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Kritik

Das Unmögliche erst ist das Gedicht.

Hamburg

Angst vor der Kälte, die von der Eiseskälte hinterbleibt
vor der fahlen Höhe der Felsen, die von der Blindheit der Felsen hinter-
bleibt.
Der Herbst, schmerzhaft im Ohr, wird von Bäumen mit Muskelschwund
zwischen Bäumen gestutzt.

So beginnen die Konzentrischen Kreise von Yang Lian in der Übersetzung aus dem Chinesischen von Wolfgang Kubin. Es handelt sich dabei um ein Langgedicht. Die Thematik kann man als sehr dunkel bezeichnen, immer wieder geht es um den Tod:

Das Leben wird Bruchstück des Todes.

Oder, etwas später:

Die Tage schaffen den Tod herbei oder der Tod enthüllt die Tage.

Neben dem Tod sind auch Schmerz und Leid sehr zentral:

Wenn Schmerz einen Säugling fest hält, ist die Süße ein angeborener
Defekt.

Die Gedichte gehen sehr tief, stellenweise scheint man gar ins Bodenlose zu fallen. Ohne dass es sich genau festmachen ließe, steigt immer wieder das unheimliche Gefühl einer Existenzbedrohung auf. Trotz der schweren Thematik ist das Gedicht als Ganzes jedoch nicht vollkommen trostlos.

Gehen ist ein schrecklicher Fehler, nicht zu gehen ebenfalls.

Das Schreiben selbst wird oft thematisiert:

Ich habe aufgebraucht alle Mitternacht
beim Schreiben, ich habe aufgebraucht
alle Finsternis, von einer Lampe verschlossen.
Etwas schreibt etwas nieder: Von Papierhäuten bricht auf die Tochter
Vollmondfinsternis.

Das Gedicht hat etwas Fremdes und zugleich etwas zutiefst Westliches bzw. Europäisches. Dies lässt sich vielleicht damit erklären, dass Yang Lian ein im europäischen Exil lebender und schreibender chinesischer Dichter ist. Im Nachwort schreibt er: „Die Konzentrischen Kreise sind ein extremes Buch des Exils.“Yang Lian teilt sein Schreiben in drei Phasen ein: die chinesische, die südpazifische und die europäische. Die Konzentrischen  Kreise (Tongxinyuan) verfasste er von 1994-1997. Damit stehen sie am Beginn der Phase seiner „europäischen Manuskripte“. 

Das „Westliche“ der Gedichte lässt sich einerseits an der Nennung von Städtenamen festmachen:

Wildkatzen, Taxifahrer, die in den Gassen von Paris oder Prag ver-
schwinden.
Verwesungsgeruch dringt aus den Eingeweiden von Wien und Los
Angeles.
Es ist ein Keller in Brooklyn, der zählt am Meeresgrund von Verrückten
den sickernden Sand.

Und andererseits am Aufgreifen von literarischen Größen des Westens, wie Dante, Petrarca, oder Brecht. So wird beispielsweise auch Borges ganz kurz charakterisiert:

Borges versteht kein Chinesisch.

Über Ezra Pound hingegen wird wesentlich länger nachgesonnen:

Das Gesicht eines Künstlers ist das Schnitzwerk von eigener Hand. Ein spätes Foto des Ezra Pound und die Cantos, wer hat wen erschaffen? Sind die Verse voller Falten oder wurde die Miene von Gletschern gefurcht? Zu guter Letzt ist die Lektüre eines Gesichts oder von Schriftzeichen ein und dieselbe Sache. […]

Es werden zwar vorwiegend, aber nicht ausschließlich westliche Orte und Künstler genannt. So wird auch das Dorf Banpo bei Xi’an erwähnt oder der Historiker Ban Gu. Dadurch, dass sich so viele europäische Bezüge im auf Chinesisch verfassten Gedicht finden, aber auch die chinesischen Wurzeln des Autors keineswegs verleugnet werden, platziert sich das Gedicht in vieler Hinsicht bewusst zwischen allen Kulturen. Die Lyrik von Yang Lian verbindet und führt zusammen, was ansonsten meist als Gegenteil gilt.

Ein Geruch von Pökelfisch, gelesen von erschrockenen Nasenlöchern.

Der Gedichtband enthält eine Vielstimmigkeit in der Einheit. Das Gedicht schreitet nicht fort, sondern scheint um sich selbst zu kreisen. Die einzelnen Kapitel und Unterkapitel vermitteln beim erstmaligen Lesen (bei Lyrik sollte es allerdings keinesfalls beim einmaligen Lesen bleiben) den Eindruck von kleineren in sich abgerundeten Gedichten. Diese einzelnen Gedichte fügen sich jedoch bei genauerer Betrachtung zu einem Ganzen, einem Langgedicht, zusammen. Diese Einheit wird durch vertiefte Auseinandersetzung immer deutlicher. Das Wanken zwischen der Bezeichnung „Langgedicht“ und der Empfindung, dass es sich dabei doch irgendwie um mehrere Gedichte handelt wird mit dem Untertitel wunderbar auf den Punkt gebracht. Der Titel auf dem Bucheinband lautet nämlich „Konzentrische Kreise. Ein Poem.“ Der Schmutztitel hingegen lautet  „Konzentrische Kreise. Gedichte.“

Die Welt auf der Zungenspitze ist so nutzlos wie ein goldenes
Ohrläppchen.

