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Kritik

„Die Schönheit wird Europa retten”

Hamburg

Offensichtlich ist Freiheit einerseits Gegensatz eines alles regulierenden Gesetzes, andererseits aber das, was Bedingung dafür ist, sich – verantwortlich – zu ihm verhalten: Die Auslegung desselben im Handeln gehört ihm so zu, wie die Möglichkeit, dieses Gesetz zu brechen. Ansonsten beschriebe das Gesetz bloß ein tierisches Verhalten, wäre nicht ausverhandelt und auszuverhandeln, kurzum: nicht nomos, sondern ein Kommentar zur physis, etwas, worüber indes das Gesetz ja gewissermaßen hinauszugehen sucht.

Freiheit ist also, was dem Gesetz entgegensteht und ihm zugleich Bedingung ist, in dieser Begrifflichkeit dann nicht so sehr Beliebigkeit – ein Unterschreiten dessen, immerhin funktionierte –, sondern Verantwortung: die das Gesetz als Anrede und Anspruch auffaßt. Dementsprechend gilt hier und immer: „Die Welt braucht eine neue Aufklärung.”

Und auf eben diesem damit vage umrissenen Terrain bewegen sich nun die Beiträger, die zu Freiheit und Verantwortung für Herausgeber Wilhelm Genazino 95 Thesen riskieren, womit implizit schon viel Freiheit und Verantwortung in diesem Band steckt. Formuliert wurden die Thesen von einem sehr gemischten Chor, prominent, spannend und sehr, sehr vielstimmig. Einige der Fragestellungen zu erwähnen muß an dieser Stelle reichen, denn auf einen Begriff wird man diesen Band nicht bringen können, es sei etwa jenen der Qualität, der Überraschung, der Provokation – womit schon vorweggenommen sei, daß man sich das Buch zulegen sollte.

  • These über das Wesen von Thesen – sie seien heute Provokationen: im Konsens, aber auch, wenn postfaktisch gelogen wird, wo die These doch für sich steht, deutlich Versuch, deutlich den resonanten Blasen entzogen, die Facebook und Populismus generieren.
  • Freiheit als Bosheitsproblem: „Wo das Böse überhandnimmt, scheitert die Freiheit an sich selbst.” – Gott mag also tot sein, aber man hätte es nicht herausposaunen müssen?
  • Freiheit als auch jene „des Anderen”, die Mücke generiert mit ihrer „Freiheit Blut zu saugen” jene, sie zu erschlagen…
  • Manchmal muß eine These unbehandelt bleiben, quasi: bis zur „Ankunft im Zielhafen”.
  • „Die Schönheit wird Europa retten.”
  • „Humorgebote[n]” sind der Versuch, Interventionen zu antizipieren und Dekonstruktionen zu unterdrücken, übrigens von Nicolas Mahler in diesem Band, der sich nicht auf eine Textsorte beschränkt, wundervoll illustriert…
  • … aber auch von Moritz Stretter, der eine Mini-graphic novel aus der Affäre Böhmermann macht, als der Humorist alles durfte, aber angeblich nicht alles gemußt hätte, damit indes nun verantwortlich wäre für sowohl das, worin er interveniert, wie auch das, was als Reaktion auf ihn denkbar sei. Viel Schuld für wenig Chance…
  • „Ziele auf das Herz.”

… und all diese Thesen, ob sie eigentlich Fragen sind, Wortspiele, ambivalent … aber auch, wie sie nicht nur in sich entwickelt sind, wie auch oft kunstvoll gegeneinander gestellt, das ist wie gesagt lesenswert.

Wilhelm Genazino (Hg.)
Freiheit und Verantwortung
95 Thesen heute
Metzler Verlag
2016 · 16,95 Euro
ISBN:
978-3-476-02686-6

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