitstisch
und hörte den Schlüssel im Schloss sich drehen. Ich hatte
ihr einen anfertigen lassen.“ „Ja“, seufzte der Pfleger, „ja, ich weiß.“

Im Gedicht „Duino I“ lesen wir Möglichkeiten des Gelingens einer Beziehung/Liebe durch richtiges Maßnehmen, wenn es heißt „gewannen hier Schönheit wir wieder“ ... „weil still in der Wärme, bedurften wir beinahe / nichts, ...“ Im Gegengedicht „Duino II“ ist zwischen „Meerblau und Ausblick mit Dante“ alle Schönheit dahin: „es war schrecklich“, wird befundet, freundlich sind nur mehr „Fischgerichte mit Spuren“ zwischen „den Frakturen des Morgens, Blessuren / der Nacht“, und sobald jeder Augblick unerträglich wird, bleibt als Erkenntnis: „wir trugen schwer an den Augen“. Im Gedicht „Sommer“ lesen wir: „festhaltend am größten, am Rätsel der fremdesten Nähe, Liebe“, auch wenn sich schon alles auflöst und dieses Festhalten einem verzweifelten Klammern gleicht.

Schleifen

Manchmal, das muss nicht des Nachts sein,
kann auch helles Licht von hinten anfallen,
manchmal genügt schon Entfernung, wenig,
kann schleifen das Laub, kann es wispern,
manchmal genügt dieses Wehen ums Haus,
kann hier sein, kann da sein, auch unerkannt.
Manchmal diese Stille, sie sucht sich ein Opfer,
kann sein, sie hat eines gefunden vor Stunden,
manchmal bin ich nur bereit zu verzweifeln,
weil du nichts mehr sagst. Schrei mich an!

Und wenn im Enden der Liebe doch noch gesprochen wird, heißt es „... und sagst ein Wort, beißt in den Morgen eine Wunde, / die fühle, fühle ich, und nirgend wär noch Grund. ...“

Gedichte als Ware mit dem beliebigen Label „Liebe“ versehen werden sich besser verkaufen, mag der Verlag erfahrungssatt geplant haben. Doch hier, auch wenn wir „Liebe“ in einem erweiterten Begriffsfeld betrachten, passt dieses Etikett nur bedingt und nur zu einem Teil der vorgelegten Gedichte. Als Liebe zu etwas wie Heimat vielleicht im Zyklus „Transit“, als in „Kafka in Auckland“ das lyrische Ich eine Franz Kafka in vielen Details ähnelnde Person sieht und sofort Sehnsucht, nein, nicht nach einem bestimmten Land, sondern nach der Mitte Europas bekommt.

Gleich zu Beginn des Buches wird ein Tagwerk beschrieben, 6 Tage in einem Februar ohne Jahresangabe, 6 Tage aus dem Leben eines Schöpfers, der im ersten Gedicht „Gott“ genannt wird, im sechsten „Schreiber, / des Schreibens mächtig wie machtlos“, ein Schwanken zwischen Hybris und Ernüchterung. Und hat Gott sich am siebenten Tag Ruhe gegönnt, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte (Genesis 1,33), so ist dieses Rasten dem Dichter/Schriftsteller unmöglich, weil „das ganze Werk“ der dichterischen Schöpfung nie vollendet ist, es sei denn mit seinem Tod, weil es ihn weiter und weiter treibt, ein Wort dem nächsten, ein Satz auf den anderen folgt. Und wenn eine Zeit lang nichts mehr folgte, ergäbe sich niemals ein Ruhen, sondern die Unruhe einer Ohnmacht, Verzweiflung, Panik vielleicht.

Viele der Gedichte sind Betrachtungen der Natur zu Wasser und Land, des Wechsels der Jahreszeiten, des Arbeitens als Dichter, ein gekonnt rhythmisiertes und abgestimmtes Aufnehmen von (Ver)Stimmungen, selten in freien Rhythmen, manchmal gereimt. Erstaunlich sind die religiösen Begriffe, die nicht nur Versatzstücke sind. Das Wort „Gott“ wird mehrmals eingeflochten, in direkter Anrede das Wort „Herr“ verwendet. Engel kommen vor, der Wunsch nach dem Segen oder einem „Segnen“. Manchmal ist mir der Ton um die entscheidende Nuance zu hoch gegriffen und überschreitet die Grenze des mir gerade noch erträglichen Pathos, wenn es z.B. heißt: „O frage nicht“ oder „O zehre nicht“. Am wenigsten kann ich mit den mythologischen Gedichten anfangen, für die ich mich in Lexikas glaubte rückversichern zu müssen, um mein Verstehen zu befördern, um dann nur festzustellen, dass nur die ohnehin bekannte antike Geschichte in Dichterverse verpackt wurde, ja, auch die Liebe, interessant gewiss, ob des Könnens achtenswert, doch artifiziell ohne ein entscheidendes Mehr hinzuzufügen, zumindest war ich nicht in der Lage, dieses Mehr für mich zu entdecken (als Beispiel sei das Gedicht „Andromeda“ angeführt).

Doch letztendlich sind das kleinliche Einwände bei einem Buch, das mich in seiner Vielschichtigkeit überzeugt, mir wieder und wieder feine Gedichte und kleine Geschichten serviert, über denen häufig mehr als nur ein Hauch von Melancholie hängt.

Bügeln

Ich bügelte einmal das Hemd eines Toten.
Es war kein Totenhemd, nur eins
der Hemden, die er im Leben trug,
der wenigen, die er brauchte.
Ich könnte es tragen, dachte ich
beim Bügeln, das einfache, graue Hemd
gefiel mir, geglättet, gut.
Dann gab ich der Witwe
das Hemd des Toten zurück.

Uwe Kolbe
Gegenreden
S. Fischer
2015 · 18,99 Euro
ISBN:
978-3-10-001456-6

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