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Kritik

Ein Rätsel bleiben

Zunächst einmal frage ich mich, was den Lyriker und Lessingpreisträger Volker Sielaff dazu veranlasst hat, sein Buch „Selbstporträt mit Zwerg“ zu nennen?! Ich gehe doch nicht in einen Buchladen und frage den Händler, haben Sie „Selbstporträt mit Zwerg“ vorrätig? - Und alles dreht sich nach mir um und denkt, der ist auf der Suche nach der launigen Autobiographie eines Fernsehgärtners aus dem Morgenmagazin! Dieser mißverständlich ironisch gemeinte, vermutlich den Willen zur Bescheidenheit oder zum Understatement andeutende Titel ist schon deswegen fehl am Platz, weil er keinesfalls der Grundstimmung der Gedichte  gerecht wird. Denn die Qualität der Lyrik Sielaffs liegt wohl kaum in augenzwinkernder Komik, als viel eher in ihrer Melancholie und Nachdenklichkeit. Es sind Erzählgedichte, in deren substantieller Fülle man sich im besten Sinne verlieren kann, ausgestattet mit einem reichen kulturellen Reservoir: René Char, Hart Crane, Platon, Courbet, Ponge, Gauguin, Creeley, Williams, Pound, Weil, Hamann, Tarkowski untermalen und durchziehen die Texte,  jedoch ohne daß der Dichter sie uns betont bildungsbeflissen aufzudrängen sucht. Es sind kulturhistorische Zwischenspiele in Form von Bild- , Foto- oder Museumsgedichten, die der Autor nach den Geheimnissen durchstreift, die sie ihm zu bieten haben. Genau hier liegt eine der Intentionen des Lyrikbandes - in der Aufrechterhaltung des Mystischen.

Das Interesse Sielaffs ist es nicht, das Rätsel in einer Pointe zu lösen, sondern vielmehr es vorzufinden und es dabei zu belassen. Das Rätsel um des Rätsels willen beizubehalten, weil die Vorfindung desselben das eigentlich Erstaunliche ist. Eine der neun Abteilungen, in die sich die Gedichte unterteilen, ist deswegen explizit mit „Im Rätsel aufgehn …“ übertitelt. Durchgängig merkt man den Texten ihre lokale Gebundenheit an, jedoch ohne daß sie so etwas wie Heimatverbundenheit postulieren. Schon die Umschlagabbildung suggeriert einen eher verstohlenen Blick aus einem Flugzeug hinaus in die Weite. Und der Blick bleibt verstohlen, weil es die nähere Welt zwischen Wäscheleine, Wiese und Familie ist, die Sielaff zu einem Kosmos öffnet, weil es ihm Kosmos genug ist, vor dessen Sentimentalität er indes selber warnt: „Manchmal ist dir nach rührseligem Kitsch / Aber das sind schwache Momente // Dann wieder Eis, Kantiges / das Gegenteil von Handwerkskunst // Zusammengeschnurrt auf diese eine Formel / was bedeutet das? / Wir sind Eispickel, unser tägliches Klopfen / gegen den Berg. Gestrandete / Kugelform, Erlösung / das Kindsein erledigt sich nicht / von selbst.“ (S. 43).  Es ist das Anliegen des Dichters, das Staunen zu reanimieren, sei es in platonisch genährten Meditationen über Licht und Leere, den vorurteilsfreien Erkenntnissen des kindlichen Gemüts oder dem Nachspüren der Tierwelt in ihrer Kreatürlichkeit. Immer entsteht eine Welt, die die zivilisatorische Fassade in Frage stellt und die abgestumpfte Moderne aus ihrer Gewöhnlichkeit (- um nicht zu sagen, Banalität) holt; dies geschieht plötzlich, in überraschenden Metaphern, in freien Rhythmen, und mit einem Gespür für ruhig dahinfließende Melodik: „Es gibt immer wieder solche Menschen, sagst du, Mystik / ist Sex mit Gott. Sie konnte nicht satt werden, die kindliche / Revolution nährte sie nicht. So ging sie den anderen Weg, hortete / Feuerwerkskörper in ihrer Seele, um sie eines Tages / zu zünden unter einem rosa Himmel, gefilmt / von dreizehn Kameras.“ (S. 74) Eingestreut finden sich mitunter variierte Zitate von Grünbein oder Hofmannsthal, wie "die Antworten fallen mir wie Pilze aus der Tasche" (S. 13).

Ein weiterer Aspekt ist die christliche Religiosität; hier gibt es gewisse Ähnlichkeiten Sielaffs zu seinem Dichterkollegen Christian Lehnert („Aufkommender Atem“, 2011) zu entdecken. Beiden geht es in ihren jüngsten Werken um die Remystifizierung des Daseins, um ein Glauben-Können, doch was bei Lehnert wie ein Gesang aus ferner Zeit anmutet, erscheint bei Sielaff weltlicher, diskutabler, oder wird in die Vorstellung eines Kindes hineinprojiziert, um dort entweder in Frage gestellt, oder wie im Gedicht „Atem“(sic!), vom Sündenfall über Bethlehem bis in die Gegenwart transferiert zu werden: „ich dachte / an den Atem der Tiere über der Krippe / wo das Rosige so schön gebettet lag, ein Bündel / Balsam. In der einen Nacht, die Könige / hatten einen Traum, sie liefen dem Stern nach / wie einer alten Idee. (Weihrauch. Gold. Myrre.) // (S. 32) und dann am Schluß: „Schnell ging dein Atem. Wir beugten uns / über dich, lauschten. Bis auch uns der Schlaf / überkam, und jetzt / kommst du mir schon entgegengelaufen, in deiner Hand / dieser rote, rosige Apfel. Ich drücke / auf den Auslöser, das Bild / schnurrt aus der Kamera, dein Biss / in den Apfel, - / Beginn.“ (S. 33).

Nach meinem Empfinden erreichen die Texte ihren Höhepunkt etwa in der Mitte des Lyrikbandes, im schon erwähnten Kapitel „Im Rätsel aufgehn…“ Gedichte wie „Letzter Mensch“, „Erster Mensch“ oder „Letztes Tier“ klammern mit enormer Wucht und satten Bildern das Erdendrama zwischen Archaik und Moderne, sie knüpfen im besten Sinne an die Traditionen der angloamerikanischen Erzähllyrik eines Allen Ginsberg oder Seamus Heaney an: „Sie hievten Knochen aus dem Aschegrab / Regen hatte den Schädel des Nashorns freigelegt / es muss alles schnell gegangen sein, beinahe so / wie jemand im Zimmer das Licht ausknipst / Ein Katastrophenfilm, an den sich niemand mehr / erinnert, Alltag hat ihn überrollt.“ (S. 51) Volker Sielaff porträtiert sich selbst als Fragestellender in einer Welt, die uns längst schon in Frage stellt; und er resensibilisiert uns dabei anspruchsvoll für die ein oder anderen verplemperten Dimensionen als „die Tage endeten ohne zu vergehen“ (S.28).

Volker Sielaff
Selbstporträt mit Zwerg
luxbooks
2011 · 100 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-939557982

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