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Kritik

Vom Echo im Sprechen

Werner Söllners Lyrikband "Knochenmusik"
Hamburg

Vielen Gedichten muss man sich sprechend nähern. Man muss sich selbst Wortbrücken bauen, um sie zu verstehen. Nicht so bei denen des rumäniendeutschen Dichters Werner Söllner. Sie bauen die Wortbrücken zum Leser mit einfachen Wörtern wie "Welt" oder "Meer" oder "Mund", mit Sätzen wie: "Guten Tag, Sprache.", mit Texten wie:

Jeder Mensch hat
ein Geheimnis.

Für den einen
ist es ein Abgrund; wenn er
hineinschaut, stürzt er
zu Tode. Für den anderen ist es
eine Brücke über den Abgrund.

Seine Sprache ist die Sprache des Alltags, und er schreckt auch nicht vor umgangssprachlichen Wendungen zurück: "… Heile Haut, hirn- / verbrannt, gehorsamst herübergeredet / die Zunge …"  Selbst wenn Werner Söllner am Rande der Sprache wandelt und damit an Paul Celan erinnert, habe ich das Gefühl, ich verstehe, was er sagt, wenn er zum Beispiel sagt: "Freiheit, wort / los zu sein!" Ich kann ihm, anders als Paul Celan, immer folgen, wenn er in den Abgrund schaut –


Als sei jenseits der Sprache
eine andere, flüssige Welt. Als tauchte
die Angst aus dem Wasser
und verwandelte sich in ein ungeheuer
einfaches Leuchten.  …
(aus: Seestück)

auch wenn ein Wort wie "Angst" grundsätzlich eine sehr individuelle Semantik hat. Vielleicht liegt das auch daran, dass es sich bei den Texten um Ich-Gedichte handelt. Bestimmt liegt es aber daran, dass Werner Söllner der einfachen Sprache vertraut und mit eher traditionellen lyrischen Mitteln arbeitet, mit dem gekonnten Zeilensprung, bisweilen dem Reim, dem Spiel mit Redewendungen und dem Bild, als Metapher, als Allegorie und ganz selten als Chiffre – bisweilen auch mit kaum bemerkbaren Anspielungen auf bekannte Gedichte.
Der Band beginnt mit einem Vater-Gedicht ("Hinterlassenschaft"). Auch hier schleicht sich die Angst ein, sehr elegant wird sie vom Autor mit einer Madonna verknüpft, ob in Form einer Aufzählung oder als Apposition, bleibt unklar.


In der Schublade ein paar Kilo
verstaubtes Papier, in gewissem Sinne
Gedichte, darunter die Angst, eine kleine Madonna
in Leder.

In der letzten Strophe stellt der Text mit dem Bild des Vatermundes eine Verbindung sowohl zum nächsten Text über die Mutter des lyrischen Ichs her, das deren Mund bedrückend intensiv betrachtet, als auch zum eigenen Mund des lyrischen Ichs und damit zum Sprechen, zur Sprache, zum Schreiben …  Solcherart vielschichtig sind die Bilder des Bandes, ist dessen Komposition. Und damit nicht genug: Im folgenden Mutter-Gedicht schaut der Sohn auch noch in einen anderen Mund, den Muttermund, aus dem "mit Schleim / verschmiert, die Welt ans Licht / gekrochen ist." ("Mutters Mund")

Der dritte Text im Band ("Quastenflosser") kann sowohl als Dinggedicht, als auch als Allegorie gelesen werden. Letzteres ist die Lesart der Rezensentin, die darin eine mögliche Metapher für den Schriftsteller sieht, was ja durchaus rumäniendeutscher Tradition entspräche (siehe zum Beispiel Rolf Bosserts "Neuntöter"). Eine solche Metapher wäre für einen Dichter wie Werner Söllner sehr eindimensional, wenn nicht die letzte Strophe wäre, die den Text in noch andere Gedankenwelten zieht:


Seit man ihn wiederentdeckt hat, werden ihm gelegentlich
Ultraschallsender ins Fleisch geschossen – er reagiert gar nicht
darauf. Ein Beweis für die lebenserhaltende Macht
der Gewohnheit, sofern man sie Millionen Jahre
fernab von allen Beobachtern auslebt.

