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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Um den kleinen gelben Kreis das Grüne …

Texte und Gedichte von Wassily Kandinsky
Hamburg

Die Kunstgeschichte ist voller Doppelbegabungen, von bildenden Künstlern also, die sich auch als Musiker und Dichter versuchten, oder von Musikern, die auch in den anderen Fächern aktiv waren. Kurt Schwitters, Arnold Schönberg und eben Wassily Kandinsky gehören zu jenen, für die die Kunst sich eben nicht nur auf eine Tätigkeit beschränkte. Gerade in den Zeiten der ersten Avantgarde um 1910, die sich ja eben um Kunst selber nicht mehr wirklich scheren und auf ein Neues hinaus wollte, ist es fast selbstverständlich, dass neben dem bildkünstlerischen Werk auch ein literarisches existiert.

Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass das Neue in der Kunst gerade als Neues im Leben Erklärung brauchte, zum Teil sogar die Grenzen zwischen Kunst und Leben niederzureißen versuchte. Diese Leute meinten es ernst damit, dass die Kunst eine neu Form zu leben begründen könne, und sie taten alles, was in ihre Macht stand, um dies auch zu vermitteln. Mit gutem Grund, denn ihr Publikum war auf eine solche Kunst nicht vorbereitet – auch wenn sie sich schon lange angekündigt hatte und außerordentlich gut zu den Verhältnissen passten, die nun als Alltag auszuhalten waren.

Diese Kunst hatte nichts mehr mit der Feiertagskunst zu tun, in denen sich der Bürger für einen Moment aus der Niedertracht seiner eigenen Existenz erheben konnte. Erhabenheit, Schönheit – das waren seine Kunstwelten. Und obwohl keineswegs alle Modernisten politisch fortschrittlich, offen oder modern waren, waren sie doch zugleich Protagonisten einer völlig neuen Welt – mit den wenigen Momenten, in denen sie sich nach den guten alten Zeiten sehnten, in denen auch sie – vermeintlich – eine bessere Rolle gespielt hatten.

Das schließt esoterische Erklärungs- und Denkmuster überhaupt nicht aus. Ganz im Gegenteil. Gerade weil diese Künstler die gegenständliche Welt in Farben, Formen, Strukturen, Muster und Dynamiken auflösten, waren sie für nicht-rationale Denkformen – ja auch für sprachlich-experimentelle Schreibformen empfänglich. Wer malen kann, kann auch dichten? Er kann zumindest niederschreiben, was ihm parallel zu seinem bildkünstlerischen Schaffen durch den Kopf geht und dies, ähnlich wie sein bildkünstlerisches Werk, mit dem Kunstcharakter versehen. Nur gelernt haben sie es nicht, was nicht gegen diese Texte spricht: Auch wenn jemand nicht mit demselben Feuereifer literarische Formen und Möglichkeiten durchprobiert, um sie sich gefügig zu machen, wie dies von Brecht bekannt ist, muss ihm weder Kompetenz noch Kunstcharakter abgehen. Darf auch eigentlich nicht. Dazu ist die Genie-Folie denn gerade in der Literatur doch zu stark. Aber selbst solche Verfahren wie automatisiertes Schreiben oder Zufallsdichtungen müssen erschlossen, erprobt und – am Ende – auch erlernt werden.

Das widerspricht ja eben nicht der Idee, dass dem Dichter das Werk zufällt, zumindest ist dies das Konzept der Genieästhetik, die noch bis heute nachwirkt. Auch ein Rilke hat seine Inspirationen nicht rationalisieren mögen. Die Entstehungsgeschichte seiner „Duineser Elegien“ ist bis heute unwidersprochen - und wohl eine der gekonntesten Inszenierungen in der jüngeren deutschsprachigen Literatur. Nur das Genie kann so empfangen, was die Nachahmer ja provozierte und – eben wieder – Brecht zu ziemlich gehässigen Bemerkungen anregte.

