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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
Kritik

Verse über das Beharren

Hamburg

Wulf Kirsten, der in Weimar lebt, hatte die letzten drei seiner sieben Gedichtbände im Ammann-Verlag, Zürich veröffentlicht, zuletzt erdlebenbilder (2004). Nach dessen Schließung im Jahr 2010 legt der Vielgeehrte, vor zwei Jahren schließlich Ringelnatz-Preisträger, nun bei S.Fischer seinen neuesten Gedichteband fliehende ansicht vor. Es handelt sich um ein Hardcover-Buch in guter Verarbeitung (incl. Lesebändchen), lesefreundlichem Druck, d.h. Typengröße sowie Zwischenräume erscheinen passend.

Der Band bietet 60 Gedichte, chronologisch nach ihrem Entstehungsdatum angeordnet (zwischen 2004 und 2011), wobei die Mehrfachdatierung einiger weniger auf relevante Überarbeitung hindeutet.

Formal setzt Kirsten weiterhin auf konsequente Kleinschreibung mit Ausnahme von Eigennamen. Allerdings kommen Satzzeichen zur Geltung: Meist strukturieren Kommas den Fluss der Rede; stets ist ein abschließender Punkt gesetzt, was die Einmaligkeit, also die Kostbarkeit der jeweiligen Episode unterstreicht. Genauso jedoch die Kirstensche Bescheidenheit: Dass nämlich nicht jedes Dichterwort in eine nebulöse Zeitlosigkeit geraunt ist.

Kirsten vertraut überwiegend freien, narrativ gehaltenen Sequenzen, die er meist in einheitlichem Block darbietet; seltener in Strophen unterteilt, wenn thematisch angeraten, wie im Gedicht „dorfkindheit, vom krieg überrollt“, da es gilt, den jeweiligen, wohl erstmaligen Einzeleindruck auf die kindliche Seele hervorzuheben. Der Reim allerdings schneidet in diesem Band schlecht ab: Nur in zwei Gedichten verwendet Kirsten ihn, wobei der monotone Paarreim die Aufgabe hat, harsche Kritik zu steigern; einmal in „denkfiguren“ an Demagogen jedweder Art (in dicken schwaden qualmen die phrasen,/vollmundig in den himmel geblasen.), sowie in „lebenslagen“ an skrupellosen Geschäftemachern (bedeppert sitzen in der schuldenfalle/mit weniger als nichts auf der kralle.)

Der umgangssprachliche Ton hier wie auch des Dichters abschließender Rat werdet meister im hakenschlagen/in diesen unsicheren lebenslagen (hier beinah an Günter Eichs Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt! erinnernd) weist aus, dass es sich bei Wulf Kirsten keineswegs „nur“ um den Landschaftsdichter handelt, der sich eines archaischen, meist dörflich-bäuerlich geprägten Wortschatzes bediene.

Die gesellschaftskritischen Texte (s.o.) bilden nämlich einen durchaus markanten Teil in fliehende ansicht: Kritik an gleichmachender Warengesellschaft: allmacht des marktes („dezembermorgen“), Wegwerfgesellschaft, Arbeitslosigkeit („gespräch zaunabwärts“: irgendwas stimmt nicht,/in dieser weltordnung), an Wendehälsen („wo denkst du hin?“); Kritik, deutlich genug, für jeden, der auch diesen Aspekt bei Kirsten wahrnehmen möchte. Selbst die deutsche Kanzlerin schafft es in ein Kirstengedicht, mild persifliert („zwei worte“).

Solche Texte sind vom spezifisch deutsch-deutschen aber auch gesellschaftskritisch-globalen Standpunkt aus bedeutende künstlerisch-sprachliche Belege, doch wird Kirsten als Dichter freier, wenn er geschätzte Menschen und ebensolche Landschaft ins Feld führen kann.

Eine besondere und sympathische Stärke Kirstens ist der beharrliche Verweis auf bekannte oder, lieber noch, unbekanntere Schriftstellerkollegen, so auch die Angabe von möglichen eigenen poetologischen Einflüssen nicht scheuend, sei es in direkter Widmung, vorangestelltem Zitat, Nachruf oder Einbau in den Korpus des Gedichts, öfters aus dem böhmisch oder mährischen Bereich, u.a. auf Friedrich Nietzsche, Jakob Haringer, Johann Wolfgang Goethe, Friedrich Schiller, Friedrich Hölderlin (mehrfach und Kirsten zumindest menschlich lieber als die beiden davor Genannten), Ludvík Kundera, František Listopad, Karl Kraus, Elke Erb, Johann Gottfried Herder, Gottfried Benn, Miroslav Krleža, Helga Novak, E.T.A. Hoffmann, Karl Schloß, Ludwig Uhland, Vilém Závada, Alfred Meißner. Auch hier also beweist Kirsten hinsichtlich vielleicht weniger bekannter Schriftstellernamen seine so löbliche und kenntnisreiche Bereitschaft, den ihm Würdigen (hierzulande und heutzutage) eine Stimme zu verleihen, ein Streben, das schon bei der von ihm verantworteten Auswahl für die Gedichtanthologie „Beständig ist das leicht Verletzliche“: Gedichte in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan, Ammann, 2010, galt.

