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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
Kritik

Schade ums Papier: ohne Fantasie kein Sex.

Es gibt viele begeisterte Pressestimmen zu "adibas". Zurecht?
Hamburg

Die Rezensionen, zumindest die in Eigenwerbung vom Verlag zitierten, waren hellauf begeistert. Die Amazon-Site beschreibt „Adibas“ mit:

Pressestimmen
» [...] ein gelungener Einstand.« WDR, 21.09.2015

» [...] eine glänzend komponierte Parabel auf unsere globalisierte Welt.« ORF Ö1, 06.10.2015
» Zaza Burchuladze [...] schildert das Lebensgefühl einer jungen Generation in Georgien [...] « Berliner Zeitung, 15.10.2015
» „adibas“ ist ein Kabinettstück der modernen europäischen Literatur und Burchuldaze ein Autor, dessen Namen man sich merken sollte. « Mirko Schwanitz, Saarländischer Rundfunk, 28.10.2015
» In dem Roman "Adibas" erzählt der mittlerweile in Berlin lebende Zaza Burchuladze fulminant von der Boheme seiner georgischen Heimatstadt Tiflis. « Thomas Andre, Spiegel Online, 11.11.2015
» [...] Burchuladze [hat] mit "Adibas" den großen nihilistischen Tiflis-Roman unserer Tage geschrieben [...] « Welt am Sonntag, 15.11.2015
» [adibas] ist ein witziges Buch, dessen Kritik an der Gesellschaft sich nicht aufdrängt. « Anna Katharina Laggner, ORF, 22.11.2015
» [...] die Sprache des 42-Jährigen [...] kommt uns sehr nah [...] « SWR, 23.11.2015

Ich allerdings bin erbost: Verärgert über das Buch selbst, verwundert über die Damen und Herren Rezensierenden und erschüttert über die Lage der Nation, in der Literaturkritik über die Klinge des Zeitgeists springen muss, der da diktierte: "Georgien" = "christlich-orthodoxe Fundis auf Vormarsch", also: loben wir hoch, wen sie hassen. Das ist Schwarzweißmalerei, gefährliches Nikolaus-Krampus-Denken.

Denn der „große nihilistische Tiflis-Roman unserer Tage“ entpuppt sich als alles Mögliche nicht Lesenswerte; weder ein Roman, noch groß, noch gar der georgischen Hauptstadt Tiflis oder unseren Tagen entsprechend. Wer sich für Befindlichkeiten im postsowjetischen Tbilisi interessiert, „das Lebensgefühl einer jungen Generation in Georgien“ nachvollziehen möchte, sollte sich lieber Julie Bertucellis Film „Seit Otar fort ist“ oder den so stimmigen wie authentisch gehaltenen Streifen „Die langen hellen Tage“ von Nana Ekvtimishvili und Simon Groß von 2013 ansehen.

 

 

Autor von „Adibas“ – das Fake-Label der Drei-Streifen-Marke – ist der 1973 geborene Tbiliser Zaza Burtschuladse, laut Beipackzettel Übersetzer Dostojewskis und Charms'. Der Mittvierziger lebt und arbeitet in Berlin, seit in Tbilisi

seine Romane und Essays (...) von religiösen Extremisten verbrannt und vom Präsidenten Saakaschwili in der georgischen Tagesschau angeprangert

wurden, heißt es da. Als man seine Familie beinah mit dem Auto angefahren hätte, zog Burtschuladse nach Berlin, wo der Erfolg bereits maßgeschneidert vorlag, nämlich als schwarz gebundener Kunstlederband mit Goldschnitt-Adibas-Zeichen und Fake-Level-Grafiken im Textinneren. Bald „mehrfach ausgezeichnet“ und auch in anderen Sprachen neben der harten als Taschenbuchausgabe herausgekommen, erwies sich die „Flucht“ nach Berlin als werbewirksam.

Was als „eine glänzend komponierte Parabel auf unsere globalisierte Welt“ rezensiert wurde, ist eher die Parabel „Des Kaisers neue Kleider“. Denn wenige dürften tatsächlich das Buch gelesen haben, sondern nur die anderen nachäffen, die für einen Menschenrechtshelden halten, was bestenfalls einen Maulhelden abgibt.

