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Kritik

Forschungsarbeit an der Sprache

Eine wieder aufgelegte Gedichtsammlung ruft den zu Unrecht vergessenen Lyriker Wolfram Menzel ins Gedächtnis zurück

"Stuttgart, Schmale Straße 14: In Wendelin Niedlichs Buchhandlung treten die Leute einander auf die Zehen. Ein Herr, der erstaunlicherweise noch in der Lage ist, seine Kinnladen frei zu bewegen, konstatiert "drangvoll fürchterliche Enge", ein weiblicher Twen wispert seinem beengten Vordermann den Satz von den Ölsardinen ins Genick. Die Menschenmasse, von den hochragenden Regalen jäh umstellt, quillt in die entlegensten Winkel - selbst im niedlichen Garderobenraum ist plötzlich Platz. Man macht sich schmal. Langhaarige Jünglinge und kurzgeschorene Mädchen etablieren sich behutsam zwischen Bense-Schriften, Kybernetik-Fibeln und dem "1 x 1 des guten Tons". Acht junge Autoren, hieß es, werden Gedichte lesen" - so berichtete die Stuttgarter Zeitung am 14. Januar 1964.

Einer jener acht (es lasen schließlich sieben) jungen Autoren damals war Wolfram Menzel, dessen Gedichtsammlung "der rand der spott", die 1985 in Karlruhe erschien, nun in einer modifizierten Fassung unter dem Titel "nicht oder anders" im Mitteldeutschen Verlag wieder aufgelegt worden ist. Kaum jemand kennt ihn heute noch. Seine ersten Gedichte findet man Mitte/Ende der fünfziger Jahre, dann allerdings gleich in renommierten Zeitschriften bei renommierten Verlagen (Suhrkamp, Hanser, List) und seine Hoch-Zeit erlebte er im ersten Drittel der sechziger Jahre, als er beispielsweise 1963 in der seinerzeit stark beachteten Anthologie "zwischen räume", herausgegeben von Reinhard Döhl, einer der acht Autoren war, die dann auch an jenem Januar-Abend in Stuttgart ihre neuartigen Gedichte lesen sollten. Ernst Jandl erinnert sich: "Die 'zwischen räume' erhielten eine gute Presse; durchweg wurden zwei Namen hervorgehoben: der des Mathematikers Wolfram Menzel und mein eigener." Auch wenn man die Zeitungsstimmen zu dem bewussten Leseabend studiert, verstärkt sich der Eindruck: Jandl, der kabarettreif vorträgt, sowieso, aber auch Menzel findet Zuspruch: "Menzel fängt also an: laut, abgehackt, schnarrend wie ein menschlicher Roboter. Sinnlose Chiffren, ,Birnen wir - Riemen über', vernimmt man zwischendurch. Ein Lautsprecher mit Wackelkontakt produziert ähnlichen Wortsalat. Der Effekt ist beabsichtigt, der Applaus gewaltig", schreibt weiter die Stuttgarter Zeitung.

Damals fand sich um Reinhard Döhl und Max Bense in Stuttgart ein Kreis experimentierfreudiger Dichter, von denen viele Namen noch in guter Erinnerung sind: Ludwig Harig, Helmut Heissenbüttel und Franz Mon, die man schließlich unter dem Index "Stuttgarter Schule" in das damalige Literaturgeschehen hineinreichte. Im März 1965 erschien eine Nummer der legendären "manuskripte", die alles zusammenbrachte, was seinerzeit experimentell in eine neuartige Lyrik münden wollte, inclusive einem Manifest der Herren Döhl und Bense, in dem sie eine kennzeichnende Überschau wagten. "Wir sprechen wieder von einer Poietike techne", heißt es da, der Dichter realisiere "Zustände auf der Basis von bewusster Theorie und bewusstem Experiment."

