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Kritik

Pixibücher für die Grossen

Literatur-Quickie: Unter diesem, ehrlich jetzt, doch eher doofen Namen firmiert ein Verlag mit einleuchtendem Konzept und, wenn wir einer Stichprobe über fünf Büchlein trauen wollen, höchst ansprechendem Programm.
Hamburg

Die Idee ist so simpel wie gut: Man nehme das Format der Pixibücher, die wir noch alle aus der Kindheit kennen - quadratische Heftchen, gerade lang genug für eine Gute-Nacht-Geschichte, günstig, transportabel - und wende es auf die Literatur für die Erwachsenen an. Ein-zwei Kurzgeschichten passen in so ein Heft; von ihnen gibt es laut Verlagshomepage "mittlerweile über 70 Titel mit spannenden Kurzgeschichten". Fünf davon fanden ihren Weg auf meinen Schreibtisch, und zwar je eines von Hakan Akcit, Valentin Moritz, René Hamann, Michael Stavaric und Karen Köhler. Versuchshalber verhielt ich mich im Umgang mit ihnen so, wie es auch dem Umgang der Kleinen mit ihren Lillifee- und Baumeister-Bob-Büchlein entspricht - ich nahm die fünf ins Freibad mit und gab mir bei Handhabung und Lektüre große Mühe, mir extra keine Mühe zu geben. Testphase eins: Nässe, Wind und Knickgefahr konnten den Büchlein nichts Erkennbares anhaben. Punkt für den Verlag. Testphase zwei: Würden sie mein Interesse halten, auch wenn ich beim Anlesen mein Hirn explizit auf Freizeit-, nicht auf Rezensenten-Modus schalte? - Ja. Das materielle Produkt, die Formvorgabe und der je einzelne Text stehen sich nicht nur nicht im Weg, sie wirken zusammen und leisten, was sie sollen: Unterhalten mich für fünf bis fünfzehn Minuten, und vermitteln mir nicht den Eindruck, meine Zeit zu verschwenden

In diesen Büchlein kommt, mit anderen Worten, die Kurzprosaform ganz zu sich. Das beginnt bei den quietschbunten Titelbildern von Heike Küster. Die funktionieren wie Filmtrailer, die uns ein Rätsel aufgeben, welches nur durch Lektüre der Story gelöst werden kann. Das wiederum würde nichts nützen, wenn die Stories selber nicht alle die Qualitäten aufweisen würden, die gute Kurzprosa auszeichnen; naturgemäss in unterschiedlicher Betonung und anderen Mischungsverhältnissen je nach Autor: Stringenz im Aufbau; Primat von Plot und Prämisse gegenüber den sprachkünstlerischen Aspekten; Pointe; Verdichtung.

Stavarics Büchlein, "Die Anbetung des Fleisches", beschreibt einen Gang durch eine dezent surreale Fleischindustrie-Fachmesse, die leicht als Satire auf die großen deutschen Buchmessen und das dort sein Wesen treibende Betriebsnudeltum erkennbar ist. Dass der Text dabei keine irgendwie geerdete Kritik am Betrieb vorbringt, sondern sich darauf beschränkt, sich (sehr) lustig zu machen, stört keineswegs. Auch, dass nicht jedes einzelne Element der Story mit dem einmal erkannten Bauprinzip "Schlüsseltext" in Einklang zu bringen ist, funktioniert überraschenderweise (genauer gesagt: Es sind die Inhalte, welche auf den Bühnen und Ständen jener Fleischereimesse zum Besten gegeben werden, die dann eben nicht mehr entschlüsselbare Zerrformen literaturbetrieblicher Positionen darstellen, sondern, siehe oben: In sich ruhende, dezent surreale "Schweinereien").

Valentin Moritz' "booklit" (wie der Verlag seine Pixibücher laut Homepage viel lieber genannt sehen würde) umfasst drei sehr kurze Erzählungen und ist nach der ersten davon, "Grottenhermann", betitelt. Das ergibt Sinn, denn "Grottenhermann" ist zumindest meiner Meinung nach der stärkste der drei Texte. Man fühlt sich angesichts seiner Struktur ein wenig an die Kurzprosen von Alasdair Gray erinnert: An einem Spiel mit unzuverlässigem Ich-Erzähler hängt die knappe Schilderung eines ganzen kriegsgesellschaftlichen Mikrokosmos und seines Kippens; das objektive Durchschauen der stattgehaben Katastrophen führt zu subjektiver Belustigung. Die anderen beiden Texte waren, sagen wir so, nichts für mich, aber da handelt es sich um Geschmacksfragen: zu den Nachteilen der kleinen Form gehört, dass mit der Prämisse fast alles steht und fällt, und wenn einen die vorliegende Prämisse eben zufällig nicht interessiert - Pech gehabt.

