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Kritik

Ortswechsel als Variation

Akzente 2/2016
Hamburg

I – Löwen und Lichtarchitekten am Werk

Schon im ersten Text, „Mann badet Löwen“, wird gewechselt, nämlich der Standort der Wörter, der Standort der Geschichte. Zsófia Bán spielt durch, fabuliert, beschwört. Es werden immer neue Orte aufgesucht, an denen doch wieder dieselben Dinge geschehen, nur anders platziert und anders positioniert, zueinander. Transformationen, genauer: Mutationen, die nicht den Rahmen brechen können.

An anderen Orten wird anders aufgeführt, aber die Darsteller bleiben im Bann ihres Handlungsspielraums. Es wird gebrüllt und es gibt jedes Mal einen Moment der Kühnheit. Elemente bringen sich erneut ein, die Figuren fliehen vor der Wiederholung und können doch nur in ihr, durch sie existieren. Ein Löwe scheint durch, wie ein Wasserzeichen.

Sind sie besonders? Oder einfach nur eigen? Was zeichnet sie aus – was definiert sie? David Wagner beschreibt sechs Hotelzimmer: in der deutschen Provinz, der deutschen Großstadt, Ost und West, in Dänemark und der Türkei. Er beschreibt sie methodisch, sieht sich alles an. Registriert: Was da ist. Was fehlt. Was wo zu finden ist. Welche Beschaffenheit Schlaf-, Sitz-, Wasch-, Ess- und Lagerräume haben.

Hotelzimmer liegen gefühlsmäßig irgendwo zwischen Flughafen und zu Hause: sind noch keine reinen Nicht-Orte, aber auch irgendwie keine richtigen Orte. Sie existieren nicht komplett unabhängig von einem -- immerhin ist man der Gast, der dieses Hotelzimmer bewohnt, das wirkt, als sei es einzigartig, und es doch erst durch seinen Bewohner wird.

Jedes Hotelzimmer soll seinen Gast zu einem rundumbedienten Individuum machen, jede Möglichkeit, jeder verpackte Gebrauchsartikel, jeder Komfort darin soll ein mögliches Bedürfnis erahnen. Ein individuelles Bedürfnis – und die Bedürfnisse von tausenden.

Solche Gedanken steigen durch den Detailreichtum von Wagners Texten an die Oberfläche, aber er zollt ihnen leider wenig Achtung, fragt sich stattdessen, ob er zu blöd zum Duschen ist und karikiert seine eigenen, atmosphärischen Bemühungen mit komischen und ironischen Einsprengseln. Diese Einsprengsel hätte man auch im selben lapidaren Ton hätte vortragen können, dann wären sie vielleicht sogar komisch gewesen. Da mag ich lieber sein obligatorisches:

Kein Bleistift, kein Kugelschreiber, kein Block.

Birgit Kreipes Gedicht über die Alpen ist umfassend. Es hat etwas Spektakuläres, wie es sich aufbauscht, immer, wenn man gerade denkt, es hat seinen vollen Umfang erreicht, sein Ausmaß festgelegt. Eigentlich geht es nur darum, dass die Idee der Alpen besser ist als die Alpenberge selbst. Schöner, größer und ungenauer. Da können die echte Vegetation, der reale Ort nicht mithalten, mit der Vorstellung und dem verheißenden Ton, den das Wort allein, ganz ohne Gegenstand, mit Geschichten überzogen und mit Farben und Klang, Illuminationen, grundiert, hervorbringt.

Als die Sonne aufstieg,
sahen sie nichts Eigenes.

Letztlich ist über Geflüchtete zu schreiben oft nur ein Bestätigen, ein sprachliches Reproduzieren ihrer Lage, die man sich schwer vorstellen und ebenso schwer darstellen kann, wenn man sich nicht in aller Breite (was Buchform verlangen würde) damit auseinandersetzen will. Kurze Beiträge zu diesem Thema sind wichtige Bekenntnisse, nochmalige Verdeutlichung, schaffen es aber selten, innerhalb der medialen Lautstärke noch Eindrücke von erkennbarem Einzelwert zu verdichten. Die Sprache des Gedichts „Verbannte“ des 2014 verstorbenen Dichters Mark Strand ist klar und seine Bilder wollen nicht brillieren, sondern anfassen, die Form des Fluchtgedankens zumindest umreißen. In einzelnen Zeilen gelingt eine Erhebung, aber es ist zu wenig. Das Versprechen von Nähe, von Abbildung gleitet einem als poetische Bearbeitung durch die Finger.