Kirsten wäre nicht Kirsten, wenn er nicht auch in dem neuen Band konsequent auf jedwede - in der Tat ja meist so treffsicher fehlendes dichterisches Talent verratende - schwüle Metaphorik verzichtete. So kann dann das in „curriculum vitae“ über den bedauerten Lebenslauf von Hölderlin bei ansonsten einfacher, klarer Sprache benutzte einzige und abschließende Sprachbild besondere Kraft gewinnen:

jahrzehnte verdämmert/in seinem Tübinger turmzimmer,//unter dem der Neckar seine bahn zieht,/als ich hinunterblickte, huschte eine ratte davon.

Eine gleichsam eigene Poetologie liefert Kirsten, wenn er in „gemeinsam“ in Bezug auf Vilém Závada notiert: überlebender bittrer wahrheiten, preist er/die wahre schönheit der nackten worte.

Was sind „bittere Wahrheiten“, wie sie Kirsten in dem besprochenen Band dichterisch präsentiert? Wie oben schon angedeutet: das Verkennen von Größe. Die Größe der Großen manchmal, viel öfter des Kleinen, der Unscheinbaren. Die Größe am Menschen in seiner jeweiligen Zeit und seinem jeweiligen Raum, seinen Siedlungen (keineswegs nur das Land der Kindheit um Meißen ist jetzt evoziert, „die Erde um Meißen“, wie ein grandioser, hinsichtlich Wulf Kirsten, dem Dichter bis in die achtziger Jahre hinein beinah alles sagender Zyklentitel in erdlebenbilder lautet), den Sonderlingen, den Dingen, die ihm zunutze sind und – das vor allem – an den Wörtern, an den Worten, mit denen er all das bezeichnet. Präzise, wie es nur geht, damit all diese Einmaligen, die doch aber auch wieder nur Symbole sein können, sich verständigen werden.

Ja, es gibt sie also auch diesmal wieder, die „schönen, nackten wörter“, wie von Wulf Kirsten selber noch eingefärbt (manche dürften recht sächsisch sein), andere wie mit der verehrten Droste im Duett gesprochen:

weißdrüsig, blattrudel, verknorzt, kirren, ausgeriffelt, spreiten, verkrumpelt, zippern, wieseninmitten, fallreif, ödmark, schrittlings, herbsthin – herbsther, ausgewittert, schluchtig, verstruttet, schollern, facken, schurren, (der) schur, talhängig, geweift, blicklängs, puppen, verqueckt, geplöder, hatschen,witschen,fluchtgestüm; schattenwurf, vorahnungsstille, scheuchegeister, krächzende einsamkeit

Kirsten geht es um Erinnern, um Bewahren, damit zukünftige Chancen entstehen, zufälle,/an die nicht mal gott/glaubt, der doch sonst glaubt,/was das zeug hält („gott im getreideschlag“)

Die eigene Kindheit (der junge,/der ich war in „telegrafenmasten“ und weit unten meine stadt, die mir näher-/kommt, je ferner sie rückt in „stadt im kessel“), mehrere  Gedichte haben diesen Bezug, wird bei Kirsten nicht nachträglich im Sinne der political correctness verschönt. Das Kriegsende jedenfalls beglückte keineswegs den Elfjährigen, verstörte auch die Freunde: so kam die befreiung als elend/auch über mich und meinesgleichen (Gedicht „dorfkinder, vom krieg überrollt“).

In seinem neuen Gedichteband fliehende ansicht zeigt sich Wulf Kirsten, das ist zu sagen, als weiter reifender Dichter der auf den Erinnerungen an die Kindheit beharrt, denn sie berühren auch jeden Dritten; der dabei aber, und deswegen eben, auch auf Weichenstellung für Gegenwart und Zukunft besteht, indem er vor allem würdige Bundesgenossen benennt; für den präzise Sprache sowohl ein botanischer Begriff, der Name für ein Werkzeug, wie auch eine derzeitige Umgangsfloskel sein kann - neben dem betont Lyrischen natürlich, das auf ein Trotzdem setzt: aber zu spüren bei lichtschmerz/über abgründe hinweg, wie der grund bebt,/auf den uns aberwitzige fügungen oder/zufälle gestellt (Gedicht „das eigentliche“). Wulf Kirstens reiche Dichtung wächst.

Wulf Kirsten
fliehende ansicht
S.Fischer
2012 · 80 Seiten · 16,99 Euro
ISBN:
978-3-100921253

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