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Kritik

Zum Skelett heruntergehungerte Welt

Valerie Fritsch schreibt in Winters Garten von der Entwicklung der Städte dem Tod entgegen.
Hamburg

Valerie Fritschs Roman beginnt mit der intensiven Erinnerung an die Kindheit des Protagonisten Anton Winter, Sohn eines Geigenbauers. Sie ist geprägt vom Idyll einer Gartenkolonie und dem magischen Blick und intensiven Erleben des Kindes. Einzelne Spuren des Grausamen ziehen sich bereits durch diese Erinnerungen, doch vor der Fülle des Schönen verblassen sie. Der Einstieg in Winters Garten arbeitet mit romantischen Wahrnehmungsmustern der Kindheit. Ein wenig kitschig ist das, doch im zweiten Kapitel vollzieht sich ein zeitlicher Sprung zum erwachsenen Anton Winter, der diesen Ton auflöst und bald deutlich macht, warum es ihn gebraucht hat.

Anton lebt inzwischen als Vogelzüchter in der Stadt. Unklar bleiben ihre Verortung und Größe. Mal ist die Rede von einer Millionenstadt, es gibt Hochhäuser und Skylines, dann wieder wird eine Hafenstadt beschrieben, mit Gärten, die an einen kleinen Ort denken lassen. Schon früh beginnt sich eine Entwicklung abzuzeichnen, die den gesamten weiteren Handlungsverlauf prägen wird: Die Entwicklung der Städte dem Tod entgegen. Valerie Fritsch beschreibt das in eindrucksvollen Bildern, Erklärungen gibt es nicht.

Vor dem Hintergrund offenbar kaum mehr verbleibender Zeit verliebt sich Anton Winter in 42 Jahren zum ersten Mal, in die Geburtshelferin Frederike, während sich um ihn herum eine Wandlung vollzieht, die alle Gesellschaftsstrukturen auflöst. Verlassene Krankenhäuser und Waffenfabriken, frei verfügbare Waffen, Plünderer, Wütende, sich frei auslebende Kinderschänder, Feuer, geborstenes Glas, gestürzte Regierungen und Massenselbstmorde prägen die einsetzende Entwicklung. Beschrieben wird der Untergang einer Welt, der in den Städten beginnt.

Darin Anton Winter und Frederike und die Bedeutung, die ihre Liebe vor dem Hintergrund einer wegbrechenden Zukunft entfaltet: Der Augenblick, ab dem die große Liebe nicht mehr größer werden kann, aber nur noch kleiner, fehlte in ihrer Zukunft. Erstmals sprechen zwei miteinander in diesem bisher erzählend-beschreibenden Werk, bevor Antons und Frederikes Gespräch wieder in ein Traumgespräch Antons übergeht, das ganz ihm alleine gehört.

Durch die Schilderung des Mikrokosmoses des Gebärhauses, in dem Frederike arbeitet und in dem ihr Anton bald zur Hand geht, indem er unter anderem die Toten in den zu Krematorien verwandelten Müllcontainern hinter dem Haus verbrennt, werden die Veränderungen des verbliebenen und neu entstehenden Lebens im Angesicht des Todes erfahrbar.

Die Rückkehr in Haus und Garten seiner Kindheit gemeinsam mit Frederike und seinem im Gebärhaus plötzlich wiedergefundenen Bruder Leander, einschließlich Frau Marta und soeben geborenem Kind, knüpft an die geschilderte Zeit der Kindheit vom Anfang des Romans an und stellt gleichzeitig einen Rückzug aus der Stadt dar, in der sich immer schwerer eine Entwicklung zum Tod  hin vollzieht.

In ihrer Abgeschiedenheit sehen Anton und Frederike zu, wie das Außen immer mehr nieder geht. Auch Leander und Marta kehren nach einem Abendspaziergang nicht mehr zurück und sind vielleicht dem allgemeinen Sterben anheim gefallen: „jetzt sind sie tot.“ „Aber ist es wirklich der Tod, wenn jemand bloß geht und nicht wieder kommt?“ (…) „Was mag ihnen passiert sein. Niemand kommt wieder. Niemand. Wir haben uns geflüchtet. Wir leben in einem Märchen. (…) Jetzt gibt es nur noch uns.“ „Niemand kommt wieder in Zeiten wie diesen.“ Anton und Frederike versorgen ihr Kind. Es bleibt offenbar nicht mehr viel Zeit: „Und jetzt sind es nur noch ein paar Tage – wenn es denn stimmt. Wir werden sehen, was geschehen wird. Vielleicht nichts. Vielleicht ist alles schon passiert.“

