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Kritik

Imagination als Utopie

Klaus Martens stellt die Lyrik von Wallace Stevens vor
Hamburg

„Wenn Stevens irgendetwas durchgehend kennzeichnete, dann war er Hedonist und Lyriker“, schreibt Klaus Martens in seinem Vorwort zu dem Gedichtband „Die Weitung alles Sichtbaren“. Mit fünfzehn sorgfältig ausgewählten Gedichten, das früheste von 1914, das älteste aus Stevens Todesjahr 1955, zeigt Martens einen kleinen Ausschnitt aus dem vielfältigen Werk des Dichters. 

Klaus Martens ist ein profunder Kenner und Übersetzer von Wallace Stevens, mit dem er sich auch in literaturwissenschaftlichen Abhandlungen beschäftigt hat. Der Band ist zweisprachig, dem amerikanischen Original hat Martens jeweils seine deutsche Übersetzung gegenübergestellt.

1879 in Pennsylvania geboren, arbeitete Stevens ab 1915 als Anwalt in einer Versicherungsgesellschaft und später als deren Vizepräsident. Er verdiente gut, reiste häufig in den Vereinigten Staaten herum, die er allerdings bis auf einen Urlaub in Havanna nie verlassen hat.  

In seiner Dichtung steht Stevens den englischen Romantikern (John Keats, Percy Bysshe Shelley), den französischen Symbolisten (Stéphane Mallarmé, Paul Valéry) sowie den Amerikanern Ralph Waldo Emerson und Walt Whitman nahe.

Der Lyrikband beginnt mit dem starken Gedicht  „An einen alten Philosophen in Rom“. Es stammt aus dem Jahr 1952 und beschreibt das Sterben (in Rom) des  spanisch-amerikanischen Philosophen George Santayana. Er  war in Harvard Mentor des Jurastudenten Stevens gewesen  und die beiden blieben ihr Leben lang freundschaftlich verbunden.   „Auf der Schwelle des Himmel werden die Passanten / Gestalten des Himmels“. Diese erste Zeile des langen Gedichtes gibt den Ton der Hommage vor. Anhand von Menschen und Dingen, die den Sterbenden umgeben, beschreibt Stevens den veränderten „Wahrnehmungshorizont“.

„Das Murren der Zeitungsjungen / wird ein anderes Gemurmel; der Geruch / von Medizin, ein unverderblicher Duft…  Es gibt ein „Dämmern in den Tiefen des Wachens“ , in der „Weitung alles Sichtbaren“.

Zu den drei langen Gedichten in dem Band gehört auch das frühe Gedicht „Sonntagmorgen“. Stevens hat es 1915 geschrieben und es zählt zu seinen berühmtesten Gedichten. In der modernen Auseinandersetzung über die Bedeutung und den Zusammenhang von  Göttlichkeit und Natur setzt er sich  zum ersten Mal kontemplativ mit diesen immer wiederkehrenden Motiven auseinander. Zuerst wird das Bild eines normalen  Sonntagmorgens heraufbeschworen: „Beschaulichkeit im Negligé“ und spät noch / Orangen und Kaffee auf besonntem Sitz, / und die grüne Freiheit eines Kakadu“. Doch bereits in der fünften Zeile ist von der „Andachtsstille alten Opfergangs“ die Rede und „Orangenduft und leuchtend grüne Flügel / scheinen Teile einer Totenprozession“.  Die Zutaten eines schönen Sonntagmorgens sind nicht mehr ausreichend. Was ist Göttlichkeit, was ist das Paradies? fragt der Dichter in den formal gleichförmigen acht Strophen mit je fünfzehn Zeilen.  Göttlichkeit, so eine Antwort, darf sich nicht „in Traum und stillen Schatten zeigen“. Sie soll in der Natur zu finden sein und diese Programmatik durchzieht selbst die Wortwahl („Sonnentrost“, „Regenpassion“). In der irdischen Realität kann man das Paradies und einen Neuanfang suchen oder  -  wie es in einem anderen Gedicht (Tee im Palas des Hond) heißt - „Ich war die Welt, in der ich schritt, und was ich sah, / fühlt‘ oder hörte, kam nur von mir allein; / und dort fand ich mich wahrer und viel fremder.“  Denn, das „Unvollkommene ist unser Paradies“, erläutert der Dichter in „Die Geschichte unseres Klimas“. Und, so fährt er fort: „Seht, in dieser Bitternis, die Freude, / weil das Unvollkommene so heiß in uns ist, / in brüchigen Worten, in störrischen Lauten.“

Eine wesentliche Aufgabe  der Poesie  – hier trifft er sich mit den französischen Symbolisten – ist für ihn die Imagination. Sie durchzieht in den vorgelegten Beispielen die meisten seiner Gedichte.  Es ist eine Imagination, die ihren Bezugspunkt in der Natur hat. „Man muss des Winters sein, / um den Frost zu sehen und die Zweige / der schneeverkrusteten Kiefern“, schreibt Stevens in „Der Schneemann“. Aber dann kann sie im wahrsten Sinn des Wortes Berge versetzten, „da war es, Wort für Wort, / das Gedicht, das an Bergesstelle trat.“ In „Puella Parvula“ beschreibt er in poetischen Bildern („Jeder Sommerfaden ist endlich entflochten“) den beginnenden Herbst, um schließlich wieder auf die Imagination zurückzukommen „über all dies triumphiert die gewaltige Imagination / in dieser Gedächtniszeit wie eine Fanfare, wenn / die Blätter fallen wie Trauer um Vergangenes“. Letztlich bleibt sie in ihrer Vollendung eine Utopie. Eine Wunschvorstellung, die Stevens in dem Gedicht „Somnambulisem“ der zerstörten Natur (und Gesellschaft) gegenüberstellt. So kann wie in der Romantik nur ein Mondsüchtiger sprich Anhänger der Imagination diese ferne Welt erkennen.

„Fast erfolgreich muss sich das Gedicht / dem Verstehen widersetzten“, schreibt Stevens in  „Mann trägt Gegenstand“ und auch der Leser hat es nicht ganz leicht, wenn er sich auf den Kosmos dieser Gedichte einlässt. Klaus Martens mag das geahnt haben. Deshalb ist es gut, dass er in einem Anhang zu jedem Gedicht eine kurze Hintergrundinformation  gibt.

Zum Schluss seien noch zwei Verse aus „Bantams in Pine-Woods“, dem einzigen dadaistisch anmutenden Gedicht, zitiert.  Bitte laut lesen!  „Chieftain Iffucan of Azcan in caftan / Of tan with henna hackles, halt!”“ Wie man sieht, hatte Stevens auch  Spaß am Spiel mit der Sprache ( „the gaiety of language“). Und Klaus Martens wahrscheinlich auch. “Großkhan Fallsukan von Wykan im Kaftan / aus Kaffeeflaum mit Henna-Kamm, halt!“

Wallace Stevens · Klaus Martens (Hg.)
Die Weitung alles Sichtbaren
Gedichte, zweisprachig
Übersetzung:
Klaus Martens
Einleitung und Anmerkungen Klaus Martens
Mattes
2013 · 48 Seiten · 14,80 Euro
ISBN:
978-3-86809-072-7

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