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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Eigensinniges Sterben - glücklich komponiert

Hamburg

Ein Schriftsteller schreibt über einen Schriftsteller, der über einen Schriftsteller schreibt. Volker Harry Altwasser über Bruno Frank und dieser über Nicolas Chamfort. Keiner der drei ist auf einer Bestsellerliste zu finden. Ein wahrhaft ungewöhnliches und etwas kapriziöses Unterfangen. Man könnte glauben, dass kein Verlag ein solches Buch realisieren würde. Matthes & Seitz Berlin hat dies gewagt, unterstützt wurde der Autor allerdings durch sagenhafte vier Stipendien. Altwasser im Dank: „Gut, dass es Juroren gibt, die ästhetischen Eigensinn unterstützen.“

Als erstes fragt man sich natürlich, wer ist Chamfort? - Krieg den Palästen, Friede den Hütten - dieser Ruf, bekannt geworden über Georg Büchners „Der Hessische Landbote“, soll auf Chamfort, den Schriftsteller und Philosophen der Französischen Revolution zurückgehen.

Bruno Frank wiederum, ein jüdischer Schriftsteller, ging zeitig ins Exil und lebte von 1939 bis zu seinem Tod 1945 in den USA. Sein bekanntestes Werk „Sturm im Wasserglas“ wurde sechs Mal verfilmt. Zu dem legendären Film „Der Glöckner von Notre Dame“ mit Anthony Quinn als Glöckner schrieb Frank das Drehbuch. Er veröffentlichte Biografien, die bekannteste „Cervantes“ über den Schöpfer des Don Quichote. Franks letztes Werk blieb unvollendet. Es ist der Bericht über Chamfort, in dem er seinen Tod erzählt. Der Sterbende schreibt über einen Sterbenden, ein ewig Zweiter über einen Scheiternden. Diesen Bericht also greift Altwasser auf und gibt ihn in seinen Roman verflochten wieder. Gleichzeitig hat er sich intensiv mit Bruno Franks Leben und Schreiben befasst, um aus seiner Sicht dessen letzte Tage zu erzählen.

Die Haupterzählebene ist also der kurze Zeitraum vor Franks Tod, in denen er sich Chamfort widmet. Er lebt im Hause des Ehepaars Feuchtwanger, in der Villa Aurora. Heute eine begehrte Künstlerresidenz, in der Altwasser 2013 sein Stipendium nutzte, über Bruno Frank und dessen Bezug zu Chamfort nachzudenken. Und er versetzt in seinem Roman Frank und dessen Frau in dieses Haus. Bruno diktiert seiner Frau, die kommentiert, diskutiert oder sich gar weigert DAS niederzuschreiben. Denn auch Chamfort ist in seinen letzten Tagen nicht allein. Bruno erfand ihm die „liebste Schreibhilfe“, die 16-jährige Denise, die dem sterbenden, stinkenden alten Mann mit einem ausschweifenden Liebesspiel einen letzten Lichtblick verschafft. Angesichts der ausführlichen Beschreibung der ja eigentlich unappetitlichen Szenen nimmt Frau Frank den Gedanken der Leserin auf: „Dass man im Alter pervers wird“ oder „Das ist doch Pornografie“. Dessen ungeachtet lässt Frank ungerührt seinen Helden „mit langen Fingern“ in Denises „Liebesgrotte“ rühren und so weiter. Bis Frau Frank das Schreibgerät in hohem Bogen in den Swimmingpool wirft. Auch sie war 16, als sie sich Frank hingab und in der Beschreibung von Denises tollen Treiben erkennt sie sich wieder. Sie fühlt sich verraten. Vielleicht hat Altwasser recht, warum sollen Sterbende sich nicht noch einmal die schönsten und geilsten Bilder ihres Lebens vor Augen führen. Dass man als Leserin jedoch größtes Verständnis für den Abscheu Frau Franks vor Altmännerphantasien hat, ist wiederum ein überaus geschickter Schachzug des Autors Altwasser. Frau Franks intimste Erinnerungen einem Publikum preisgegeben!   

