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ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
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ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
Kritik

Sie haben in Ihren Augen so viel Zeit

Ein Band mit späteren Gedichten des tschechischen Dichters Vladimír Holan (1905-1980) beeindruckt mit seiner dichten Fülle geheimnisvoller Verse
Hamburg

Über vier Jahrzehnte hatte der sogenannte „Eiserne Vorhang“ Europa geteilt. Die Unfreiheit im östlichen Teil war offenkundig, während als weitere Folge dieser Teilung die Wahrnehmung der Nachbarländer abgeschnitten war und auch im Westen nur in gefilterter Weise stattgefunden hatte. Die Côte d’Azur und die Toskana schienen näher als Budapest, Krakau oder Prag.

Im Laufe der 1960er Jahre hatten sich allerdings vor allem in Polen und der Tschechoslowakei zaghafte Veränderungen in der Kulturpolitik angedeutet. In der Musikszene, im Film, im Theater und vor allem in der Literatur waren Werke entstanden und veröffentlicht worden, wie es bislang unter der Fuchtel stalinistischer Zensur nicht denkbar gewesen war. Václav Havel berichtet in seinem Buch „Fernverhör“ über diese aufregenden Jahre in Prag. Ein Dichter wie Vladimír Holan habe wie eine lebende Legende auf den jungen Havel gewirkt und er war „ein wenig verstört von der Vorstellung, daß dieser große poetische Zauberer irgendwo in Prag als eine für mich erreichbare physische Person leben sollte“.

Auch für den Dichter Vladimír Holan (1905-1980) hatten sich damals die Bedingungen zu seinen Gunsten verändert. Nach langen Jahren durften endlich seine Werke wieder im Land erscheinen. Die Gedichte im vorliegenden Band waren vornehmlich in den Jahren 1966 und 1967 entstanden. Holans Bekanntheitsgrad überschritt auch die Landesgrenzen. Vor allem in Italien stießen seine Verse auf ein größeres Lesepublikum. Erstmals fiel sein Name im Zusammenhang mit der Nominierung für den Literaturnobelpreis.

Die erfahrenen Enttäuschungen und Schrecknisse während der Protektoratszeit sowie in den sich anschließenden Jahren eines unverhüllten Stalinismus waren freilich nicht spurlos an Vladimír Holan vorbeigegangen. Holan, der bereits als junger Mann Verse von gewaltiger Sprachkraft vorgelegt hatte, war jedoch kein programmatischer oder gar politischer Schriftsteller. Als einzige Ausnahme haben dabei jene seiner Verse zu gelten, mit welchen er nach der Kapitulation des Dritten Reiches die Befreiung Prags durch die Rote Arme gefeiert hatte. Der Überschwang währte freilich nur kurz und wurde von einer gewaltigen Ernüchterung abgelöst, die ihn bis an den Rand seiner Existenz geführt hatte.

Holans Verse der 1960er Jahre verbleiben in einer Geste emotionaler Zurückhaltung. Es sind kurze Gedichte, die zuweilen wie Selbstgespräche wirken und zugleich Auskunft zu geben scheinen. Wiederkehrende Begriffe wie „Angst“, „Herbst“, „Mauer“, „Nacht“, „Schicksal“ oder auch „Tod“ unterstreichen die Ernsthaftigkeit und Tiefe seiner nach innen gekehrten Meditationen. Daneben treibt Holan die Geschlechtlichkeit des Menschen um. „Liebende“ ist daher der bei Holans Versen am häufigsten verwendete Titel. Wie ein Memento durchzieht immer auch ein tragisches Element die menschliche Liebe.

Holans Verse faszinieren in ihrer hermetischen Verdichtung, die zuweilen an die Grenze des Verstehbaren rühren. Mit einemmale finden sich in Holans Versen Dinge in Verbindung gebracht, die zunächst einmal gar nichts miteinander zu tun hatten. Das Gedicht „Der Junge“ führt geradezu virtuos vor, wie unter Zuhilfenahme verschobener Perspektiven in einer verständlich gehaltenen Kommunikation zugleich an dunkle Ahnungen gerührt wird:

Der Junge

Die ganze Nacht lang sind im Park die Äpfel gefallen,
während der Junge des Nachbarn im Sterben lag...
Er war’s, der mir einmal sagte:
„Herr, Sie sind ein Fremder?“ Du sagtest:
„Warum fragst du?“ Er sagte: „Sie haben
in ihren Augen so viel Zeit.“
Du sagtest: „Du bist ich, als ich
jung war!“ Er sagte: „Ich bin Sie,
erst wenn ich alt geworden bin... Aber wissen Sie, was,
gehn wir auf die Post
und telefonieren wir uns von dort,
wann wir eigentlich sind...“

[Übertragen von Franz Wurm]

Der vorliegende Band ist Teil einer auf vierzehn Bände geplanten Gesamtausgabe der Werke von Vladimír Holan, von der bisher fünf Bände erschienen sind. Sämtliche Ausgaben sind konsequent zweisprachig. Die Umsicht dieses gewaltigen Editionsvorhabens wird nicht zuletzt durch einen Kommentarteil der beiden Herausgeber Urs Heftrich und Michael Špirit unterstrichen, der den tschechischen Ausgaben fehlt.

Ein kundiges Nachwort von Urs Heftrich legt Zusammenhänge frei und ermöglicht interpretatorische Zugänge in die geheimnisvolle Welt einer der beeindruckendsten tschechischen Dichterpersönlichkeit.

Vladimir Holan
Dem Asklepios einen Hahn
Gesammelte Werke / Band 10: Lyrik VII: 1966–1967
Übersetzung:
Věra Koubová
Mitarbeit v.: Franz Wurm Kommentiert v.: Urs Heftrich, Michael Spirit Nachwort v.: Urs Heftrich
Universitätsverlag Winter
2015 · 458 Seiten · 29,00 Euro
ISBN:
978-3-8253-6375-8

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