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Kritik

Lang leben die Gespenster!

Ein Gespenst geht um im kollektiven Unbewussten. Es verfolgt uns durch Philosophie und Film, Wissenschaft und Aberglaube. Viktor Mazin geht ihm mit »Freuds Gespenster« mit gespenstischer Logik und politischem Feingefühl nach.
Hamburg

Als der junge Jacques Derrida am Anfang seiner akademischen Karriere stand, die nur das Sprungbrett für seine denkerische sein sollte, vermied er es unter allen Umständen, fotografiert zu werden. Weil der Autor, wie Roland Barthes es 1956 proklamiert hatte, doch tot war, weil der eigenartige Anblick des eigenen Todes in der Fremdheit des Bildes zum Fürchten ist und nicht zuletzt aus einer Art paradoxen Narzissmus heraus, begründete der algerisch stämmige Philosoph dies später in einem Interview. Nach einem Symposium aber veröffentlichte eine Zeitung ein Foto, auf dem laut Bildunterschrift Derrida zu sehen war. Die Figur wurde von hinten abgelichtet, schemenhaft nur und hatte anders als der Bezeichnete eine Glatze. Es war nicht Jacques Derrida, sondern jemand anderes. Der, der da hinterrücks erschossen wurde, war nicht der gesuchte Autor, er war nicht mal dessen Anderes – sondern nur irgendjemand. Und doch war es Jacques Derrida, der Bildunterschrift und also der konstituierenden Macht der Schrift zufolge zumindest. Vielleicht brachte das Derrida, der sich während seiner Laufbahn intensiv mit der Bedeutung des Eigennamens, der Kraft des Bildes und dem gespenstischen Dazwischen auseinandersetzte, damals zum Umdenken. Vielleicht erkannte er beim Aufschlagen der Zeitung, dass er sein eigenes Gespenst nicht loswerden würde.

Den Spuk Sigmund Freuds wird unsere Gesellschaft ebenso wenig abschütteln können. Denn immerhin: Wer den Vater der Psychoanalyse umbringen will, gibt ihm damit auf paradoxe Art nur Recht. Wie die Gespenster Karl Marx‘, von denen Jacques Derrida 1993 sprach, so verfolgt uns Freud überallhin. Ob als Action-Figur (»captures Freud in a pensive pose, holding a distinctly phallic cigar«), als Mem gewordener Webcomic (»A Freudian slip is when you say one thing and mean your mother. I mean, another. «) oder in den ständigen Fehlleistungen (oder waren es Leitungen? Hilfe!) des psychopathologischen Alltagslebens. Allen zaghaften Versuchen wie etwa denen von Félix Guattari und Gilles Deleuze zum Trotz ist dieser Vater nicht zu killen, lediglich die Neurowissenschaft konnte ihm den Rang ablaufen. Aber das auch nicht dauerhaft – oder? Viktor Mazin zufolge zumindest nicht. Der russische Philosoph, Filmwissenschaftler und Psychoanalytiker setzt sich, so betont Wladimir Velminski im Nachwort von Mazins jüngst auf Deutsch erschienener Aufsatzsammlung Freuds Gespenster, für eine »Rückkehr zu Freud« ein. Was genau das bedeutet, das entfaltet sich in den drei Kapiteln Freuds Gespenster, π oder … Freud, Fließ, Schreber, Cohen, Dupin, Lacan, Markov… und Die Maschine Mensch oder La Mettries Animatrix.

Von den ersten Sätzen an jedoch spukt vor allem Derrida durch Mazins Wörter. Denn eine Rückkehr im eigentlichen Sinne, wie das Velminski andeutet, schwebt ihm nicht vor. Mazin verliert sich nicht in Zirkelschlüssen und erst recht begibt er sich nicht auf die Suche nach einem fragwürdigen Ursprung. Er hangelt sich vielmehr an Signifikantenketten entlang durch Kultur-, Philosophie- und Psychogeschichte, gespenstert zwischen Vergangenheit und Zukunft, Sein und Nicht-Sein. Das erste Essay leiht sich seinen Titel von Derridas Marx‘ Gespenster, das, obwohl Freud darin nur ein einziges Mal erwähnt wird, seine Grundfragen von ihm geerbt hat und wieder auf andere verweist. Auf Roland Barthes Fotografie-Essay Die Helle Kammer zum Beispiel, dessen zentraler Begriff des spectrum nicht weit entfernt vom englischen spectre, dem Gespenst, entfernt ist und bei dem sich Derrida bedient hat. Mazin schenkt zwar Barthes wenig Beachtung, jedoch durchziehen Überlegungen zum (Ab-)Bild die drei zwischen 2003 und 2008 erschienenen, von Peter Deutschmann, Brigitte Obermayr und Maria Rajer übersetzten Essays wie ein roter Faden. »Das Ich ist eine Vorstellung. Das Ich ist eine Oberfläche. Das Ich ist die Projektion einer Oberfläche. Eine Projektion auf der Leinwand des Anderen«, kurz: Das Ich ist ein Gespenst, gesehen durch und produziert von den Augen des Anderen.

