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Ein Bild von einem Gedicht - der Poetryletter 2012
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Ein Bild von einem Gedicht - der Poetryletter 2012
Kurz gefasst

Er entohrte ihn wahrhaftig

Hamburg

"Ei, ei!", rief der listige Austernesser, "eine
Perle!" Ein Tischnachbar kaufte sie ihm für
100 Francs ab. Der Preis: 30 Sous im Bazar von
Maisons-Lafitte.

Auf der Terrasse eines Weinhändlers am Quai
aux Fleurs sind alle Tische zertrümmert worden.
Motiv: der wöchentliche Ruhetag.

Martin, eine reichlich mysteriöse Gestalt, auf
deren Stirn ein Stern tätowiert war, ist am
Stauwehr von Meulan aus dem Wasser gefischt
worden.

Félix Fénéons Dramolette sind Legende. Es gibt über 1000 von ihnen. Um 1900 plus minus verfasst, stehen sie als eine singuläre Leistung der Kurzprosa. Geistreich, tragikomisch, seltsam. Anonym veröffentlicht im Vermischtes-Teil der Zeitungen, sind sie eine Art Parodie, frühe situationistische Verfremdung auf das, was tatsächlich in der Zeitung steht: unglückliche Seelen mit genussreich aufgefischten regionalen Namen an der Grenze zur Verzweiflung oder schon tot, oder auch – als Leerstelle – einfach nur im Zug unterwegs von A nach B. Fénéon spielt mit Erwartungen, baut Meldungen aufeinander auf, wie die Mengen an gestohlenem Telefondraht, oder die Bahnhöfe einer inkognito reisenden Frau. Was heute Miniatur genannt wird, microficción, flash fiction, Maulwürfe, die Kleine Form, twitter oder was auch immer: es hat nicht nur Daniil Charms gegeben! Bei Diaphanes, übersetzt und zusammengestellt von Jürgen Ritte, ist der selbstverständlich winzige Band in der Reihe Oulipo & Co frisch erschienen. Ein grandioser Begleiter, passt in jedes Portemonnaie und hat ein Lebensdrama in drei Zeilen. Hier allerdings die kleine Schelte: fast alle Übersetzungen sind mindestens vier Zeilen lang. Das hätte editorisch anders gestaltet werden dürfen, auch sind ein paar Flüchtigkeiten im Lektorat zu finden, für derart wenig Worte leider auffallend. Aber egal: Hurra für die Wiederentdeckung und -herausgabe eines solchen Taschenschatzes.

400 Geistliche empfingen am Bahnhof von
Moulins Monsignore Lobbedey, ihren neuen
Bischof. Fünf in heiligster Aufwallung wurden
festgenommen. (Dép. part.)

3 Robben, 82 Affen, 20 Papageien, 15 Katzen,
32 Hunde, 63 Vorführer sowie deren 10 Wagen
sind von Versailles Richtung Saint-Cyr umge-
leitet worden.

Monsieur Jégou du Laz aus Cleden (Départe-
ment Finistère) hat sich Daumen, Zeigefinger
und Schenkel zerschmettert. Soweit die Anfänge
dieses Jägers und seines Gewehrs. (Havas)

Félix Fénéon
In drei Zeilen
123 Dramolette
Übersetzung:
Jürgen Ritte
Diaphanes
2018 · 48 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
9783035800432

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