Wolfram Menzel taucht in der "Stuttgarter Schule" nur am Rande auf, doch ist es unzweifelhaft das Umfeld, in das er literaturgeschichtlich gehört. Vieles von dem, was Bense und Döhl als Manifest verkünden, trifft auch auf Menzel zu. Etwa wenn sie schreiben: "Zur Realisation ästhetischer Gebilde bedarf es des Autors und des Druckers und des Malers und des Musikers und des Übersetzers und des Technikers und des Programmierers. Wir sprechen von einer materialen Poesie oder Kunst." Der Dichter ist ein Handwerker, der mit seinem Material, der Sprache umgeht. Er erzeugt nicht Stimmungen, Inhalte, Ausdruck durch das explizite Sagen, auch nicht durch das bildliche Andeuten, sondern durch die materielle Formung, aus dem "erdichteten Gedicht" wird der "Text", an dem man arbeitet, der bewusst geplante, entwickelte, topografisch entworfene Landschaft wird, der einer speziellen Metrik folgt - eine "kybernetische und materiale Poesie".

Bei Menzel allerdings eine Poesie, die dann eher untechnisch dem Klang und der Melodie verpflichtet bleibt, ja gerade darin weite Felder aufschließt. Sprache als Lautgeflecht, als sinnliche Komposition. Die materialen Elemente des Gedichtes haben als Eignungsausweis vor allem auch eine phonetische Passung, stehen in Beziehung zueinander als Gruppe. Man muss sehen, dass Menzel im Brotberuf ein erfolgreicher Mathematiker war und solcherlei Beziehungsmuster tatsächlich zu den Texturen gehören, die ihm dort, allerdings lautlos, begegnen. Er selbst bejaht eine Verwandtschaft von Mathematik und Lyrik, oft würde "auch ein Beweis eines mathematischen Satzes in einer geradezu sinnlich erfahrbaren Landschaft ertastet."

Dazu gehört das Wahrnehmen, das genaue, vielleicht auch nur intuitive Erfassen der beteiligten Elemente und ihrer Beziehungen zueinander. Elemente, die er im Gedicht oft anderen Sprachen entlehnt, dem Englischen wie dem Griechischen, die er erfindet durch Lautmalerei, Teilung oder Einkürzung. Was in der Mathematik durch Beschränkung auf quantitative Aspekte an Beziehungswelten verloren geht, holt er sich hier vielfach zurück, indem er umfassende Aspektschau hält. Klang, Form, Qualität der Dichte. Im Operationsraum Gedicht sind vielfältigere Beziehungen möglich - selbst in einer mathematischen Struktur.

An Wolfram Menzels frühesten Texten aus den 1950er-Jahren lässt sich ablesen, was dann später schwerer auszumachen, aber immer vorhanden ist: Melodie und Ordnung, melodische Ordnung. Man fühlt sich an Musik, an Liedhaftes erinnert:

IM SOMMER

Suppenflosse. Narre
Euter krumm und kund.
Wir beißen um Kräuter,
schlafen Gott im Mund.

Kamillen fächeln,
Heulocken: wo ich sei,
Gleise gleise. Wir lächeln
eine Weile im Brei

"Forschungsarbeit an der Sprache" hat er das spätere Skelettieren genannt. Man ist versucht, das rudimentär Erscheinende auch bruchstückhaft zu lesen. Schneller findet man in die Texte, wenn man sie zunächst durcheilt, ohne nachzudenken und ohne eintauchen zu wollen in Sinnhaftes. Wenn man das Skelett lesend überfliegt und im Gesamten wirken lässt. Etwas in uns liest mit und erschließt schon, während der Verstand noch in Fragen irrt.

Wolfram Menzel ist ein ganz zu Unrecht Vergessener. Sein schmales - fast ausschließlich lyrisches - Werk sollte einen festen Platz finden in der deutschen Literaturgeschichte. Er verbindet das materiale Experimentieren der sechziger Jahre mit eigenen Melodien und kreiert so eine Art geometrische Sprachmusik, wie sie vorher und nachher niemand mehr geschrieben hat.

 

 

Wolfram Menzel
nicht oder anders
Mitteldeutscher
2008 · 112 Seiten
ISBN:
978-3-898125789

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