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Lyrikfestival "Dichterloh", Alte Schmiede Wien
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Kritik

Ein Wegenetz aus blauen Adern

Die polnische Autorin Zyta Rudkza fasst das Schicksal einer jüdischen Familie in poetischen Erinnerungsminiaturen.
Hamburg

Zyta Rudzkas Roman „Mikwe“ ist, neben vielem anderen, eine Ode an das „Geruchsgedächtnis, das älter ist als das Gedächtnis für Ereignisse“. Da löst sich die Kindheit „wie eine alte Tapete in einem feuchten Zimmer“ vom Vergessen ab, da bringen die Wohlgerüche nach reifen Birnen oder aber der Gestank verendeter Hunde Assoziationen mit sich, die ein visueller Reiz so nie heraufbeschwören könnte. Das wir diese Erinnerungsminiaturen nun auf Deutsch nachlesen können (das polnische Original erschien bereits 1999), ist nicht nur dem Secession Verlag zu verdanken, sondern auch dem wunderbaren Übersetzer Sven Sellmer, der die poetische, metaphernreiche Sprache ohne offenkundige Reibungsverluste übertragen hat.

Auf knapp 160 Seiten erzählt Rudzka die Saga einer jüdischen Familie, die während des Holocausts zerrissen wurde und sich nun über vier Generationen, über Polen und Palästina erstreckt. Erkennungszeichen der Habersteins ist ein feines Netz aus blauen Äderchen an der Schläfe. Ein ebenso feines Netz webt die Autorin aus sinnlich verdichteten Szenen, die schlaglichtartige Einblicke in das Leben und die Bewältigungsstrategien ihrer Figuren gewähren.
Alles beginnt in Warschau während der Nazizeit. Bevor er ermordet wird, überlässt Zundel Haberstein seine Tochter Hanna einem kinderlosen katholischen Paar. Die Mutter flieht mit der älteren Tochter Mordka nach Palästina. Dass traumatische Erinnerungen eine Generation überspringen – bzw. von dieser gut verdrängt werden, um in der nächsten mit verstärkter Wucht hervorzubrechen – ist keine Seltenheit. So konzentriert sich Rudzka auf die Geschichten der Enkel von Zundel Haberstein, Bella und Nathan, die parallel in Polen und Israel aufwachsen.

Ausgangspunkt für jede Szene ist ein kursiv gesetzter Satz in eckigen Klammern, der eine Weiterführung der Assoziationskette geradezu einfordert. So heißt es etwa: „[Die hinter den Gardinenstangen versteckten Mäuse beobachten, wie Mutter und Tochter traurige Hühnchenteile in Meerrettichsoße essen.]“ Sofort wird die beklemmende Enge der Kommunalwohnung am Rande Warschaus fühlbar, in der Bella und Hanna hausen. Schon früh bekommt Bella auch hier, im Kommunismus, den Judenhass zu spüren. Anerkennung findet sie einzig in der  Begierde älterer Männer, die sie im Bielaner Forst kennenlernt. Um sich vom Vorwurf  reinzuwaschen, ein „Drecksjude“ zu sein, putzt sie täglich die Wohnung mit Seifenwasser – daher wohl auch der Romantitel „Mikwe“, die hebräische Bezeichnung für ein Tauchbad zur rituellen Reinigung.

Eine wirkliche Katharsis kann jedoch erst dann stattfinden, wenn die Familie wieder vereint ist. So zumindest sieht es der Romanplot vor. Ein Stückchen näher rückt diese Hoffnung, als Nathan, Mordkas Pflegesohn, nach deren Tod den Deckel einer Zuckerdose mit eingravierten Initialen findet. Seitdem ist er besessen von der Idee, nach Polen zu reisen und dort eine Frau ausfindig zu machen, deren Name mit B beginnt. Einem skeptischen Freund hält er entgegen: „Mir geht es um das Chaos, darum, dass es außer in unserem Geist kein Chaos gibt. Dass alles voneinander abhängt, miteinander verbunden ist, eine Ordnung hat, die uns bloß unzugänglich, unverständlich ist.“

Im Herbst reist Nathan nach Lodz, wo Bella mit ihrer Familie lebt. Noch einmal evoziert die Autorin den „Duft nach Birnen, schwer und rissig von der Sonne“, die Pilze in den städtischen Parks, die abgeernteten Felder, die Weißdorn- und Haselsträuchern in den Hinterhöfen.
Mit diesem Feuerwerk an sinnlichen Eindrücken macht sie den Schmerz erfahrbar, der wie die feuchten Steine unter den Sträuchern vergraben liegt, zugleich aber auch die Kraft und Lebenslust ihrer Figuren. Schließlich ist es das feine Netz aus blauen Äderchen, das Nathan den Weg weisen wird – er bemerkt es an den Schläfen einer frechen Achtjährigen auf der Straße: Bellas Tochter.

Zyta Rudzka
Mikwe
Aus dem Polnischen von Sven Sellmer
Secession
2014 · 168 Seiten · 18,95 Euro
ISBN:
978-3-905951-31-8

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