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Kritik

Auf einem Strohhalm balancieren

Walle Sayers neuer Gedichtband »Strohhalm, Stützbalken«
Hamburg

Leise muß man sein, unauffällig, unsichtbar, man muß sich anschleichen können, stehenbleiben, Geduld haben und dann zurücktreten hinter das, was vor den Augen und Ohren ist, um es wahrzunehmen, bevor man es überhaupt ins Gedicht holt. Walle Sayer versteht sich auf diese Kunst: Intensives, insistierendes Beobachten, meditative Ruhe, hohe Einfühlung haben seine Gedichte zu Gemmen geschliffen. Es weht keine andere Zeit, wohl aber eine andere — will heißen: ungewöhnlich ausgeglichene — Haltung durch Sayers Gedichte, eine, die sich nicht scheut, die tausend Einzelheit der Natur & Umgebung ernst und beim Wort zu nehmen: „Ein Eiszapfen / träufelt Augentropfen / in das Starren der Tonne.“ (Fenstervignette)

Die meisten Gedichte des Bandes „Strohhalm, Stützbalken“ sind aus Einzelbildern komponiert. Nicht das argumentative Gerüst oder der voranschreitende Bericht erzeugt die Binnenspannung, sondern die Zusammenstellung, die vom Assoziationsraum der Überschrift vorgegeben wird. „Katzentapser und wie es auf Mülltonnen schneit. / Fern werden Nachttresore geleert und Kummerkästen. / Dumpf fliegt ein Spatz gegen die Scheibe.“ (Weckton) Jedes Gedicht ist ein kleiner Raum in einem Museum, in einer Ausstellung, an den Wänden die Bilder sorgfältig arrangiert, aufeinander abgestimmt. Jedes Gedicht — und erst recht das ganze Buch — ist somit ein Gang durch einen Wahrnehmungsfilter.

Wie das Gedicht dabei die Perspektiven austauscht, verdreht, ins Gegenteil verkehrt, zeigt bereits der Titel. Der zarte Strohhalm verwandelt sich unter der Hand des Autors zu einem tragfähigen Stützbalken. In dem Gedicht, dem dieser Titel entnommen ist, finden sich ähnliche Notate einer solchen Gegensprüchlichkeit: „Der Wicht / in allem Wichtigen“, „Jammerschönes, / Wenigvieles“. Das Geringe, vielleicht sogar ein wenig Hutzlige bekommt die Aura des Wesentlichen übergeworfen; und was für die einen nur Abfallalltägliches am Wegrand ist, an dem man schnell vorbeigeht, rückt bei Walle Sayer in den Fokus.

Aufhellung
Mückenflirren
stützt die Brunnenfigur.
Am Marktstand gibt’s
die ersten Mirabellen.
Ein Geigenstrich
kreuzt einen Sonnenstrahl.
Musikschulfenster
stehen offen.

Luftleicht und geerdet. So wechseln sich die Beobachtungsfolgen mit Erinnerungssequenzen ab. Denn die Substanzen der Erinnerung und der Erfahrung sind beide ähnlich flüchtig. Walle Sayer nähert sich ihnen mit einer pastoralen Feierlichkeit, hinter der immer wieder der verschmitzte, schelmische Blick vorblitzt. Seine Wortspiele offenbaren eine gehörige Portion Humor, wobei es nicht linguistische Falltüren, die in die unaussprechliche Tiefe der Sprache führen, zu entdecken gilt; vielmehr stellt das Wortspiel eine Initialzündung dar, um verborgene Zusammenhänge aufzudecken, unerwartete Metaphern, stets hintersinnig, sogar ein bißchen weise. Walle Sayers Poesie ist eine, die aus der Welt kommt und ihr, im Austausch, den oft schon verloren geglaubten Glanz wieder zurückgeben kann.

Walle Sayer
Strohhalm, Stützbalken
Klöpfer&Meyer
2013 · 120 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-86351-056-5

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