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10 Jahre Wortschau, Literaturzeitschrift
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Kritik

Das Tagwerk eines Lebens

Volker Braun erzählt in 48 Schwänken vom Ende einer privaten und gesellschaftlichen Utopie

Tagwerk ist ein veraltetes Wort. Es meint das Maß für die an einem Tag geleistete Arbeit eines Arbeitenden. Langsam und schleichend verschwand es mit dem Beginn der Industrialisierung aus dem deutschen Wortschatz. Genauso ergeht es in der heutigen Zeit dem Wort ‚Arbeit’. Es versinkt immer mehr in Bedeutungslosigkeit und mit ihm ein ganzer Lebensentwurf, dem Volker Braun in seinem neuem Roman »Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer« ein Gesicht gibt.

Es ist das Gesicht eines Menschen, der seine gesamte Identität aus der Arbeit schöpft. In Umkehrung von Descartes’ ‚cogito ergo sum’ gilt für den Industriearbeiter Flick: »Ich arbeite, also bin ich.« Flick, der in seinem Arbeitsleben »zu jeder Tag- und Nachtzeit zur Stelle gewesen war, wenn eine Katastrophe hereinbrach« ist ein Produkt der DDR-Gesellschaft. Deren Ideologie und soziales Selbstverständnis speiste sich zu großen Teilen aus der Arbeit, wozu auch ein bestimmtes Menschenbild gehörte: der neue sozialistische Mensch, den Flick par excellence verkörpert. Was ist aus diesem neuen sozialistischen Menschen geworden nachdem es das dazugehörige Gesellschaftssystem nicht mehr gab?

Braun lässt seinen tragisch-komischen Helden der Arbeit durch die Lausitz der Nachwendezeit stolpern. Eine Landschaft, die für das Thema des Romans symptomatisch ist: Während die Arbeit hier einst zu Hause war, sich Tagebau an Tagebau reihte, hat sie jetzt die Städte, Dörfer und Menschen verlassen. Zurückgeblieben ist eine zerstörte, verwüstete Landschaft mit aufgegebenen Industrieruinen und riesigem Tagebaugerät, dass sich in die Hügelkämme der Abraumhalden wie schlafendes Urweltgetier schmiegt. Gekommen ist statt ihrer die Agentur für Arbeit. Ein neuer Abgott, der die Menschen alsbald genauso im Griff hat wie einst die Arbeit, deren Nichtexistenz sie jetzt verwaltet: »Es begab sich aber, daß ein Gebot ausging, von der Agentur für Arbeit und jedermann sich schätzen lassen sollte, ob er die Almosen verdiene.«

Die Agentur für Arbeit wird für Flick zum zentralen Anlaufpunkt. In immer neuen 1-Euro-Jobs rennt er – ein moderner Don Quijote – der verlorenen Arbeit hinter her. Als Sancho Panza an seiner Seite begleitet ihn sein Enkel Ludwig, der die Arbeit nur noch aus Erzählungen kennt, für den sie ein Mythos ist. Zusammen mit ihm schlägt sich Flick als Erntehelfer durch oder gräbt in einer grotesken Szene auf dem Friedhof des kurz vor der Abbaggerung stehenden Dorfes Horno die Verstorbenen aus, in ihrer ewigen Ruhe von der unter ihnen liegenden Kohle gestört.

Flicks Abgott ist die Arbeit, nicht deren Ideologie. Deshalb kann er die Altlasten seiner jahrzehntelangen Schaffenskraft auch selbstkritisch betrachten: »Er sah jetzt, aufgestockt, mit den erschrockenen Augen des Enkels die Landschaft, die sich meilenweit in alle Weltgegenden erstreckte (…) Der sah nur das entsetzliche Loch, in dem sie verschwunden war.«

Aber Flick ist auch ein unverbesserlicher Anachronist, der gegen die Flügel neu gebauter Windräder zu Felde zieht, weil die erneuerbaren Energien seinen altvertrauten Arbeitsplatz, den Braunkohletagebau, überflüssig gemacht haben. Überflüssig ist auch Flick plötzlich geworden. Es ist diese Erkenntnis, die ihn zu Fall bringt: »Er sah nach draußen (in die längst ausgekohlte Grube), d.h. sah in sich hinein, und in seinem Körper, in allen Fasern spürte er sie/ fehlte sie ihm.« Flicks Machwerk ist vollbracht. Doch die Arbeit lässt ihn auch im Tode nicht los. Er wird an einen Werktag beerdigt: »auf einem Acker begraben, unter dem ein Rest Kohle lag, wo er damit rechnen durfte, noch wieder herausgeholt zu werden; wozu er, wie wir ihn kennen, ohne weiteres bereit war.«

Flicks Geschichte ist ein weiteres Stück in Brauns eigenwilligem ‚Machwerk’. Braun weiß, wovon er schreibt, wenn er das Thema ‚Arbeit in der DDR’ aufgreift. Er hat lange Jahre selbst in einem sozialistischen Vorzeigebetrieb gearbeitet, der »Schwarzen Pumpe« in Hoyerswerda. Ein Sujet, was ihn nicht loslässt, er immer wieder in seinen Texten aufgreift, etwa in dem Theaterstück »Die Kipper« (1972). Braun ist ein Textarbeiter. Er lotet die Sprache akribisch in jeder nur denkbaren Bedeutungstiefe aus – Flicks Schwiegertochter bekommt das Sorgerecht für seinen Enkel zugesprochen: »Man hatte ihr das Sorgerecht zugesprochen (das war das Recht, sich Sorgen zu machen)«. Mit dem Themenkomplex ‚Arbeit’ verfährt er genauso: Braun will deren Form und Bedeutung in der heutigen Gesellschaft möglichst breit darstellen, viele verschiedene Perspektiven einnehmen. Bei einigen Szenen gerät er dabei etwas aus dem Gleis. Wenn er die Situation afrikanischer Migrationsarbeiter in Spanien mit Flicks Augen beschreibt, fällt die fehlende Authentizität auf. Diese Szenen wirken im Gegenzug zu den Beschreibungen der deutschen Verhältnisse in Vergangenheit und Gegenwart blass und leblos. Auch bei einem so exakten Beobachter der aktuellen Beschäftigungskrise wie Braun merkt man: Die Arbeit geht nie zu Ende.

Volker Braun
Machwerk
oder das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer
Suhrkamp
2008 · 221 Seiten · 19,80 Euro
ISBN:
978-3-518420270

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