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Kritik

Die Oberfläche des Krieges

Hamburg

Im jungen und verdienstvollen Hause Hochroth ist ein schmaler Band des englischen Dichters Wilfred Owen erschienen. Johannes CS Frank hat die Gedichte aus dem Englischen ins Deutsche übertragen und mit einem Nachwort versehen.

Es handelt sich um äußerst eindringliche Texte, die mich berühren, aber auch zum Denken bringen.

Owen fiel ca. eine Woche vor Verkündung des Waffenstillstands zwischen Deutschland und den europäischen Westmächten in einem Wald in Frankreich. Mein Urgroßvater war an diesem Krieg beteiligt, und weil er überlebte und jung genug war, konnte er auch noch in den nächsten ziehen. Seine Berichte von diesem ersten Krieg fielen spärlich aus, obwohl er im Gegensatz zu vielen anderen alten Männern davon erzählte, traurig und ohne zu prahlen. Aber seine Erinnerungen an den ersten Krieg wurden von jenen an den zweiten verdeckt. Insofern ist dieses Buch für mich auch Dokument, obwohl Owen und mein Urgroßvater, der bezeichnenderweise Karl Müller hieß, sich als Feinde begegnet wären, wenn sie sich getroffen hätten. Dennoch berichten die Gedichte von beiden Seiten, weil Empfindungen wie Todesangst und physischer Schmerz wahrscheinlich keine Seite kennen. Und damit verliert das Sterben in der Schlacht alles Heroische.

Im Titel gebenden Gedicht des Bandes heißt es:

Ich bin der Feind, den du getötet hast, mein Freund.
In der Dunkelheit erkannte ich dich, denn genauso zerknirscht hast du geschaut
gestern, durch mich hindurch, als du zugestoßen und getötet hast

Ich denke, man kann diese Gedichte nicht, zumindest kann ich es nicht, auf einer rein formalen ästhetischen Ebene abhandeln. Ich denke, dazu bin ich (sind wir) noch immer zu involviert, und die Auswirkungen des Krieges, der den Hintergrund dieser Dichtung bildet, noch zu präsent. Dennoch liest man hier Texte von einem, dem eine Zukunft freien Dichtens offen gestanden hätte, wäre er nicht im Moment seiner Initiation ums Leben gekommen. Diese Gedichte entziehen sich nämlich einer politischen Vereinnahmung, bleiben konsequent auf der Oberfläche des Schmerzes, die alle teilen. Und vielleicht liegt hier der eindringliche Moment politischer Dichtung, dass ein Universalismus der Oberfläche das verbindende Moment der Konflikte offenlegt. Und so eine Möglichkeit der Versöhnung aufzeigt? Versöhnung, denke ich, angesichts der Texte ist ein falsches Wort. Die Toten bleiben tot, und die Leerstellen die sie hinterließen, leer. Aber es gibt vielleicht eine Möglichkeit, dieser romantischen Tiefe und Verklärung zu entgehen, die letztlich im Nationalismus und Faschismus endete und das Handeln im europäischen Kontext, zwar abgeschwächt, aber immer noch prägt.

Meine Seele ist die kleine Trauer, die sich deine Brust schnappt
die am Schluchzen entlang deinen Hals erklimmt, einfach verjagt
von einem anderen Stöhnen und von frischen Winden weggeweht.

Vielleicht aber hätte sich Owen auch nicht aus dem Schatten des Krieges lösen können, wie so manch anderer, der ihn durchlitt, und wie letztlich das vergangene Jahrhundert sich auch nicht daraus löste. 2014 jährt sich zum einhundertsten Mal der Ausbruch des ersten Weltkrieges, jenes Ereignis, das eine rasche Abfolge zivilisatorischer Katastrophen und martialischer Kriege einläutete und die Funken, die Freiheit hießen, in Europa für lange Zeit erstickten, sie herausschleuderten.

Wir Europäer versuchten die Gräben, die die Kriege schlugen, zu überbrücken. Halbherzig allerdings, denn anstatt sie zuzuschütten bedecken wir sie mit Pappen und nationalen Konstruktionen, deren Tragkraft sich längst als Illusion herausgestellt hat. Wir wollen die Gräben nicht mehr sehen und denken, sie verschwänden, wenn wir sie beschweigen.

Allerdings ist die durch die Brüche motivierte literarische Produktion auch groß und grandios. Was die deutsche Literatur betrifft, stehen dafür Namen wie Remarque, Arnold Zweig und Alfred Döblin, Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz oder auch Künstler wie George Grosz. Letzterer in seiner Produktion der zwanziger Jahre karikaturartig verzerrt, dass nichts mehr an die frühen impressionistischen Landschaften erinnerte oder sein Selbstporträt mit Strohhut. Aus dem kecken kauen auf dem Halm ist ein Ins-Gras-beißen geworden.

Mein Freund, sei dir ganz sicher
ich werde besser dran sein mit den Pflanzen
die sich friedlich Wiesen und Regenschauer teilen.

schreibt Owen, den eigenen Tod und die Zeit danach vorwegnehmend.

Wilfred Owen
Befremdliche Begegnung
Übersetzung:
Jo Frank
mit einem Nachwort von Johannes CS Frank, illustriert von Dorothea Huber
hochroth
2013 · 30 Seiten · 6,00 Euro
ISBN:
978-3-902871-25-1

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