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Kurz gefasst

Metaporno à la Baudrillard?

Hamburg

Mit Der heilige Skarabäus von Else Jerusalem liegt ein Bordellroman der Wiener Jahrhundertwende vor, der einen ratlos machen darf. Denn der Text, der über die unschöne Situation derer berichtet, die damals in dem Rotlichtmilieu ausgebeutet wurden, begann mit einem Mißverständnis der Rezeption: Skandal = 40.000 verkaufte Exemplare, eine soziale Anklage vermutete, wer das Buch las, jedenfalls zunächst wohl eher nicht.

Und man mußte sie auch dann nicht daraus lesen, zu unklar, zu ausufernd ist der Text, eine Anklage mit Nähe zu Marie von Ebner-Eschenbach, aber eben doch auch voyeuristisches Sich-Ergötzen an dem Schicksal junger Frauen, vielleicht samt moralischer – in Wahrheit sadistischer – Befriedigung an deren Ende, alles ja Sünderinnen...

Milada, die in diesem Roman in dieses Milieu geboren wird – aufgrund einer nicht nachvollziehbaren Rache ihrer Mutter an dem großbäuerlichen Sproß, der sie sitzen ließ, dem aber womöglich sich dadurch, daß Mutter und Leibesfrucht im Puff verschwanden, eine kommode Lösung seines Problems ergab – wächst im Zentrum all dessen heran. Und weil ihr eine pragmatische, hemdsärmelige Tüchtigkeit nachgesagt wird, wird sie schließlich Verwalterin des Hauses, wobei sie doch am System herumdoktort, indes: so letztlich ziellos wie die Autorin.

Das mag im Falle der Figur an der Sozialisierung liegen, der des Schuldienstes Verwiesene, den man ihr als Lehrer zuführt, hat jedenfalls wenig zu bieten, einen Humanismus, der Geschwurbel ist, was die Autorin aber womöglich so nicht klingen lassen wollte – wie auch die humanistischen Interventionen Miladas vielleicht ganz anders wirken sollen, als dies hier der Fall ist.

Fatalistisch nämlich wirken diese nämlich, wie das Ganze, wie ein Sozialporno, oder aber, doch nur manchmal und jedenfalls zu selten, als daß diese Interpretation kohärent wäre, als hätte Baudrillards These von der Arbeit in Bezug auf die Sexarbeit illustriert werden sollen: psycho- und/oder „ergotherapeutischen Wiedereingliederung” zwecks Produktivität, statt Trost oder Einspruch also nur raffiniertere „Auspressung der Arbeitskraft.”

Das System ist also in einer Art Metaporno wiedergegeben, trotz starker Passagen, weshalb auch Evelyne Polt-Heinzl schreibt, Jerusalems Skarabäus hätte ein „Lektorat auch mit größeren Strichen [...] gut getan” – und nein, das dürfte kein Kalauer sein.

Alles in allem: Zeitdokument, unklare Intention aufgrund unklaren Stils. Für Interessierte.

Else Jerusalem · Brigitte Spreitzer (Hg.)
Der heilige Skarabäus
Original erschienen 1909
DVB Verlag (das vergessene Buch)
2016 · 620 Seiten · 24,90 Euro
ISBN:
978-3950415834

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