Als Schreibende weiß man, wie genial solche Zeilen sind, die ein Sujet sprachlich so verdichtend auf den Punkt bringen. Schon für sie lohnt es sich, den Gedichtband "Knochenmusik" zu lesen. Sie finden sich in vielen der Gedichte. Und man weiß auch, dass viele Gedichtbände ganz ohne solche Zeilen auskommen müssen.
Da wirkt eine Zeile wie:  "Die Welt ist unter die Redner / gekommen …" ("Korrigierter Entwurf") beinahe wie ein Kalauer, wenn auch die Aussage interessant ist und ein Thema des Bandes darstellt. In diesem Gedicht klingt erneut ein von Celan verwendeter Begriff, das "Sprachgitter" an:

… Reich mir  
das Schweigen, sprich durch das Gitter  
zwischen den Zeilen, aber halte die Hand  
vor den Mund. Ein einziges offenes Wort  
und du verschwindest.

Ein anderes Thema im Lyrikband ist das Erschrecken dessen, der (auf)wacht, der sich plötzlich selbst gegenübersteht und seine Illusionen verloren hat. Einige Interpreten ziehen hier Schlüsse über die Person Werner Söllner und seine Geschichte – als seien die Gedichte Notationen seines persönlichen Schicksals und nicht Texte, die Überindividuelles auszudrücken vermögen. Dies erscheint der Rezensentin phantasielos und überdies wie eine Abwehr eigener Gefährdungen.

…  
Der Raum ist krumm  
mehr als wir dachten.  

Wer sehr in Eile ist  
darf verschwinden /
vor der Zeit.

(aus: "Erschrecken, nachts")

Wer solche Zeilen nicht auch als Ausdruck eigenen existenziellen Erschreckens verstehen kann, der hat, Verzeihung, nicht wirklich gelebt.

Einige Gedichte im Band sind, wie schon gesagt, gereimt. Sie wirken auf die Rezensentin sehr in sich geschlossen, wenn nicht gar sich selbst genug. Sogar dort, wo sie das Grauen im Wort transportieren, kommen sie durch Rhythmus und einfache Reime sehr leicht daher, so leicht, dass es schwer fällt, hinter ihrem Humor, ihrem Sarkasmus die Gefahr zu erkennen. Und diese ist in Söllners Texten immer der Tod. Am deutlichsten wird dies im Titelgedicht ("Knochenmusik"):


Der Engel, der mir zu Kopfe stieg,
er war schwarz anzuschauen.
Auf dem Heimweg lag Knochenmusik  
überm Wasser, dem grauen.

Wie schön, dass Werner Söllner das Wort "Knochenmusik" als Titel für den Band wählte. Was transportiert dieses Wort nicht alles. Man denkt an das Osteophon in Borcherts "Draußen vor der Tür" genau so wie an den menschlichen Musikknochen. Darüber hinaus erinnert das Wort auch an die westliche Musik, die in den Fünfzigerjahren auf Röntgenbildern in die Sowjetunion geschmuggelt wurde, ist also auch ein Inbegriff für Subversion.

Die Gedichte sind dort am besten, wo sie am schlichtesten sind und wo ihre Bilder für sich stehen können und nicht wie eine Übersetzung für bilderlos zu Sagendes wirken, dort, wo sie konstatieren, was ist und dennoch offen bleiben. Einer der schönsten Texte, der all dies bietet, sei hier zitiert:

Wetterlage

Es regnet, draußen spielt
sich der Wind auf, unsichtbarer
Pilot, der seine Fracht, die Geräusche,
abwirft, wann immer sie ihm
zu schwer wird. Autos, Schreie
von Kindern auf dem Balkon gegenüber,
Hundegebell, im Garten ächzt sich
der Kirschbaum zu Tode, in seinem Schuppen
sägt der Nachbar Kaminholz.

Nichts ist hier zu hören
vom Krieg, unsere Insel ist groß
genug für die Schreie
der Verwundeten, und schon die Nachbarn
der Mutter, die sich wimmernd
über ihr totes Kind beugt, schlafen
gerecht.

Wir werden auch diesen und den nächsten
Sturm überstehn. Auf öffentlichen Plätzen treibt
die Aufklärung seltsame Blüten. Wenn sie
sich anschicken, eine Erfahrung zu machen, sagen
die Dichter, daß es nichts mehr
zu preisen gibt, und halten rechtzeitig
inne.

Subtext vieler der Gedichte scheint mir die Trauer zu sein und vor allem der Gedanke: Wer nicht scheitern kann, ist auch nicht menschlich.

 

Werner Söllner
Knochenmusik
Mit einem Nachwort von Eva Demski
edition faust
2015 · 72 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-945400-19-7

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