Hakan Akcits Story "Vaterland" ist mit 46 Seiten das längste der fünf Büchlein, die mir vorliegen. Die grössere Länge "spürt" man von der ersten Seite an, nämlich daran, dass Acit der Entwicklung seiner Figuren und Schauplätze jeweils dieses entscheidende Bisschen mehr Raum gibt. "Vaterland“ schildert genau die Rassismus- und Abgrenzungsdiskurse, von denen wir in den Abendnachrichten hören, wenn es wieder mal um Pegida oder die AfD geht, sowie individuell mögliche Gegenstrategien, und zwar am konkreten Beispiel. Dass innerhalb der paar Stunden, welche die Handlung umfasst, ein einzelner Mensch in so viele verschiedene äussere Situationen und innere Reflexionsschleifen gerät, in denen Wörter wie "Migration", "Qualitätsterrorismus", "Vorratsdatenspeicherung", "PKK" oder "Bundesverdienstkreuz" sinnvoll verwendet werden können, braucht schon ein wenig willing suspension of disbelief - aber die bringt man gerne auf.

Karen Köhlers "Il Comandante" ist eine Liebeserzählung mit Krebsstationssetting. Oder eine Krebsstationserzählung mit Liebeshandlung. So oder so ein tough sell. Auch dieser Text lebt vom genauen Dosieren der Information, die beim Leser landet. Was an ihm besonders auffällt, ist, dass er der Sprache selbst - einer tendenziell absichtlich artifiziellen, durchaus mündlich zu denkenden Sprache - einiges von der Last aufbürdet, Stimmung und Handlung zu tragen; was an ihm überrascht, ist, dass dieses Konzept auch aufgeht.

René Hamanns Büchlein schließlich umfasst die für mich nur mäßig interessante, traumartig zusammenassozierte Familiengeschichte namens "Der Silberpudel", die dem Band den Namen gibt, sowie die längere sozialrealistische Erzählung "Kreuzberger Tage". Es ist dieser zweiter Text und dieser Arbeit suchende Protagonist, den ich mir gemerkt habe - auch oder vor allem wegen dieses Schlusssatzes, der eine Art von Versöhnung in einer Art von persönlichem Konflikt schildert, von dem wir die ersten zwei Drittel des Textes über gar nicht gemerkt hatten, dass er die entscheidend treibende Kraft dieser Erzählung ist.

Alle diese Bücher sind unprätentiös, klug, pointiert. Der Literatur Quickie Verlag hat bereits etwas Greifbares für die Förderung der deutschsprachigen Short Story geleistet.

Im Gegenzug könnten sich ja der eine oder die andere VerfasserIn deutschsprachiger Short Stories, vielleicht sogar eineR der eben besprochenen, bereitfinden, das entsetzliche PR-Berater-Deutsch auf der Verlagshomepage -

„Pixi-Bücher für Erwachsene“, sagte einst die Financial Times Deutschland. Das sagen wir natürlich nicht. Denn wir sind der Literatur Quickie Verlag aus Hamburg und bieten seit dem Oktober 2009 allen mit unseren „Pixi-Büchern für Erwachsene“, die wir übrigens booklits nennen, endlich eine lesenswerte Alternative an, um die kleinen Wartezeiten im Leben zu überbrücken.

Wir haben die Literatur an den Alltag der Leser angepasst: Prosa im Pocket-Format, Geschichten to Go, Krimis auf dem Kopfkissen, Worte zum Wein oder im Wartezimmer, das Buch zum Bier, in der Bahn oder im Bus, Kafka zum Kaffee, Klabund im Klassenzimmer, das neue Leseformat, Lesen mit Format.

- frei Haus reparieren.

Valentin Moritz · Hakan Akcit · René Hamann · Michael Stavaric · Karen Köhler
16. Staffel
Literatur Quickie
2015 · 2,50 Euro

Fixpoetry 2015
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