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Kritik

Wie man Schmerz überwindet

Verena Luekens »Alles zählt« berichtet vom Krebs. Vordergründig.
Hamburg

Am 27. Juni 2014, einem Freitag, hatte das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein einziges Thema: Schmerz. Der Aufmacher auf der ersten Seite trug den Titel "Die Tiefseefischchen". Kein Artikel – eine Erzählung. Sie berichtete von einer Frau, die Drogen nahm. Nicht im heute üblichen Sinn, also: keine Joints oder Pillen, um das Leben chemisch aufzuhübschen. Sondern Zeug, das dafür sorgen sollte, daß sie überhaupt überleben konnte: Schmerzmittel nach einer Operation.

Der Schmerz machte die Frau verrückt, die Schmerzmittel machten die Frau verrückt. Und sie reichten nicht mal aus. Dann empfahl ein Arzt, eine Morphiumlösung in den Hals zu spritzen, um ein bestimmtes Nervengeflecht lahmzulegen. Aber auch das reichte nicht aus. Die Frau registrierte Veränderungen an sich. Aggressives Verhalten, Verletzen von Mitmenschen, Apathie (neben dem Blutspucken und dem Verrücktwerden). Was konnte sie tun? Konnte sie etwas tun? Sie konnte den Schmerz ja nicht absetzen. Aber sie konnte die Drogen absetzen. Das war das einzige, was sie tun konnte. Und das tat sie.

Die Erzählung stammte von Verena Lueken, FAZ-Lesern bekannt als kenntnisreiche und lebendig schreibende Film- und Literaturrezensentin, zudem jahrelang Kulturkorrespondentin der Zeitung in New York. Auch Sachbuchautorin. Als Erzählerin aber war sie bisher nicht in Erscheinung getreten.

Jetzt, ein gutes Jahr später, ist ein Buch mit den Tiefseefischchen – das sind die Schmerzen, die leuchtend durch den Körper schießen – erschienen. Ein ganzer Roman, 200 Seiten, »Alles zählt«, heißt er. Er berichtet von einer Frau, deren Job das Schreiben ist, die eigentlich in Frankfurt zu Hause ist, aber diesen Begriff nicht auf Frankfurt anwenden kann, die in New York gelebt und sich dort immer wohlgefühlt hat und nun wieder hingefahren ist. Und der dort eine Krebsdiagnose gestellt wird. Nicht die erste – die dritte. Und immer ist es New York.

Ein bösartiger Tumor in der Lunge. Es war erst gar nicht so erschreckend, erzählt die Frau. Zweimal hatte sie es ja gut überstanden. Jetzt wieder: OP.

Die Frage, ob Verena Lueken hier einen autobiographischen Roman geschrieben hat, ist so naheliegend wie müßig, wie sie das immer ist. In jedem Fall klingt das Buch nicht nach jemandem, der die Einzelheiten bloß bei Wikipedia zusammengeklaubt hat, sondern nach jemandem, der sehr genau weiß, wovon er spricht. Eingebettet ist die Krebs-und-Schmerzen-Geschichte in Beschreibungen des brüllend heißen New Yorker Sommers, in Lektüreerfahrungen – Salter, Brodkey, Sontag, Coetzee und andere. Und in eine Familiengeschichte, vor allem die Geschichte der Mutter der Frau, die sich nicht geschert hatte an Konventionen und dem, was sonst noch als schicklich galt, bis hin zum Beschluß, mit 90 zu sterben und das dann auch persönlich und allein umsetzen zu wollen. Was mißlang – und was die alte Dame dann akzeptierte.

Verena Lueken erzählt von all dem aus einer gewissen kritischen, aber keineswegs kühlen Distanz. Ihre Sprache ist präzise bis zum Skalpellhaften, aber dennoch erzählt sie wie eine Malerin, die zwei Schritte von ihrem Bild zurücktritt, um alles besser in den Blick nehmen zu können – und dieser Blick ist liebevoll. Was Lueken nicht macht, ist, in irgendein Betroffenheitsgesäusel zu verfallen. Das ist ihr fremd, wie ihrer Protagonistin alle Selbsthilfegruppenrituale fremd sind, alles Gejammere und jede Überhöhung. Schicksal? Fügung? Damit kann die Frau mit den Tiefseefischchen im Körper nichts anfangen. Was sie will ist: die Krankheit überstehen. Weiterleben.

Die Passage mit dem Schmerz ist die vermutlich wichtigste in dem Buch, sie stellt auch eine Art Wendepunkt dar. Das Absetzen der Schmerzmittel, das zunächst ein Ausdruck von Hilflosigkeit zu sein scheint, bewirkt das Gegenteil: Die Frau ist wieder Herr über sich selbst. Sie akzeptiert die Fischchen, wie ihre Mutter akzeptierte, daß sie sich nicht töten konnte. Und so überwindet sie den Schmerz. Nicht, obwohl sie sich ihm aussetzt. Sondern weil sie das tut.

Es ist ein schmales Buch. Und es ist ein ungeheuer bedeutendes schmales Buch.

 

 

Verena Lueken
Alles zählt
Kiepenheuer & Witsch
2015 · 208 Seiten · 18,99 Euro
ISBN:
978-3-462-04797-4

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