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Kritik

„Die Dichtung ist die Tochter der Erinnerung“

Hamburg

Zbigniew Herbert – wem muss er vorgestellt werden, dieser Dichter von internationalem Rang, der gemeinsam mit Wisława Szymborska und Czesław Miłosz, die beide den Literaturnobelpreis erhielten, sowie Tadeusz Różewicz und Adam Zagajewski zu den großen polnischen Dichtern zählt (die Liste ließe sich fortsetzen)? 1924 in Lemberg (poln. Lwów) geboren, erlebte er viele Wechselfälle der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts: Als Heranwachsender die deutsche Besatzung, während der er sich dem polnischen Widerstand anschloss, danach die stalinistische Herrschaft, in den 80-ern das Aufkommen der Solidarność und die Verhängung des Kriegsrechts sowie 1989 die Proklamation der polnischen Republik nach der Auflösung der UdSSR und die damit einhergehende Unabhängigkeit des polnischen Staates.

Herbert hatte schon früh zu dichten begonnen, doch erst 1956, in einer kurzen Phase der Liberalisierung nach dem Tod Stalins, veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband „Lichtsaite“, der ihn schlagartig bekannt machte. Doch erst 1964 erschien in der „edition suhrkamp“ unter dem Titel „Gedichte“ ein erster Auswahlband in deutscher Sprache, der von Karl Dedecius zusammengestellt und übersetzt wurde und Texte der ersten drei Bücher Zbigniew Herberts enthielt. Bis zu seinem Tod 1998 publizierte er insgesamt neun Gedichtbände. Darüber hinaus ist er für seine gleichfalls in Buchform vorliegenden Essays bekannt, die zum Teil das Ergebnis seiner zahlreichen, mehr oder weniger freiwilligen Auslandsaufenthalte waren.

Knapp 20 Jahre nach Herberts Tod erschien nun diese umfangreiche Sammlung all seiner Gedichte, die man als einen, wenngleich unvollständigen, Meilenstein bezeichnen kann. Sie folgt chronologisch den polnischen Originalausgaben, beginnend mit seinem ersten Buch „Lichtsaite“ (1956) und endend mit seinem letzten Lyrikband „Gewitter Epilog“ (1998). Aufnahme fanden auch vier bisher unpublizierte Texte Herberts, darunter ein Gedicht, das er „Karl Dedecius in unverbrüchlicher Freundschaft“ widmete und ein unvollendet gebliebenes Gedicht an Michael Krüger. Herausgeber ist der Lyriker und Verleger Ryszard Krynicki, der bereits 2008/2011 die gesammelten Gedichte in Polen publizierte und ein editorisches Nachwort zur vorliegenden Ausgabe schrieb. Sie enthält 402 Gedichte, von denen 144 noch nicht auf Deutsch vorlagen und von Renate Schmidgall übersetzt wurden. Außerdem wurden die früheren Übertragungen von Schmidgall und Krynicki noch einmal durchgesehen und überarbeitet.

Die große Fülle dieser Gedichte auf einmal zu lesen hat etwas Mühsames, wenn der Lektüre eine Rezension zu folgen hat. Diese Sammlung ist nicht auszulesen, zumindest für mich auch nach wochenlanger Beschäftigung nicht, was Herbert bereits im Gedicht „Das Buch“ angekündigt hat:

und höre die Stimme: Nie wirst du das Buch genau kennen

Da ist zum einen der politische Dichter und Denker, der die Verwerfungen und Katastrophen Polens aufgreift und in Poesie verwandelt. In „Lichtsaite“ fließen seine Erlebnisse als junger Mann während der Stalin- und Hitlerjahre sowie seine prägenden Erfahrungen im Widerstand ein.

lebend – trotz
lebend – gegen
werfe ich mir die Sünde des Vergessens vor

Diesem Selbstvorwurf tritt er mit den Gedichten entgegen, verdichtet das mit den eigenen Augen Gesehene. Die Worte Feuer, Flammen, Brand, Asche und Staub durchwogen die Seiten. Wir werden Zeugen seines Ringens mit dem möglichen Scheitern jedes Dichtens/Singens/Musizierens angesichts des Grauens.