Durch das ganze Buch zieht sich eine seltsame Art der Wiederholung – wiederkehrend und neu zugleich. Einige Motive werden immer wieder aufgegriffen und erhalten somit eine ganz bestimmte Bedeutung. Grüner Rasen beispielsweise wird so oft in Zusammenhang mit Friedhöfen genannt, dass er dann selbst dafür steht. Zum Teil scheinen unterschiedliche Kombinationsmöglichkeiten mit einem bestimmten Wortmaterial durchgespielt zu werden. Dadurch entstehen mitunter überraschende Zusammensetzungen, welche semantisch kaum zu entschlüsseln sind aber dennoch, oder gerade deswegen, poetisch extrem aufgeladen erscheinen. Auch die Überschriften wiederholen sich. „Das sich weitende Labyrinth“ taucht gleich viermal in Folge als Überschrift auf. Die Überschriften werden aber auch in den Gedichten selbst wieder aufgegriffen bzw. scheinen aus dem Gedicht herauszutreten und zu einer Überschrift zu werden. Eine Gedichtzeile lautet:

Der Tod verkürzt jede Wiederholung auf ein einziges Mal.

In umgekehrter Schlussfolgerung würde das bedeuten, dass Wiederholung Leben ist. Nimmt man das an, so würde damit auf der formalen Ebene durch die häufigen Wiederholungen ein Gegengewicht zu dem ansonsten auf der semantischen Ebene äußerst präsenten Todesmotiv gebildet werden.

Seit es deine Seele drückt, kommt sie der Nacht nahe nachmittags um
vier.

Die konzentrischen Kreise des Titels tauchen auch im Gedicht auf. Und zwar in Zusammenhang mit Licht:

Auf pechschwarzer Diele malt heimlich das Licht seine konzentrischen Kreise –

Oder auch in einer kurzen überzeugten Feststellung:

Ein konzentrischer Kreis ist alles.

Die wenigen erklärenden Fußnoten des Übersetzers (D.Ü.) sind manchmal kleine Sichtschlitze in tiefgreifenden Probleme, welche Wolfgang Kubin überwinden musste. Manche Fußnoten wecken dabei mehr Neugier, als sie befriedigen.

Doch Fluchen hält nichts auf.

Liest sich Konzentrische Kreise als Übersetzung? Diese Frage ist schwer zu beantworten. Bei einer Übersetzung aus dem Chinesischen  ins Deutsche hat diese wohl in einem größeren Ausmaß den Charakter eines Originals. Geht man ohne nähere Vorkenntnisse an das Buch heran und erwartet einzig eine Übersetzung eines chinesischen Dichters, so wirken die Gedichte wohl weniger fremd als erwartet. Dies lässt sich vermutlich auf den europäischen Kontext von Yang Lian zurückführen. Es entsteht fast der Eindruck, als ob Wolfgang Kubin die Konzentrischen Kreise zurück übersetzt hätte, in die eigentliche Sprache des Gedichts. Yang Lians Chinesisch ist fremd innerhalb der eigenen Sprache. Und auch Wolfgang Kubins Übersetzung enthält etwas der Fremdheit der eigenen Sprache.

Wenn Sprachlosigkeit Sprache hinterlässt, wird der Letzte Tag
von Tagen hinterlassen sein.

Wolfgang Kubin erhält dieses Jahr für seine Übersetzungen aus dem Chinesischen den Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung. Vor Konzentrische Kreise übersetzte er bereits mehrere Werke von Yang Lian. In der Nachbemerkung meint er, dass die Initiative Konzentrische Kreise ebenfalls zu übersetzen keineswegs von ihm ausgegangen sei: „In der Tat hatte ich in den letzten Jahren gedacht, mir nicht weitere Qualen aufhalsen zu lassen und mich leichteren Aufgaben zuzuwenden.“ Wie schwer es gewesen sein muss dieses Gedicht aus dem Chinesischen ins Deutsche zu übertragen lässt sich für Außenstehende wohl kaum nachvollziehen. Anhaltspunkte lassen sich vielleicht in der Nachbemerkung des Übersetzers finden, wo er von „Qualen“ spricht und davon, dass ihm der Versuch ein Jahr seines Lebens gekostet habe. Ein Jahr nur? Wäre man beinahe verleitet zu fragen. Denn man scheint mit der Übersetzung eine Unmöglichkeit in Händen zu halten. Yang Lian meint im Nachwort zur Möglichkeit einer unmöglichen Übersetzung: „Der Laserstrahl des Gedichtes vermag die Mauern „einer nicht möglichen“ Übersetzung zu durchdringen, so dass dieses in verschiedenen Sprachen zu Herzen geht.“

Die Übersetzung lauscht
dem Schwindenden, dem, was den Schmerz nicht preisgibt,
dem kollektiven linken Bein.

Das Äußere des Buches darf nicht unerwähnt bleiben. Denn mit Konzentrische Kreise (Edition Lyrik Kabinett bei Hanser) hält man ein Buch in Händen, wie man es sich nur wünschen kann. Bestechend in seiner Schlichtheit und einfach nur wunderschön.

Eine grammatische Person gleicht einer Liebe, übersehen von einem
Satz gehäuften Schnees.

Die Konzentrischen Kreise sind keine leichte Lektüre – man muss sich Zeit nehmen, aber dafür zahlt es sich auch wirklich aus. Auf der Homepage des Verlages heißt es über das Buch: „Sein zuerst 1999 in Shanghai veröffentlichtes Langgedicht „Konzentrische Kreise“ wird schon heute mit den bedeutendsten Lyrik-Zyklen der europäischen Moderne verglichen.“ Diese Aussage mag wohl etwas vollmundig klingen, scheint aber durchaus gerechtfertigt. Nicht-Chinesisch-Sprechende können Wolfgang Kubin wirklich dankbar sein, dass er die „Qualen“ einer unmöglichen Übersetzung auf sich genommen hat um auch uns Yang Lians Konzentrische Kreise zugänglich zu machen.

Niemand kann einem schattigen Gedicht entkommen.

Yang Lian
Konzentrische Kreise
Lyrik Kabinett
2013 · 128 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-446239845

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