 

II – Strandbeests, Gedichte und andere Kunst

Nicht mal wirklich absurd ist das, was Christoph Peters in seiner Erzählung „Grüße von Yunus“ aus Architektur, Istanbul-Folklore und Phantastischem zusammenmischt. Mir kommt vor, es gibt da keinen Fluchtpunkt in diesem Text, keine Dimension, in der er sich bewegen kann. Stattdessen evoziert er ein Gefühl von sich anbahnender Transzendenz, von Auseinandersetzung; wendet sich aber, mit sprachlicher Wucht, nur einer knalligen, übersteigerten Pseudo-Transzendenz zu.

hier denkt man an Flucht mit der Hand im Gesicht

Wer Herta Müllers wunderbare Collagengedichte noch nicht kennt, sollte das schleunigst ändern. Wie ohne Kalkül und mit wenig Spiel entstanden, wohnt ihnen neben der einzigartigen typographischen Schönheit eine Art von lyrischer Vollkommenheit inne, ungezwungen und leuchtend. Kein Bild darin hängt in weiter Ferne, so absurd es auch ist:

im Zimmer nebenan wohnte der Himmel
ab und zu hing er wie ein zentrales Hemd
am Draht

Näherkommen, erreichen was immer schon da ist; was sich gar nicht gegen die Beschreibung wehrt, nicht gegen die Feststellung, nicht gegen das Wort. Was sich aber sich nicht ändert, egal wie klar es gesetzt und mitgeteilt wird, wie stark der Zoom und der Salto auch sind. Man kommt nicht dahinter, man kommt nur hinein. Hinein in den Moment, die Dehnung und das Zusammenfallen alles dessen, was die Welt in und an uns geschehen lässt.

Die Gedichte von Alexei Makushinsky ähneln denen des verstorbenen Lars Gustafsson. Beim Kleinen, fast schon Beschaulichen, das für das Erfahren fast uninteressant wirkt, setzen sie an und gelangen zum Allumfassenden, setzen dort den Punkt. Die zeitlosen Atmosphären, die unter den aktuellen liegen, werden von der einfachen, sinnlichen, schritthaltenden Sprache seismographisch erfasst und durchdringen die Welt, machen sie zur großen Anwesenheit und dennoch unendlich. Unsterblich.

Nur der Schauende, wer
er auch sei, ist immer sterblich.

Diese Lyrik holt einen immer ein. Sie spricht von und endet bei dem menschlichen Gefühl, das aus der Fremdheit der Daseinsbewältigung resultiert, das viele Schriftsteller zu übertünchen, zu verlassen versuchen. Ein Gefühl, dass Lars Gustafsson einmal so beschrieben hat:

Und etwas sagt dir, eines Abends […]
dass diese ganze Sucherei […]

nur ein Spiegel war für dein sehnsüchtiges Verlangen:
jemand möge mit dem gleichen Eifer nach dir suchen.

Wir sind zu Gast, sind Existenz, in diesen Abläufen des Lebens, die uns nicht unberührt lassen. Man kann den Inhalt heranziehen, mit Biologie, Physik, Chemie, Geschichte etc.

Oder man bestaunt die Form, die immer da ist.

Und ein kleines Mädchen läuft
über den Platz, ihrem ganzen Leben entgegenhüpfend.

Man gebe "Strandbeests" bei Youtube ein. Clemens J. Setz besuchte den Erbauer dieser kinetischen Skulpturen am Strand von Scheveningen. Sein Text dazu ist manchmal geistreich, manchmal seicht und bemüht; unterhaltsam in jedem Fall. Er verschafft den Stranbeests einen phantastischen Anstrich, man könnte sie für seine setzische Erfindung halten. Das Resümee, nicht ganz aus dem Kontext geboren, ist lapidar-brutal:

Kunst imitiert das Leben – und wird dann unendlich viel besser behandelt als fast hundert Prozent aller lebenden Wesen auf der Erde.

