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Kritik

Anderland

Hamburg

„Er nennt sie mit fremden Namen. Ich genieße die Unterschiede“

Dieser Vers entstammt dem Gedicht „Handlung“ von Wolfgang Berends. Der Titel des Textes weist in eine angelsächsisch/amerikanische Richtung, über das Meer hinaus gewissermaßen, und er geht in eine Gedankenwelt, in der die vorgestellte Handlung wichtiger ist als die Vorstellung selbst: Erkenntnis als Tätigkeit und nicht als Versenkung.

Und ich gebe es zu; diese Art sich gedanklich einer Dichtung zu nähern, ist merkwürdig seitenverkehrt, der Dichtung vielleicht sogar entgegengesetzt. Aber wie von allem Fremden, geht davon ein enormer Reiz aus, und Berends' Gedichte verführen mich zu derlei Vorgehen. Insofern wären sie als philosophisch zu bezeichnen, weil sie an Erkenntnistheorie grenzen. Aber sie selbst sind keine Theorie. Berends' Texte sind auf eine seltsame Art sehr konkret.

Und Abstraktion wäre, dass man vom je Konkreten absieht, eine Welt aus Begriffen bastelt, eine Gegenwelt also, die zwar keine Scheinwelt ist, die unserer erfahrenen Welt aber gegenüber, wenn nicht entgegensteht.

„Mit der Hand
rinde ich vorsichtig Zeichen“

So heißt es auf Seite 43 in einem Gedicht ohne Titel.

Der Autor bedient  sich also auf beiden Seiten der Sprache, auf der des Bezeichnenden und auf der des Bezeichneten auch. Als ob sich die Sprachwelt wie eine Hülle um die Dingwelt legte. Beides ist Essenz, ist Hülle und Kern zugleich, zugleich Obst und Gemüse,  keinem von beiden gebührt der Vorzug.

"Die Sinne verlängern
in zerfaserten Welten,
damit Wege wachsen aus der Erde,
wenn wir sie beschreiten."

So verschränkt habe ich Sprach- und Dingwelt bislang nicht vorgeführt bekommen. Berends schafft es, eine Entscheidung für den Ursprung zu umgehen, indem er ihn auf die Grenze selbst legt. So ähnlich würde ich die Genesis verstehen. Das Ding schafft das Wort, das es selbst hervorbringt.

So lautet die erste Strophe des Gedichts „Anderland“

Was aber ist mit den Weltentwürfen, die sich auch des Wortes bedienen, aber so, dass aus ihnen kein Begriff wird, ein Begriff der quasi alles Konkrete schon in sich trägt? Als blitzte hier Freiheit. Eine Welt aus Worten, die Worte bleiben, die Konkretes zwar bezeichnen, denen aber die versteinernde Referenz fehlt. Bilden sie eine Zwischenwelt, eine Vorwelt, nach beiden Seiten offen? Ein wenig scheinen diese Gedichte diese Frage zu beantworten.

Wolfgang Berends ist 1966 in München geboren, wo er heute auch lebt und die Bibliothek der Stiftung  Lyrik Kabinett organisiert. Dies ist nach vielfältigen Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien sein erstes Buch. Aber fangen wir von vorn an. „Erdabstoßung“ heißt der Band, der 2010 in der Stadtlichter Presse erschienen ist, und schon der Titel deutet auf die Verkehrung der Richtung hin.

Wolfgang Berends
Erdabstoßung
Nachwort: Daniella Jancsó
Stadtlichter Presse
2010 · 129 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-936271522

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