Worum geht es in „Adibas“? Ein Mann um die dreißig aus der Jeunesse dorée der Kaukasusmetropole lebt in den Tag hinein. Er macht Filme, d.h. dreht Gelegenheitspornos, wenn ihn Freunde darum bitten. Später heißt es, er mache Jazz. Er trifft Menschen, von denen wir gerade die Namen, aber kein Wie, Wer oder Was erfahren, das uns erlauben würde, irgendwie in diese Namen- und Abschüsse-Angeberei einzusteigen. Im Hintergrund hört man ab zu den Fernseh­ansager von den russischen Truppen vor der Grenze, ja von Gefechten im Landesinneren und der Einnahme des Bezirks Gori durch ausländische Streitkräfte berichten.

So-tun-als-ob ist der Gag, wenn nicht das Thema des Buches: „Stell dir vor, es ist Krieg, und du bist falsch angezogen!“ lautet der zweite Witz. Nur dass die Ausführung mit der Grundidee nicht mithalten kann.

Man befindet sich im August 2008, als zur Zeit der Olympiade in Peking Saakaschwili-Georgien vor laufenden Kameras von Putin-Russland überfallen wurde. Doch im Umfeld des Adibas-Protagonisten kümmert der Fünf-Tage-Krieg keinen, da schwelgt man in Modemarken und Filmtiteln, kokst, liegt im Schwimmbad und bricht Rammelrekorde.

Wir erfahren von einer Reihe Mädchen, dass sie gut blasen können: Bobo super, Tika als Nächste, dann Kira (miserabel), schließlich Tako...: Nichts ist allerdings weniger sexy als eine derartig selbstverliebte Abschussliste, die Aufzählung von „dass“-Treffern. Es wäre interessant zu lesen, was den einen von den anderen unterscheidet; ob sich der selbstzufriedene Macho, dem die Dienste seiner Freundinnen zuteilwerden, dabei etwas denkt (vermutlich nicht, sonst ja auch nicht). Wie die jungen Frauen aussehen, was sie reden oder wie sie riechen. Doch dazu hat – das ist das Traurige – die Fantasie nicht gereicht. Daher reicht's auch nicht für Pornografie. Sex ohne Fantasie kann weniger als Sex ohne Genitalien.

Schade, dass so viele darauf reinfallen, „Ätschbätsch, Fundis!“ schreiend, sich über die tobenden orthodoxen Mönche auf den Straßen von Tbilisi freuen, die gegen die Verderbtheit des Buches demonstriert haben und nicht merken, dass sie bei allem Gutmenschsein in der Fremde Georgiens im eigenen Land am Vor-die-Hunde-Gehen der Literatur Mitschuld werden – zumindest der Art Literatur, die sich für kritisch hält.

„Adibas“ ist nicht einmal ein sehr schlechter Roman. Es ist gar kein Roman. Vorne und hinten stimmt nichts zusammen, aber gut, ein angemessenes Lektorat ist das Elaborat eh nicht wert. Haben die Herren und Damen von der Literaturkritik denn nicht gelesen, dass der Protagonist und Ich-Trompeter einmal Zaza, einmal Schako genannt wird? Dass diverse Kritzeleien unterschiedlicher Genres – neben dem dominierenden Ichform-Bericht SMS, Liedtext, Horoskop – zusammengebunden wurden, ohne zusammen zu gehen? Dass Ausdrücke, die erklärt gehören, wenn man sich in Georgien nicht auskennt, zwar Befußnotung erfahren, doch erst beim zweiten oder dritten Mal, die Leser rätseln? Dass ein durchs Weichbild radelnder Mann dreimal in derselben Wortfolge beschrieben wird, ohne dass das gewollt wäre? Die Liste der Vergehen an Schlampigkeiten im Lektorat könnte noch fortgesetzt werden. Aber wer braucht denn schon gute Bücher, wenn es einzig um Verkaufszahlen geht?

Und auch im Feuilleton geht es eben schon lang nicht mehr um guten Lesestoff, sondern um Kampagnen auf dem Buchmarkt. Am Vorabend der Gastgeberschaft Georgiens auf der Buchmesse will man schnell ein paar Helden küren, um der Kundschaft einen Brocken hinzuwerfen, am besten etwas Skandalträchtiges. Das Mach(o)werk, das mit dem Schmäh der „Fifty Shades of Grey“ spekuliert, kam allemal zur rechten Zeit.

Zaza Burchuladze
adibas
Übersetzung:
Anastasia Kamarauli
Aufbau Blumenbar
2015 · 192 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-351-05021-4

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