Wie Echoschatten die Vergeblichkeit der Worte

schreibt Herbert und auch, dass die „Orakel der Poesie“ irrig seien, Verse vertrocknen oder dass die „Lyra bis zum Schweigen“ erhoben wird. Gleichzeitig beharrt er auf den Aufgaben der Dichter in schweren Zeiten,

damit ertönt was sonst nur schweigt

Auch spätere politische Verwerfungen in Polen werden unterschwellig Thema in Herberts Gedichten, etwa die Solidarność-Bewegung und die Verhängung des Kriegsrechts im Buch „Bericht aus der belagerten Stadt und andere Gedichte“. Herbert ist ein intellektueller Humanist und ein (katholisch grundierter) Moralist. Seine Gedichte sind nicht die eines Sprachschöpfers, der der Wortkunst frönt, denn „Lyrik als Kunst des Wortes langweilte mich“, sondern Ergebnis seines Verdichtens von Gedanken und Beobachtungen. Große Bedeutung hat für den belesenen Dichter die griechische Mythologie und die römische Geschichte, er greift Figuren, Symbole und Legenden auf, transformiert sie, stattet sie subtil mit aktuellen Wirklichkeiten und Bezügen aus, nicht zuletzt wohl als eine Möglichkeit, Repression und Zensur zu umgehen. Auch biblische Anspielungen sind häufig. Manchmal wählt Herbert die Form des Gebets, am deutlichsten im letzten Buch („Gewitter Epilog, 1998) in der Form des Breviers mit direkter Anrede eines göttlichen Herrn.

1974 tritt mit dem Buch „Cogito“ eine neue Figur an die Öffentlichkeit, für die Herbert bekannt wurde und die ihren Auftritt auch in den folgenden Lyrikbänden hat, jene des René Descartes Diktum „cogito ergo sum“ nachempfundenen Herrn Cogito. Er ist das Alter Ego des Dichters und sein Dialogpartner, ein Intellektueller, der mal in der Ich-, mal in der Er-Perspektive unaufhörlich sich selbst, seine Lektüren, kreative Prozesse, Gott und die Welt be- und hinterfragt. Nicht nur in den vielen Cogito-Gedichten blitzt zudem immer wieder leise (Selbst)Ironie auf.

In den beiden Spätwerken „Elegie auf den Fortgang“ aus dem Jahr 1990 und „Gewitter Epilog“ aus 1998 begegnen wir einer weiteren Facette des Dichters. Manche dieser Gedichte, die von Krankheitserfahrungen geprägt sind und sich gefasst mit der nahen Endlichkeit des Lebens auseinandersetzen, sind persönlich, setzen sich mit Kindheitserinnerungen und frühen Leseerfahrungen auseinander, ohne dabei je larmoyant zu werden und dem Sentiment zu verfallen.

Das Buch hat weit mehr als 600 Seiten, den Großteil davon nehmen die Gedichte ein. Viele davon hat Zbigniew Herbert Freunden und Bekannten gewidmet. Ein Beispiel: Im Buch „Rovigo“ (1992) gibt es ein Gedicht mit dem Titel „An Henryk Elzenberg zum hundersten Geburtstag“. Schon im Erstling „Lichtsaite“ widmet Herbert diesem Mann das Gedicht „An Marc Aurel“. Henryk Elzenberg war ein polnischer Philosoph und Lehrer, der für Herbert eine wichtige und prägende Persönlichkeit war. Leider findet sich keinerlei Information zu ihm und anderen in diesem Buch, denn ein Glossar mit Anmerkungen fehlt. Auch ein Gedichttitel wie „17.IX.“ bleibt rätselhaft – welche Zeit? Welches Jahr? Welcher Zusammenhang? Es handelt sich offenbar um die Besetzung Ostpolens unter Stalin durch die Rote Armee am 17.9.1939, eine, wie ich finde, für das Verständnis nicht ganz unwesentliche Information. Wenn Lesende mehr erfahren wollen, müssen sie also selbst recherchieren, stoßen aber schnell an Sprachgrenzen, denn viele Internetbeiträge sind nur polnisch verfügbar. Zudem kommt man über Annahmen und vage Vermutungen allzu oft nicht hinaus. Einen weiteren Mangel stellt das Fehlen einer entsprechenden Biographie dar. Herberts Kurzbiographie besteht aus 13 dürftigen Zeilen, beschränkt sich auf wenige Lebensstationen und gehört zu den kürzesten des Anhangs – die Biographien seiner Übersetzer Bereska oder Dedecius sind deutlich länger. Zudem vermisse ich in einem Werk dieser Größenordnung ein Nachwort, das sich analytisch mit dem Werk Herberts auseinandersetzt. Das sehr persönlich gehaltene Nachwort Michael Krügers ist dafür wahrlich kein Ersatz. So bleibt zu hoffen, dass ein solches in eine weitere Auflage des Buchs aufgenommen werden wird.

Anmerkung: Die Übersetzungen aus dem Polnischen stammen von: Henryk Bereska, Karl Dedecius, Renate Schmidgall, Klaus Staemmler und Oskar Jan Tauschinski

Zbigniew Herbert · Ryszard Krynicki (Hg.)
Gesammelte Gedichte
Mit einem Nachwort von Michael Krüger.Übersetzungen von Henryk Bereska, Karl Dedecius, Renate Schmidgall, Klaus Staemmler & Oskar Jan Tauschinski
Suhrkamp
2016 · 663 Seiten · 49,95 Euro
ISBN:
978-3-518-42476-6

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