Wassily Kandinsky ist bei aller Modernität seiner Malerei nicht zuzusprechen, dass er ein hochkarätiger und eigenständiger Autor gewesen ist. Sein literarischer Werk ist dem bildkünstlerischen zu und nachgeordnet und verschwindet hinter ihm nahezu. Dennoch war er zweifellos ein produktiver und reflektierter Schriftsteller, wie seine schriftstellerischen Arbeiten um 1920 zeigen. Allerdings störten sich schon die Zeitgenossen, wie Alexander Graeff in seinem Nachwort zu „Vergessenes Oval“ berichtet, an seinem unklaren Stil. Borniertheit oder angemessen? Jedenfalls ist das keine Überraschung, eben nicht nur weil Kandinsky literarisch mit in neue Areale vorstieß, sondern auch, weil er sich gegen das zunehmend materialistisch und naturwissenschaftlich fundierte Weltbild wandte und sich alternativen, eben doch esoterischen Erklärungsmodelle zuwandte, wie sie um 1910 kurrent waren. Die Theosophie, die Graeff erwähnt, ist nur eines von ihnen.

In diesem Band haben die Herausgeber jene Gedichte Kandinskys gesammelt, die in den Jahren 1885 bis 1920 entstanden sind. Drei russischsprachige Jugendtexte wurden von Alexander Filyuta ins Deutsche übersetzt (die Originale sind den Übersetzungen beigegeben). Ebenso weitere Texte, die von Kandinsky in beiden Sprachen verfasst worden sind. Die übrigen stammen aus dem Korpus, aus dem Kandinsky seinen 1913 bei Piper erschienenen Gedichtband „Klänge“ zusammengestellt hat. Ein zweiter Textkorpus stammt aus den Jahren nach dem Erscheinen von „Klänge“, so dass der Schwerpunkt des Bandes bei Texten um 1910 herum liegt. Dass die drei Jugendgedichte ein wenig abfallen, eben weil sie konventionell sind, macht ihre Aufnahme ein wenig rätselhaft. Ein Gedicht wie „Poesie“ ist ein Fremdkörper in dieser Sammlung:

„Die Blüten der Poesie sind überall verstreut. / Versuch‘, sie zu einem immergrünen Kranz zu flechten. / Du bist gefesselt, trotzdem bist du frei. / Du bist allein, trotzdem bist du nicht einsam.“

Aber auch die späteren Gedichten muten aus heutiger Sicht vielleicht ein wenig angestaubt an – was vor allem daran liegt, dass die Verfahren, die Kandinsky anwandte, mittlerweile bekannt genug sind. Graeff beschreibt vier Verfahren: Opposition, Kreisbewegung, Iteration und Reduktion, allesamt literarische Umgangsformen, die den Fokus auf die Form legen und sich um den Rest nur bedingt kümmern.

Sprache wird damit strukturell reduziert. Die konventionellen Gedicht- und Textformen werden nachrangig, die Bewegungen, die dem Text auferlegt werden, stehen im Vordergrund. Das erinnert nicht zuletzt an musikalische Verfahren, in denen die erzählerischen oder reflektierenden Anteile gering sind, nicht zuletzt, weil in der Musik nonverbale Symbolformen dominant sind. Klänge und Tonfolgen zu interpretieren ist ein ungeheurer Akt und kaum kodifizierbar.

Dennoch streben die Texte nach Sinn, also nach einer Auslegung:

„Leer // Links oben in der Ecke ein Pünktchen. / Rechts unten in der Ecke ein Pünktchen. / Und in der Mitte gar nichts. / Und gar nichts ist viel. Sehr viel – jedenfalls / viel mehr als etwas.“

Was ist dagegen zu sagen?

Wassily Kandinsky · Alexander Graeff (Hg.)
Vergessenes Oval
1866 - 1944
Übersetzung: Alexander Filyuta ILLUSTRATIONEN: Christoph Vieweg
Verlagshaus Berlin
2016 · 18,90 Euro
ISBN:
978-3-945832-22-6

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