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Kritik

Zufrieden dahingemurmelt

Wisława Szymborskas letzte Gedichte
Hamburg

Es gibt Gedichte, vor denen man sich verneigen möchte. Nicht aus rührseligem Respekt, sondern aus fassungslosem Staunen über das Zusammentreffen von aphoristischer Pointiertheit und stilistischer Brillanz bei gleichzeitigem Verzicht auf Attitüden und aufdringliche Aperçus. Man liest diese Gedichte als würde man einer geistreichen Konversation unter alten Freunden lauschen, die sich nichts mehr beweisen müssen und nur daran interessiert sind, einander neue Einsichten mitzuteilen. Von genau solcher Art sind die Gedichte der im Februar 2012 verstorbenen Wisława Szymborska.

Adam Zagajewski hat diesem Band mit späten Gedichten ein kleines, ergreifendes, unmittelbares Porträt seiner Krakauer Dichterkollegin beigefügt. Neben allerhand anekdotischen Einzelheiten heißt es dort: „Auf dem Hintergrund der europäischen Gegenwartslyrik zeichnen sich ihre Gedichte durch Originalität aus: Sie sind intellektuell, konzentriert, aber auch witzig, ironisch und — o Wunder — unglaublich verständlich.“ Nun hat Originalität meist den Beigeschmack des Bemühten, doch ist bei Szymborska eine ungleich andere Art der Originalität am Werk, eine der ungewöhnlichen Kombinationen, überraschenden Schlüsse und unerwarteten, unbequemen Wahrheiten und Perspektiven.

Originell ist es allerdings, wenn Szymborska irreale Möglichkeiten auslotet, sich selbst immer wieder Fragen und infrage stellt: Wer wäre ich, wenn meine Eltern jeweils andere Partner geheiratet hätten? („Hätten sie eine Tochter gehabt, wäre das nicht ich gewesen.“) Wie ist die Welt ohne uns? Wem würden wir begegnen, wenn der Natur eines Tages die Vielfalt der Gesichter ausgehen würde? Haben die Teenagerin und die Alte noch etwas gemeinsam? („Wir unterscheiden uns gewaltig.“) Szymborska greift mitten hinein in den Alltag, dem sie mit den neugierigen Augen des Kindes und den erfahrenen Augen des Alters gegenübertritt. So reflektiert sie etwa über die quälende Gleichzeitigkeit von Ereignissen: „Noch wissen sie nicht, / was vor einer halben Stunde / dort passiert ist“, sie kochen nämlich oder sind mit Gartenarbeit beschäftigt, während ihr Angehöriger einen Autounfall hatte.

Es geht in diesen späten Gedichten um die Zeit, um das Wunder der Gegenwart, um den Schmerz ihres Verstreichens: „Gewesen, also vergangen. / Immer in dieser Reihenfolge, / denn so ist die Regel des verlorenen Spiels.“ Es geht darum, die Erinnerungen, quälend und zugleich lebenswichtig, zuzulassen; es geht um den Einbruch des Terrors in den Alltag, da ist etwa ein Hund, dessen Herrchen nicht wiederkehrt, weil er irgendwie in ungute Zeitläufte verstrickt ist, oder um einen Attentäter, der sich bis auf eine Sache nicht vom Durchschnittsmenschen unterscheidet — er ißt, wäscht sich, kratzt sich unterm Arm, füttert die Vögel. Dieser Trivialität des Bösen antwortet Szymborska mit unerbittlicher Lakonie: „Siebenundzwanzig Knochen, / fünfunddreißig Muskeln, / etwa zweitausend Nervenzellen / in jeder Spitze unserer fünf Finger“: Eine Hand kann „Mein Kampf“ schreiben oder „Pu der Bär“. Es ist stets nur ein Hauch, der dafür sorgt, daß die Münze auf diese oder auf jene Seite der Geschichte fällt.

Mit leiser Ironie und feinem Humor stellt sich Szymborska den Bedingungen unseres Lebens, doch es ist kein befreiendes Lachen, das zustande kommt, nur ein Lächeln, das vieles hinzunehmen gelernt hat. „Wir essen fremdes Leben, um zu leben. / Ermordetes Schwein mit verstorbenem Kraut. / Die Speisekarte — ein Nekrolog.“ Deshalb hat die Dichterin großes Verständnis für Darwin, der nur Romane mit einem Happy-End lesen wollte, weil alles andere ihn zu sehr an den Kampf ums Dasein erinnerte, oder für Proust, der angeblich im Bett geschrieben habe, jahrelang, „Blatt für Blatt, / mit mäßiger Geschwindigkeit“, ganz anders als unsere Schnellschußexistenzen.

Hinter der Trauer steht das Staunen. „Gestern betrug ich mich schlecht im Kosmos. / Den ganzen Tag lebte ich, ohne zu fragen, / ohne mich über etwas zu wundern.“ Beim Blick aus dem Fenster oder durchs Mikroskop kann dieses Staunen sich einstellen, denn „hier auf der Erde gibt’s von allem recht viel“, die Dinge des Alltags, gut und schrecklich, aber auch das grandiose Gefühl, „ohne Fahrschein im Karussell der Planeten / und damit als Schwarzfahrer in den Galaxien“ zu kreisen. Dichter zu sein bedeutet dann, die Grenzen der Worte zu kennen, zu wissen, wie schwer es ist, dem Blinden von Farben zu erzählen, „jeder Satz auf die Probe der Dunkelheit gestellt“, oder von einer Welt zu träumen, in deren Sätzen nur „die Wirklichkeitsform“ herrscht, einer Alptraumwelt, in der kein Platz für Phantasie, Philosopie, Religion und Poesie ist — und die Leser ahnen, diese Welt gleicht einer, die ihre eigene zu werden droht. Die größte Wirkung erreicht Szymborska zuweilen, wenn sie Leerstellen und Verschwiegenes einfügt, die das sprichwörtliche ‚offene Geheimnis’ preisgeben. Ist es wirklich das beste für das Gedicht, „du verschwindest ungeschrieben / und murmelst zufrieden vor dich hin“? Szymborska ist die Auflösung eines Widerspruchs gelungen, sie schreibt und verschweigt, und das Verschwiegene ist höchst beredt, das Gedicht murmelt tatsächlich zufrieden vor sich hin, deutlich und hörbar für die Leser. Denn es hat das Gewöhnliche zu etwas Besonderem gemacht.

Wisława Szymborska
Glückliche Liebe und andere Gedichte
Übersetzung:
Renate Schmidgall
Suhrkamp/Insel
2012 · 100 Seiten · 18,95 Euro
ISBN:
978-3-518423141

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