Chamfort erzählt also Denise seine zahlreichen Liebesabenteuer mit bestimmter Absicht um Denise oder seine eigene Phantasie in Fahrt zu bringen. Bei den Franks hat sich aus diesem Anlass ein Abgrund aufgetan, den Elisabeth Frank als Tochter eines berühmten Schauspielers freundlich überbrückte - die letzten Stunden ihres Mannes nicht zu verderben.

„Glückliches Sterben“? Chamfort legt selbst Hand an sich, bevor Robespierres Häscher ihn fangen. Bruno Frank stirbt in freudiger Erwartung des „Zauberers“, des hochverehrten, leider aber so zurückhaltenden Freundes Thomas Mann. Dieser hat sein Kommen zugesagt und ist auf dem Weg, als Frank stirbt. „Glückliches Sterben“ ist aber auch ein Roman übers Schreiben.

Gefunden hat Altwasser erstaunlich Aktuelles. So lautet das dem vierten Kapitel vorangestellte Zitat von Chamfort: „Heutzutage ist der Literaturerfolg eine einzige Lächerlichkeit.“ Der Leser stutzt und denkt kurz an die Debatten des diesjährigen Bücherfrühlings. Chamfort ist natürlich ein Verbitterter, einer, der früh mit Ruhm verwöhnt, von Marie Antoinette gehuldigt und mit einer Pension belohnt und bald von einer Intrige zu Boden geworfen, sich ins „Kloster der Autoren“ ins Schweigen zurückzieht, nur noch bitter dunkel schimmernde Brocken ausstoßend: „Ruhm ist Zufall“, „Berühmtheit ist Bestrafung des Talents“.

Als Bruno Frank seine Frau fragt, wer denn seinen Chamfort- Roman zu Ende schreiben solle, falls Frank vor dessen Beendigung sterben würde, antwortet diese: „Vielleicht schreibt es dir dein Freund Thomas zu Ende?“ Bruno schüttelt den Kopf, man habe nichts übrig für die Scheiternden, die Versager. Hier ist schon interessant, in welche Reihe sich der so bescheiden wirkende Schriftsteller Altwasser mit einem Nebensatz bringt. Denn er führt das Fragment weiter, unter das im Roman Frank die bedeutungsvollen Worte ENDE schreibt, und dieses Ereignis soll im Hause der Feuchtwangers groß gefeiert werden, sogar der langersehnte „Zauberer“ ist schon auf dem Weg. Altwasser also übernimmt die Feder nach 70 Jahren und sucht nach den Gemeinsamkeiten zwischen Frank und Chamfort, möglicherweise aber sind es doch eher die gemeinsamen Erfahrungen nach einer Revolution, (man ist versucht, das Wort in Anführungszeichen zu schreiben) die eher Altwasser und Chamfort verbinden. „Freiheit durch Gleichheit, das ist die Losung, die ich der Revolution vor einigen Jahren mitgegeben habe, als die Bastille fiel. Doch nun wird mir klar, dass Freiheit die Unmöglichkeit ist.“

Altwasser macht es seinen Lesern auf den knapp 200 Seiten wirklich nicht leicht. Eine Grobsortierung könnte so aussehen: Frank bedient sich Chamforts verbitterten Sterbens und dessen zynischer Welt- und Menschensicht und gönnt ihm im Gegenzug eine schöne geile Begegnung mit der 16-jährigen Schreibhilfe, von ihm angefacht und von Altwasser ausgeführt. Und Altwasser gibt Chamforts Revolutionsrückblick den Focus von heute, neben einigen treffenden Spitzen gegen den Literaturbetrieb. Das ist kunstvoll konstruiert und wird wohl leider nur von wenigen wahrgenommen werden.

Volker Harry Altwasser
Glückliches Sterben
Matthes & Seitz
2014 · 203 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-88221-197-9

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