Schließlich der letzte Tag. Er beginnt mit einem leisen Entzweien von Anton und Frederike bei ihrem Erwachen und später erheben sich Flammen und Rauch aus den Städten. „Die Städte brannten, als habe man ein Streichholz angerissen und in ihre Mitte gesteckt.“ Asche, Knochen, einstürzende Gebäude, Verzweiflung und Hunger charakterisieren diesen Tag, an dessen Ende, „nachdem die Welt untergegangen war“, Anton und Frederike übrig geblieben zu sein scheinen.

Die Unklarheit hinsichtlich des Auslösers dieser Entwicklung dem Tod allen Lebens entgegen erhält zunächst, durch die Hoffnung auf Auflösung, die Spannung aufrecht, wird kurzzeitig zu einem unbefriedigenden Moment der Lektüre angesichts zu großer Abstraktheit, um schließlich eine poetische Dimension zu entfalten, wenn es gelingt, den Leser durch die Radikalität, mit der Erklärungen vermieden werden, zur Annahme dieser Setzung zu zwingen.

Vor allem aber besticht die Archaik, das Extreme der Sprache. Valerie Fritsch fordert dem Leser mit ihrer absoluten Dichte an Sprachbildern und der nicht immer einfachen Syntax eine hohe Konzentration ab. Verliert er sie, entgleiten ihm Handlung und Entwicklung. Lässt er sich darauf ein, stellt sich sehr schnell eine große Lust an ihrer Sprache her. Nur in wenigen Passagen verstellt die Überfülle an Bildern die inhaltliche Klarheit des Textes, erinnern Ton und Vokabular an eine getragene, altmodische Schreibweise, die aus der Zeit gefallen scheint. Auffallend, vielleicht irritierend, ist der stellenweise Einsatz eines besonders zeitgemäßen Vokabulars, wie beispielsweise Chat oder Touchscreen, vor der sonst archaischen Sprache. Nicht nur dieses stilistische Merkmal, sondern auch die besonders ästhetische Buchgestaltung mit Neonfarbe vor fein gezeichneten Symbolen archaischer Vergangenheit schlagen die unvermeidliche Brücke in unsere gesellschaftliche Gegenwart. Kurz scheint die Lesart auf, dass Fritsch eine Zeit beschreibt, die über unsere bereits hinaus ist, in der das Wüten der Technologien und des Fortschritts in all seinen Facetten bereits vorbei ist und das Fallen der Welt in eine neue Archaik durch diesen mitverursacht wurde: „an manchen Orten ist die Welt, in die ich hineingeboren wurde, zum Skelett heruntergehungert durch den Wandel der Zeit“

Dem entgegen steht die Beschreibung der Kinderzeit des heute 42-jährigen Anton Winters, die nicht im Sturm der Technologien stattgefunden haben kann. Nichts ist sicher in Winters Garten, aber alles ist beeindruckend. Die Faszination, die sich angesichts der vollen Sprache einstellt, bewahrt vor dem Dunkel und der Trostlosigkeit, die immer auch anwesend sind. Mit ihrer reichen Sprache schafft Valerie Fritsch auch einen Kontrapunkt zur ärmer werdenden Welt, in der sie ihre Figuren ansiedelt. Ihnen begegnet Fritsch behutsam. Sie beschreibt sie sachlich und zurückhaltend, mit viel Verständnis für ihre außerordentlichen Wahrnehmungen des sich um sie herum zurückbildenden Lebens.

Mit Winters Garten hat Valerie Fritsch einen sprachmächtigen und dichten Roman vorgelegt, der durch Weisheit und Größe besticht, wenn er manchmal auch in die Nähe kitschiger Bedeutungsschwere gerät. Dennoch: Valerie Fritsch lässt sinnlich und mit großen Bildern eine merkwürdige und eindrucksvolle, verstörende Welt entstehen, die berührt. Ihre Sprache zeugt von ungeheurer Begabung. Sie hat eine Eigenheit, die man sich sehr viel mehr wünscht und trifft durch ihr weites archaisches Ausholen ganz beiläufig, aber unmittelbar in unsere Gegenwart hinein.

Valerie Fritsch
Winters Garten
Suhrkamp
2015 · 154 Seiten · 16,95 Euro
ISBN:
978-3-518-42471-1

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