Dieses, dieser und diese Andere, das ist und sind nicht allein Mazin, Derrida oder gar Freud selbst. Es sind ebenso ihre Gespenster wie die von Jacques Lacan, auf den Mazin sich ähnlich breit, wenngleich distanzierend stützt oder etwa kultur- und psychohistorische Fallbeispiele wie der von Daniel Paul Schreber oder Filme von Darren Aronofsky. Die asynchronen Sprünge, die Mazins Essays vollziehen, sie scheinen ihrer eigenen Logik zu folgen, bleiben dabei jedoch stringent ihrer Kernthese verpflichtet: »Gespenster verfolgen uns. Gespenster der Vergangenheit, der Erinnerung, des Archivs mnestischer Spuren. Gespenster der psychischen Realität. Gespenster der Zukunft. Gespenster der technischen Realität. Gespenster der psychotechnischen Ausfüllung. « Wir werden sie nicht los, erst recht nicht in Zeiten des technologischen Fortschritts, der dem vormals und auf ewig zum Gespenst geknipsten Derrida zufolge die Anzahl der Geister in die Höhe schnellen lässt. Freuds eigene »Hinwendung zum Gespenstischen« vor mehr als einem Jahrhundert findet ihren Wiedergänger in den Kultur- und Gesellschaftstheorien von Kritikern wie Simon Reynolds oder Mark Fisher, die mit Blick auf Popkultur und kapitalistischen Realismus von Hantologie sprechen, einem von Derrida in Marx‘ Gespenster geprägten Begriff, der in Assonanz zur Ontologie das (Un-)Wesen des Gespensts bezeichnet.

Es spricht für Mazin, der seine Thesen zur Maschine Mensch vor rund zwölf Jahren veröffentlichte, dass er diese Rück- beziehungsweise Wiederkehr vorausgezeichnet hat. Nicht etwa, weil es von seiner Hellsichtigkeit zeugen würde, nein. Sondern weil es beweist, dass der Gründer und Leiter des »Museums der Träume Freuds« verstanden hat, wie das mit den Gespenstern funktioniert. Wie sie sich zwischen Vergangenheit und Zukunft einnisten, nach ihrem Belieben und unserer Unliebsamkeit aller Verdrängungsarbeit zum Trotz wieder in das Haus einkehren, dessen Herr sich selbst kaum zu überblicken weiß. »Es gibt nicht den einen Freud«, weiß Mazin, »und kann ihn auch nicht geben, war er es doch selbst, der eine Theorie der Unmöglichkeit eines homogenen Ichs, eine Theorie der Heterogenität des Selbst entwickelt hat. « Das Freud-Ich ist spektral geworden, hat sich in Gespenster aufgesplittet und sie suchen uns immer und überall heim. Umso mehr, je mehr wir uns durch (unsere) Projektionen bewegen.

So ist Freuds Gespenster weit mehr als eine verquere Reise durch die Knotenpunkte zwischen Psychoanalyse, Kulturgeschichte und Philosophie, sondern birgt zugleich ein politisches Potenzial. Es versteckt sich dezent unter einem Schleier, wie sich auch die politischen Implikationen von Derridas Marx’ Gespenster in schöner Unentscheidbarkeit wandten. Es ist selbst gespenstisch, mindestens so sehr wie das Bild-Nicht-Bild Derridas oder die Figur(-en) Freud(-s), die uns weiterhin verfolgen wird, in unsere Träume hinein und darüber hinaus. Lang leben die Gespenster! Wir werden sie eh nicht los, also sollten wir ihnen offen und freundlich begegnen.

Viktor Mazin
Freuds Gespenster
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Wladimir Velminski. Aus dem Russischen von Peter Deutschmann, Brigitte Obermayr und Maria Rajer. Mit Illustrationen von Ivan Razumov
Matthes & Seitz
2015 · 14,80 Euro
ISBN:
978-3-95757-028-4

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