 

 

 

III – Ungewechselten Wortes, von Ort zu Ort

Hinter Ortswechsel lugt auch ein anderes Wort hervor. Es ist drastischer, in aller Munde und man könnte Ortswechsel für seinen schillerndsten Euphemismus halten: Flucht. Das Auffällige an den literarischen/dokumentarischen Texten, die ich in letzter Zeit zu diesem Thema gelesen habe, war die darin gar nicht erst verhandelte Distanz – womit nicht emotionale Distanz gemeint ist, denn die spielt in den Texten immer eine Rolle. Aber nahezu jeder Autor berichtete von einer direkten Konfrontation (egal ob wirklich oder fiktiv) mit Camps, mit Flüchtenden, mit Flucht.

Björn Kuhligks „Marrokko, por favor“ ist da eine Ausnahme, denn der Text zeigt den Versuch, mit dem Thema in Berührung zu kommen. In Marokko gibt es einige große Camps, in denen tausende Afrikaner auf eine Chance hoffen, in eine der spanischen Enklaven und von da dann nach Europa zu gelangen. Kuhligk versucht zu diesen Camps zu gelangen. Dabei ereignet sich natürlich einiges, was mit dem Topos Flucht zu tun hat -- und diese Momente sind stark und treten deutlich hervor. Aber vor allem zeigt der Text die ganzen kleinen Widerstände, Gefälle und Probleme der Thematik – und das vor Ort.

Hinter uns lag Deutschland mit seinen Stimmungen, aufgefädelt an einer Bahn aus Teer.

Autobahnfahrten können unterhaltsam sein, sind meist aber langweilig. Die Fahrt, die Niklas Maak und Leanne Shapton gemeinsam die A9 hinab unternehmen, wird allerdings kaum langweilig werden, denn die AutorInnen machen daraus (illustriert mit einigen Tuschebildern) eine deutsche Geschichtsstunde, voller Anekdoten, Reflexionen und theoretisch-philosophischen Vertiefungen. Es ist ein sehr gelungenes Beispiel für einen Text, der immer etwas Interessantes zu sagen hat, sich im Fluss befindet, dem die Übergänge von einem Aspekt zum nächsten sauber gelingen. Dicht, statt aus den Fingern gesaugt, zieht der Text in einem Kreise und hebt einiges ins Bewusstsein – nichts Spektakuläres, aber viel Relevantes.

Ein alter Mann und eine alte Frau liegen im Bett und spielen Karten. Es ist bitterkalt. Man wird vor ein paar Tatsachen gestellt. Dann klingelt das Telefon, die Frau geht ran. Es ist ein alter Bekannter des Mannes. Er will aber nicht mit ihm sprechen. Dahinter steckt eine Geschichte, die Terézia Mora in den Gedankengang des Mannes quetscht. Wichtiger scheint ohnehin das Zurechtschnitzen der beiden Figuren. Und was eine Geschichte vom Auswandern, von Jugendzeiten im Ostblock sein könnte, bleibt ein einfaches Kapitel aus dem Buch des Alters, des Wartens, des Sterbens.

Die Ortswechsel im Text von Jan Faktor, „Gehört das wirklich zur Sache?“, sind durchaus physisch, werden aber vor allem als psychisch sich auswirkende Phänomene aufgegriffen. Prag als die Stadt, in der nichts geschehen kann, die Berge als Ort der Einkehr und Besinnung, Ost-Berlin als ein riesiger Kulissenkosmos:

Nirgendwo fand man hier eine für Menschen gedachte Geometrie, nichts ließ sich mit der Infrarotwärme des eigenen Körpers erfassen, alles wirkte auf mich einfach wie nachträglich dazugedachtes Brechtsches Theater.

Aber es fällt sehr schwer, mit dem Text irgendwie warm zu werden. Als würde einem jemand etwas erzählen, ohne die Sprache dafür schon fertig erfunden zu haben.

Der schöne Schlusspunkt gehört Tommy Wieringa, geretteten Schnecken und einer traurigen Freiheitsstatue.

 

Zsófia Ban · Jan Faktor · Björn Kuhligk · Niklas Maak · Alexei Makushinsky · Herta Müller · Christoph Peters · Leane Shapton · David Wagner · Tommy Wieringa · Birgit Kreipe · Mark Strand · Clemens J. Setz · Terézia Mora (Hg.) · Jo Lendle (Hg.)
Akzente 2 / 2016
Ortswechsel
Hanser
2016 · 96 Seiten · 9,60 Euro
ISBN:
978-3-446-25178-6

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