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Kritik

Verwischungen und Ironie · Hogrebes Metaphysische Einflüsterungen

Hamburg

Zu manchen Autoren kehrt man immer wieder mit Vergnügen zurück, im Falle Wolfram Hogrebes bin ich seit Studienbeginn sein Leser, als ich Anfang der 90er Jahre zufällig auf seine Deutsche Philosophie im XIX. Jahrhundert (München 1987) stieß, einen Überblick über Kritik der idealistischen Vernunft. Schelling, Schleiermacher, Schopenhauer, Stirner, Kierkegaard, Engels, Marx, Dilthey, Nietzsche, der trotz der Weite sich darauf versteht, aus Details Zusammenhänge zu lesen, aber auch aus den Zusammenhängen in Details zu dringen, eine kurzum fabelhafte Einführung mit Momenten, die über das, was als Einführung in so ein weites Gebiet schon genug geleistet hätte, weit hinausgehen.

Seitdem konnte man bei ihm unter anderem in Ahnung und Erkenntnis (Frankfurt/M. 1996) über die Mantik lernen, Philosophischer Surrealismus (Berlin 2014) war die Antwort auf die Überforderung durch dennoch unumgehbare Begrifflichkeiten, um nur noch zwei seiner Schriften zu erwähnen – und heuer erschienen seine Metaphysischen Einflüsterungen.

Hogrebe geht darin den Aufgaben des Denkens wieder belesen und scharf nach, mit einer eigenwilligen, leisen Ironie, die nicht einfach Understatement oder dergleichen meint, sondern das Wissen um die Uneigentlichkeit in der Rede dessen, der hier virtuos „Betrugstechniken” zeigt, derer das Denken bedarf, um gleichwohl es zu sein. „Verwischungen”, aus denen „Übergänge” entstehen.

Von hier geht es, „Änigma” um „Änigma”, Hogrebes Lust an der Sprache äußert sich auch so, in das Sein, das keines ist, aber eines sein müßte, „idio- und holomorph” erst ist, was sich sagen lassen müßte, vielleicht gesagt: „selbstförmig”, aber auch „weltförmig”… – Das wird dann noch aus der „Charakterlosigkeit” (Hannah Arendt) Heideggers gelesen, ihn nicht entschuldigend, sondern feststellend, daß hier das Denken als virtuell nicht das eines Menschen keinen Charakter mehr haben oder artikulieren sollte…

Immerhin hätte Heidegger das aber wissen müssen, anstatt „im Spiegel der Machenschaften der Moderne immer nur selbst” für sich von Interesse zu bleiben, also das zu unterbieten, was als „performative Verfassung aller Sinnverhältnisse” von ihm klar gesehen und gezeigt wurde.

Denken? – Das ist, was der Kosmos macht, „ein Gedicht, das sich selbst schreibt […], als […] surreales Selbst”, „was immer das bedeuten mag.” Und dann endet alles, im Anfangen, weil jeder dieses Sein ist: „Wir sind eben Partisanen des Seins.”

Hogrebe? – Auf in die poetische Schlacht ums Leben!

 

Anm.der Redaktion:  Hier ein Video auf Youtube mit einem Vortrag von Wolfram Hogrebe, basierend auf dem Hegel-Kapitel in diesem Buch.

 

 

Wolfram Hogrebe
Metaphysische Einflüsterungen
Vittorio Klostermann Verlag
2017 · 134 Seiten · 17,80 Euro

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