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Kritik

Russischer Winter mit lila Riesendoggen

Hamburg

Wer Spaß an Gesellschaftskritik mit Ausflügen in die von Zwergen, Riesen und Zombies bevölkerten Welt der Groteske hat, sollte den neuesten Roman des russischen Autors Vladimir Sorokin „Der Schneesturm“ lesen. In ihm erzählt er, wie der Landarzt Platon Iljitsch Garin und sein Kutscher Kosma, genannt Krächz, bei einer abenteuerlichen Reise durch eine tief verschneite Landschaft auf einem Pferdeschlitten nicht nur ständig die Orientierung verlieren, sondern auch wie der Realität durch fantastische Ereignisse und Gestalten immer wieder der Boden entzogen wird.

„Ich glaube, wenn man das heutige Russland mit einer ganz realistischen Sprache beschreiben würde, dann wäre das die falsche. Wir leben in einem Land der Groteske. Und dem muss die Sprache angemessen sein.“ Was Sorokin 2008 in einem Interview über seinen Roman „Der Tag des Opritschniks“ sagte, könnte man auch auf sein neuestes Werk beziehen. Die Handlung des Romans ist von der Metapher Kälte und Schnee bestimmt. Sorokin folgt mit seinem „Schneesturm“ der russischen Tradition und tritt in die Fußstapfen von Puschkin und Tolstoi, die gleichnamige Erzählungen schrieben. Allerdings wird  Sorokins Roman bald von Irrealem durchzogen. Dies beginnt schon damit, dass die Kutsche von fünfzig Minipferdchen, nicht größer als Rebhühner, gezogen wird. Für Schwertransporte gibt es wiederum Pferde „wie ein Haus mit drei Etagen so hoch.“

Und so geht es munter weiter. Garin hat es eilig, weil er mit einem Impfstoff in das 17 Werst (etwas mehr als 17 Kilometer) entfernte Dorf Dolgoje muss, wo eine bolivianische Pest (was immer das sein mag) die Menschen zu Zombies werden lässt.

Die Reise steht von Beginn an wegen einer gebrochenen Kufe unter einem unglücklichen Stern. Wie bei den überdimensionalen Pferden scheint die Welt in Bezug auf Größe aus den Fugen zu sein. So nimmt der Schlitten ein weiteres Mal Schaden, weil Krächz ihn in das Nasenloch eines erfrorenen Riesen lenkt. Ein anderes Mal fährt der Schlitten auf eine harte, gläserne Pyramide auf. In diesem Zusammenhang wird die Kritik durch Garin direkt ausgesprochen: „Es sind zu viele unnütze Dinge in der Welt….Die werden fabriziert, breitgekarrt über Städte und Dörfer, die Leute zum Kauf animiert, man verdient sich am schlechten Geschmack eine güldene Nase.“  Allerdings stellt sich bald heraus, dass diese Klage äußerst scheinheilig daherkommt. Denn die Pyramide ist ein neues „Produkt“, d. h. eine neue Wunderdroge der sogenannten Dopaminierer. Die soll, nomen est omen, das harte Leben erleichtern und wird von Garin mit größtem Vergnügen konsumiert.

Überhaupt wird es hier völlig absurd. Es gibt lilafarbene Riesendoggen und eine „lebend gebärende Filzpaste“, die, mit „Lebendwasser –Spray eingesprüht“, „rege und lebendig“ selbständig ein Filzzelt baut.

Irgendwann wundert sich der Leser über nichts mehr. Nicht über die schöne Müllerin, die Doktor Garin sehr realistisch vernascht, als die Reisenden mit ihren Pferdchen in ihrem Anwesen gestrandet sind. Nicht über deren winzigen Ehemann, der ab und zu in ihrem Dekolleté Platz nehmen darf und schon gar nicht über die lebendigen Pferde des Radio-Hologramms.

Letztlich siedelt Sorokin seine Geschichte in einen Mix aus ländlicher Idylle und hoch technisierter, fantastischer Welt an, die in einem Nirgendwo, sprachlich irgendwann zwischen Vergangenheit und Zukunft spielt. Nur der Schneesturm und die damit verbundene Blindheit bleiben wie in alten Zeiten. „Die Straße war in einem solchen Augenblick unter den Schneemassen verschwunden… der Himmel floß mit der Erde in eins zusammen“, schreibt Puschkin, während es bei Sorokin heißt: „Von der Straße war nichts mehr zu sehen, die ganze Senke gleichmäßig mit Schnee gefüllt, über den hinweg der Sturm tobte und kreiselte.“ Letztlich kommen die Reisenden nicht an ihr Ziel und werden von der Naturgewalt besiegt. Der gutmütige, immer hilfsbereite Krächz erfriert, die Pferdchen und Garin werden bezeichnenderweise von Chinesen mitgenommen. Nach all den absurden Bildern ist man für das deutliche Ende fast dankbar.


Quelle Wikipedia: Wladimir Sorokin bei einer Lesung während der Lit.Cologne 2006 in Köln

Unbedingt erwähnt werden muss der schon mit mehreren Preisen geehrte Übersetzer Andreas Tretner. Denn er musste nicht nur die in den Schneepassagen oft sehr poetische Sprache Sorokins, sondern auch die der ganzen merkwürdigen Figuren differenziert wiedergeben. Vor allem aber muss die sehr eigenwillige Redeweise des Kutschers Krächz eine sprachliche Herausforderung gewesen sein. Auf die Frage, wie er zu diesen Minipferden gekommen sei, erklärt dieser beispielsweise, sein Bruder hinterließ ihm „Stücker zwei Dutzend von den Tieren. Seine Frau hat natürlich nix mehr von wissen gewöllt.“ Und auf Englisch hört sich Krächz dann so an: „Laff mi tände, laff mi swit“.

Vladimir Sorokin
Der Schneesturm
Übersetzung:
Andreas Tretner
Kiepenheuer & Witsch
2012 · 208 Seiten · 17,99 Euro
ISBN:
978-3-462044591

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