Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
BookGazette Podcast
x
BookGazette Podcast
Kritik

Aus der Welt gefallen

Wilhelm Genazino macht alles wie immer, und dennoch vermag sein neuer Roman nicht zu überzeugen. Warum?
Hamburg

Es gibt Autoren, die, wenn sie ein neues Buch veröffentlichen, den Leser zu überraschen imstande sind. Wilhelm Genazino gehört sicherlich nicht zu dieser Gruppe. Wenn im gewohnten Zwei-Jahres-Rhythmus ein neues Bändchen von ihm bei Hanser erscheint, weißt man recht genau, was einen erwartet. Gut 150 Seiten lakonische Alltagsbetrachtungen, mit mal mehr und mal weniger sympathischen Phlegmatikern und Loser-Typen in der Hauptrolle. Mittelalte Männer, die sich mehr schlecht als recht durchs Leben hangeln; mit unspektakulären – und in der Regel nicht sehr einträglichen – Berufen; und Partnerschaften, die so fragil sind, dass sie von einer Seite zur nächsten in sich zusammenfallen können, ohne dass einer der Beteiligten, der Leser eingeschlossen, darüber sonderlich überrascht wäre. Selbst einschneidende Ereignisse, wie in diesem Fall der Selbstmord von Carola, der Lebensgefährtin des Ich-Erzählers, kommen so unaufgeregt und in den monotonen Erzählfluss eingebettet daher, dass man die entsprechende Passage zweimal lesen muss, um sicherzugehen, dass man da nicht etwas falsch verstanden hat.

Mit dieser Art des Erzählens hat sich Genazino über die Jahrzehnte im literarischen Betrieb etabliert und wurde, zu Recht, mit zahlreichen Preisen ausgestattet. 

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Zeiten, als man mit Vorfreude dem Erscheinen des „neuen Genazino“ entgegenblickte, seit längerem vorbei sind. Daran vermag auch die Lektüre seines jüngsten Romans, „Außer uns spricht niemand über uns“, nichts zu ändern. Man fragt sich, was geschehen ist. Denn handwerklich ist sich Genazino auch in diesem Buch treu geblieben.     

Die Handlung ist, wie stets bei Genazinos Büchern, schnell zusammengefasst. Der namenlose Ich-Erzähler, ein die meiste Zeit beschäftigungsloser Schauspieler, der sich mit dem Moderieren von Modeschauen und kleineren Rundfunkarbeiten über Wasser hält, hadert mit den Tücken des Alltags. Dazu zählt seine wenig erfreuliche Beziehung mit Carola, die das bereits erwähnte abrupte Ende nimmt; sowie diverse weitere Fallstricke, die es zu bewältigen gilt, etwa der nervenaufreibende Gang in die Wäscheabteilung des Kaufhauses, der ihm regelrechte physische Gräuel bereitet. Sonstige soziale Kontakte sind nicht überliefert. Als er sich einmal beinahe dazu durchgerungen hat, einen alten Bekannten auf der Straße zu begrüßen, schreckt er zurück, da er sieht, dass dieser die Mülleimer nach Pfandflaschen durchwühlt. 

Zwei Ereignisse sorgen für kurzzeitige Verstörung. Zum einen Carolas Schwangerschaft, die mit einer Fehlgeburt endet und beim Protagonisten die – wenngleich mit wenig Nachdruck verfolgte – Frage nach der sexuellen Treue der Freundin aufwirft. Zum anderen Carolas Freitod, in dessen Folge der Ich-Erzähler eine Affäre mit deren Mutter eingeht. Was daraus wird, erfährt der Leser allerdings nicht mehr. Vereinbart war, dass er wartet, bis sie sich bei ihm meldet.      

Waren Genazinos Geschichten und Alltagsobservationen früher meist ebenso kurzweilig wie unterhaltsam, in anderen Worten, ein echter Lesespaß, ist davon leider nicht mehr viel übrig. Das hatte sich bereits in dem 2014 erschienenen Roman „Bei Regen im Saal“ angedeutet. Und auch in seinem neuen Buch findet er nicht zu alter Form zurück. Der lakonische Alltagstrott, den Genazino zwar sprachlich elegant vor seinen Lesern auszubreiten vermag, hat seinen Reiz verloren. Obwohl das Bändchen lediglich 150 Seiten umfasst, ertappt man sich dabei, wie man mit wachsender Ungeduld über die Seiten fliegt, in der Hoffnung, irgendwo noch auf die eine oder andere lesenswerte Begebenheit zu stoßen. Doch man hofft vergebens.

Irgendwie erinnern einen Genazinos Bücher an Menschen ohne Mobiltelefone. Was lange als originell und sympathisch galt, hat sich – den exakten Zeitpunkt vermag man im Nachhinein nicht mehr zu bestimmen – mit den Jahren überlebt. Und erscheint heute schlichtweg als aus der Welt gefallen. 

Wilhelm Genazino
Außer uns spricht niemand über uns
Hanser Verlage
2016 · 160 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-446-25273-8

Fixpoetry 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge