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Komm! Ins Offene haus für poesie
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Komm! Ins Offene haus für poesie
Kritik

Saturnische Ellipsen

Die Nachwirkung dieses Mannes dürfte von einiger Vehemenz sein, und sie sollte längst nicht nur bei denen angekommen sein, die Bedenkliches hinter sich haben, denen Vages bevorsteht. „Die Finsternis / hat ihre zärtlichste Stimme verloren“, ruft der Leipziger Dichter Thomas Böhme seinem älteren Freund und Kollegen Wolfgang Hilbig nach, der im Juni 2007 nach langer Odyssee durch den Ost- und den Westteil dieses seltsamen Landes in Berlin starb. Ein Jahr nach dessen Tod hat der S. Fischer Verlag mit den gesammelten Gedichten die auf sieben Bände angelegte Hilbig-Werkausgabe eröffnet, die neben der Lyrik die drei Romane, die weit verstreuten Erzählungen und die noch versprengtere Essayistik vereinen soll.

Dieses Buch, das neben den regulär veröffentlichten eine Fülle zuvor nicht bekannter Texte enthält, kommt zur rechten Zeit, ist doch, was Hilbigs gelobtes wie prämiertes Werk betrifft, ein Umdenken in Gang gekommen, das der stakkatohaften Wiederholung von Lobesformeln für die Prosa des Autors im Feuilleton entgegensteht. Neben der neuerlichen Erhebung zu den  Hilbigschen Orten und Motiven ist es das Gedicht, das ins Zentrum der Hilbig-Forschung zu rücken scheint, die dabei Erstaunliches zu Tage fördert. Sie präsentiert, vom früh-pathetischen Aufbruch in der Sammlung „Scherben für damals und jetzt“ bis zu den späten Palimpsesten, den ‚Saturnischen Ellipsen‘ des Büchnerpreisträgers Wolfgang Hilbig, einen künstlerischen Werdegang, wie er in der Literatur am Jahrtausendbruch seinesgleichen sucht.

vorgegebenes lied

mir war es gegeben zu gehen aus den häusern
durch deren fenster ich rückwärts sah –
doch blieb die trübe nässe ihrer wände
mir auch im taufluß fernerer gelände
und vor den himmeln andrer städte nah.

und durfte ich mich in selbstgefühlen äußern
zerbrach mir doch das glück im mund
das ich durch dunst und ahnung fortgetragen
bis vor den schlund von fahlen tagen
auf meinem rückweg in den frühern grund.

die schimmelfeuchten ungelesnen bände
weise orakel unter spinnweblagen
rieten mir umsonst die fenster aufzureißen –
in meinen häusern
     daß ich niemals wiederfände
der kindheit totes gleißen ...
ihr geisterhaftes singen sinnlos fremder weisen.

(aus dem Band „Die Versprengung“ 1986)

In seinen Texten redet der vielfach Geehrte über die Bitternis der Verlorenheit, das Aufgeben der Hoffnung; nur wenige Verse sind der Aussicht auf Erlösung im Ungefähren gewidmet, die wenigen Liebesgedichte wirken bis auf ein oder zwei Ausnahmen, als müsste erst eine große Distanz zum Gegenüber überwunden werden. In die späten Entwürfe ziehen vereinzelt Ironie und Sarkasmus ein, vor allem aber fällt in den immer wiederkehrenden ‚letzten Gedichten‘ eine zunehmende Ruhe auf, die dem dräuenden Chaos einen schütteren Frieden abringt: „Nun fällt die Nacht: die Zeit die dauernd endet / und dir gebrichts am Wort mit dem du ferner handelst / was gestern licht und wert war ist verschwendet – / und es ist Nacht und Zeit daß du dich wandelst.“ („Pro domo et mundo“, Seite 211)

Ärgerlich an diesem an sich verdienstvollen Unterfangen ist das zuweilen laxe Herangehen ans Editorische, das im Angesicht einiger Druckfehler verzeihlich wäre, nicht aber in der Vermischung der Kategorien, was in einem Fall dazu führt, dass ein regulär erschienener Band („die versprengung“) entstellt und verstümmelt abgedruckt wird. Da wünscht man sich im gewichtigen Fall eines Wolfgang Hilbig künftig eine glücklichere Hand.

Wolfgang Hilbig · Jörg Bong (Hg.) · Jürgen Hosemann (Hg.) · Oliver Vogel (Hg.)
Werke
Band 1
S.Fischer
2008 · 544 Seiten · 22,90 Euro
ISBN:
978-3-100336415

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