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Lyrikfestival "Dichterloh", Alte Schmiede Wien
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Lyrikfestival "Dichterloh", Alte Schmiede Wien
Kritik

Bruder und Däne

Hamburg

Schwere Kindheit, vom Vater verprügelt, Abrutsch in die Kriminalität, Jugendvollzug, Läuterung durch Literatur, erster Lyrikband. Tolle Geschichte: Schockierend auf der einen, rührend und erbaulich auf der anderen Seite. So eine Story findet Gehör, umso mehr, weil es um einen jungen Araber geht, der die muslimische Minderheit Dänemarks, besonders die Generation seiner Eltern, attackiert. Yahya Hassan schreibt in seinen Gedichten vom Leben als Migrant und Ghettokind, Muslim, Kleingangster und Lyriker. Er teilt aus, gegenüber allen Seiten.

Die Veröffentlichung von Hassans Texten zog kontrovers geführte Diskussionen nach sich. Von rechts wird die scharfe Kritik an muslimischen Migrant_innen begrüßt, von links werden gerade deswegen Bedenken geäußert, die muslimische Minderheit Dänemarks sieht sich in schlechtes Licht gerückt und aus den radikalen Kreisen kommen sogar Morddrohungen Die Mitte derweil erfreut sich an Stories, die ein hartes, authentisches Leben zeigen, das sich einem happy ending zu nähern scheint, literarischer Milieutourismus lässt sich das wohl nennen.

Yahya Hassans Buch verkaufte sich in Dänemark entsprechend. Yahya Hassan heißt es, wie sein Verfasser, denn mehr noch um die Texte darin geht es eigentlich um deren Protagonisten und damit dem Autor dahinter. Auch in der deutschen Ausgabe, die nun vom Ullstein Verlag veröffentlicht wurde, steht Yahya Hassan noch vor Yahya Hassan. Aber taugt das Geschriebene zwischen den Buchdeckeln denn auch so viel wie die Figur, deren Name darauf prangt?

Nicht wirklich. Denn Yahya Hassan schreibt keine guten Gedichte. Aber er ist smart. Er weiß, was er seinem Publikum vorzuwerfen hat, weiß, was eine Kontroverse entfachen. Yahya Hassan ist ein mustergültiges Beispiel für Selbstinszenierung, voller Kanak Sprak, Slang und gestischem Zynismus. Hassan transportiert gekonnt eine Haltung. »BISTU INTEGRIERT« heißt es zwischendurch – eine Frage, die ihre Antwort bereits vorwegnimmt. Nein, Hassan ist nicht integriert. »AM TELEFON NENNT IHR MICH ABWECHSELND BRUDER UND DÄNE« – er steht zwischen den Stühlen.

Und eigentlich, das stellt sich gegen Ende heraus, fühlt er sich auch ganz wohl damit. Er tut dümmer, als er ist – »ICH BIN EIN KANAKE / ICH VERSTEHE NICHT DÄNISCHE SPRACHE« – und wird deswegen unterschätzt. Nicht im Ghetto, sondern von »INTELLEKTUELLEN«. Die zeigen sich begeistert von ihm und nennen reihenweise die falschen Gründe dafür, um die eigentlichen zu verschleiern. Er stellt Gewalt dar und das Feuilleton verwechselt das Dargestellte mit der Darstellung, lobt ihn für Sprachgewalt. Dabei geht es mehr darum, aus seinen Texten Argumente zu ziehen und seine Biografie als Exempel zu betrachten. Hassan versteht es, den ihm entgegenschlagenden Vorurteilen – positive wie negative – zu entgegnen, allen etwas an die Hand zu geben.

Um die Gedichte geht es dabei kaum, vielleicht nicht einmal ihm selbst. Sondern vielmehr um seinen Marktwert, sein Konfliktpotenzial, das seine Verlage für sich arbeiten lassen können. Die tun das nur zu gerne.

Es reicht ein Blick in die Kurzvita der deutschen Ausgabe: »Yahya Hassan […] wächst in einem Migrantenviertel in Aarhus, Dänemark, als Sohn palästinensischer Flüchtlinge auf. Sein Vater verprügelt ihn regelmäßig. Früh wird Yahya Hassan kriminell. In einer Besserungsanstalt für straffällige Jugendliche beginnt er, Gedichte zu schreiben. « Kurze Sätze, pathetische Schlagworte, ein angedeutetes happy ending.

Auffälliger noch der Klappentext: »Yahya Hassan hat in Dänemark eine Debatte über Migration angestoßen, weil er die gängigen Klischees zerschlägt und uns an die Würde des Menschen erinnert. « Welche Klischees, das wird nicht gesagt. Inwiefern Hassans Gedichte an die Würde des Menschen erinnern, das wird ebenfalls nicht spezifiziert. Weder in der Kladde noch von Hassan selbst. Deutungsoffene Behauptungen, die entweder der einen oder anderen Seite für die eigenen Zwecke missbraucht werden können.

Lässt sich Hassan Kalkül vorwerfen, so gilt das für den Verlag umso mehr. Was Ullstein zu verkaufen versucht, sind keine Texte. Sonst ließen sich wohl auch nicht dermaßen viele Druckfehler finden, sonst hätte sich der Verlag vielleicht mehr Mühe gegeben, die Zeilenumbrüche der ausschließlich in Majuskeln geschriebenen Gedichte in eine gut lesbare Form, die der Ordnung des Originals treu bleibt, zu bringen. Weder in die Aufmachung des Buchs noch in seine Präsentation wird viel Mühe gesteckt – die Kontroverse allein ist der Erfolgsgarant.

Genau die schwelt aktuell. Yahya Hassan passt sich bestens als Mosaikstein in die vor allem von rechtspopulistischer Seite aus lancierten Debatte um Migration, Integration und den Umgang damit. Mit Akif Pirinçci kann die sogar eine ähnliche Figur wie Hassan vorweisen: Einer »von denen«, die kein gutes Haar an »denen« lässt. »ICH HASSE EURE KOPFTÜCHER UND EURE KORANE / UND EURE ANALPHABETISCHEN PROPHETEN«, schreibt auch Hassan. Verse, die nicht nur in Dänemark, sondern auch hierzulange Wasser auf die Mühlen des Rechtspopulismus gießen dürften und ebenso Proteste von Links auf den Plan rufen werden.

Das macht Yahya Hassan zu einem brisanten Buch und das heißt natürlich: zu einem, das sich – wie Deutschland schafft sich ab oder Deutschland von Sinnen – gut verkaufen dürfte, wenngleich vielleicht nicht ganz so oft. Ob es dann auch wirklich gelesen werden wird, das ist eh zweitrangig.

Yahya Hassan ist ein erschreckendes Buch. Einerseits wegen seiner Inhalte, die tatsächlich eine brutale Realität konstruieren, die von Hass und Gewalt regiert wird, allem mit Verachtung begegnen. Ohne dabei übrigens eine Agenda zu verfolgen: Hassan übt sich in blinder, zielloser Wut. Vor allem aber ist es erschreckend, weil die bis zum Unerkenntlichen zum Politikum aufgeblähten Texte und ihr Autor dahinter verramscht werden und ein Verlag sich völlig seiner Verantwortung entzieht.

Yahya Hassan
YAHYA HASSAN
Gedichte
Aus dem Dänischen übersetzt von Michel Schleh
Ullstein
2014 · 176 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
13 9783550080838

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