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Kritik

Hase, Frosch, Migrant

Zygmund Baumans erhellender Essay wider die Panikmache
Hamburg

In seiner wichtigen Handreichung zu „Migration und Panikmache” analysiert Zygmunt Bauman, hochbetagt, aber von einer geistigen Frische, die man sich von der Politik, die er kritisiert, nur wünschen kann, was Die Angst vor den anderen sei, was zu ihr führe.

Die Antwort ist nicht einfach, denn hier spielt mehrerlei zusammen. Zunächst ist es die Angst vor dem Abstieg, von Bauman mit der Fabel von den Hasen und den Fröschen beschrieben: Die überall gejagten Hasen beschließen bei Äsop, des Lebens überdrüssig kollektiven Selbstmord zu begehen, sie wollen sich ertränken. Dort aber schrecken sie Frösche auf, schlagen diese in die Flucht und schöpfen daraus nach einer vertrackten Logik Lebensmut, wie Logik, die sich in der Politik wiederhole:

Die Befriedigung, die dieser Hase empfand – eine willkommene Atempause von der üblichen Verzweiflung über die alltägliche Verfolgung – rührt aus der Erkenntnis: »Es gibt immer noch Unglücklichere, mit deren Lage du nicht tauschen würdest.«

Der Hase hat als Restkapital die Zugehörigkeit zu den Nicht-ganz-Ärmsten, eine Einladung, derer sich der Nationalismus zynisch bedient:

Die Ankunft einer Masse heimatloser Migranten, die nicht nur in der Praxis, sondern auch nach dem Gesetz ihrer Menschenrechte beraubt sind, bietet die (seltene) Chance solch einer Situation. Und das erklärt zu einem großen Teil die Koinzidenz der jüngsten Massenzuwanderung und des Anstiegs der Fremdenfeindlichkeit, des Rassismus und eines chauvinistischen Nationalismus – wie auch die erstaunlichen und beispiellosen Wahlerfolge fremdenfeindlicher, rassistischer, chauvinistischer Parteien und Bewegungen und ihrer hurrapatriotischen Anführer. […] Von Menschen, denen praktisch – wenngleich bislang (noch) nicht formell – der Ausschluss aus ihrer Gesellschaft droht, kann solch eine Parole kaum überhört werden.

Dies ist die Funktion der „Anwesenheit »subhumaner Neger«” in den Südstaaten gewesen, in solchen Parolen

sogenannten »white trash« der amerikanischen Südstaaten vor einem extremen, quälenden, selbstmörderischen Selbsthass

zu bewahren, so wiederholt es sich gegen die Mexikaner, wenn es nach Trump geht, so gegen die Migranten aus dem brutal marktwirtschaftlich betreuten Raum, aus dem Menschen nach Europa flüchten … Zudem, so Bauman, sind jene Vertriebenen Boten: dass Wohlstand oder auch nur Sicherheit fraglich seien und bleiben – wobei leider nicht die Ursache, sondern der die Folgen Erleidende Aggressionen auslöst.

Es ist eine menschliche – allzu menschliche – Gewohnheit, den Boten für den unerwünschten Inhalt der von ihm überbrachten Botschaft verantwortlich zu machen. In diesem Fall also für jene rätselhaften, undurchschaubaren und zu Recht beargwöhnten globalen Kräfte, die wir (aus guten Gründen) im Verdacht haben, für das lähmende und demütigende Gefühl existenzieller Unsicherheit verantwortlich zu sein, das unsere Zuversicht schmälert oder zerstört und unsere Wünsche, Träume und Lebenspläne durchkreuzt.

Dagegen zu stehen, scheint die offerierte „Versicherheitlichung” der Neofaschisten, die wissen:

Der […] Reflex selbst entzieht sich der Reflexion.

Die Hysterie wird zum Mittel, Sozialabbau als Schutzwall anzupreisen, die Standards zu demontieren, die die Fremden demontieren würden, wie man betont … „die manifeste Funktion” ist nicht die „latente Funktion”, wie Bauman andeutet. Das Resultat: Donald Trump und seinesgleichen, Menschen, die das Denken in seiner Widerständigkeit nicht schätzen und ihre „Versicherheitlichung” verkaufen: wie ihre Wähler ihre Seelen, nach dem Verstand. Trump erzählt von seiner Potenz, von einer virtuellen Teilhabe an ihr, wenn man ihn wähle, und von Wunscherfüllung, wobei ihn Fakten nicht kümmern. Schon das Aufgreifen seiner Themen – und das gilt nicht nur für ihn – ist gefährlich, sie interessieren ihn nicht, sie sind bloß Impuls, Erregung, die er verbreitet. Fakten? – Bei ihm gleichgültig, ein „Taschenspielertrick” ist es, worin sich seine Analysen und Programme erschöpfen. „Gouvernementale Prekarisierung” (Isabell Lorey, zit. nach Bauman) ist die Allianz jener, die Bürger zu abhängigen Konsumenten entstellen wollen, arbeitend, aber nicht unternehmend, resonierend, aber nicht räsonierend. Man könnte auch das Bild Günther Anders’ von der Oralphase erwähnen …

Baumans Analyse ist klar und brillant: Ja, die Migration indiziert ein Problem – aber nicht das, dass nun das Fremde andrängte. Vielmehr sind es zwei Probleme: Der Export von Konflikten, die hier noch immer profitabel sind, jedenfalls für jene, die die Konflikte befeuern und die Parteien rüsten, wofür Bauman fast Nebenbemerkungen reichen,

globale[n] Kräfte, die wir (aus guten Gründen) im Verdacht haben

seien am Werk; und das Aufgehen des Diskurses in Erregung, die das Symptom beliebig umdeutet, und zwar so, dass es selbst das Problem wäre. Interessant ist, dass dies inzwischen auch dort offenbar mitunter noch oder wieder erkannt wird, wo man es nicht erwartet. Wenn man verstehen will, wieso manche noch immer Trump wollen, sollte man sich anhören, was Jim Cornette reichlich unakademisch sagt, aus dem traditionell republikanischen Wrestling-Business kommend und mit dem

sogenannten »white trash« der amerikanischen Südstaaten

bestens vertraut: Clinton sage die Wahrheit und sage Sinnvolles – aber so, daß es schon durch die Komplexität und redliche Vorbehalte weniger überzeugt klingt, darum auch weniger überzeugend. Trump rede „bullshit”, er agiere wie ein „idiot”, Cornette ist da sehr deutlich; aber er redet so, als glaubte er den Unsinn – und selbst dann, wenn in Echtzeit Gegenbeweise beigebracht würden, dieser im Grunde psychopathologische Zug wirkt bei denen, die den Inhalt nicht verstehen wollen/können, dank der Erregung. Bauman hierzu:

Donald Trump, der republikanische Kandidat für das Amt des amerikanischen Präsidenten, ein Mann, der berüchtigt ist für seine finstere Rhetorik des rassischen und religiösen Hasses, für »seine Schmähung anderer im Unterschied zu ›uns‹ und seine Weigerung, sich von hasserfüllten Reden einiger seiner Anhänger zu distanzieren«, ist nach Ansicht Emma Rollers von der New York Times »der perfekte Kandidat für unser virales Zeitalter«.

Doch – oder darum: Aufklärung braucht Abregung, der

Online-Schutzraum

der Hetzer kritischen Journalismus, … und Panikmache einen Essay. Zum Beispiel diesen exzellenten von Bauman.

 

Zygmunt Baumann
Die Angst vor den anderen
Übersetzung:
Michael Bischoff
Suhrkamp
2016 · 125 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3518072585

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