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Lesart
Aloysius Bertrand* 1807† 1841

Maurer

MIT einem Lied schwingt der Maurer Abraham Knüpfer die Kelle, so hoch auf seinem Gerüst, dass er, die gotische Inschrift der Glocke vor Augen, zu Füßen zugleich die Kirche mit ihren dreißig Strebebögen und die Stadt mit ihren dreißig Kirchen hat.

Er sieht die steinernen Ungeheuer den Regen von den Schieferdächern in die Tiefe speien, einen verworrenen Abgrund von Galerien, Fenstern, Gewölbezwickeln, Dachreitern, Fialen,  Dachwerk und Gebälk, den die gekrümmte, regungslose Schwinge eines Falken mit einer grauen Flocke tupft.

Er sieht die sternförmig ausgebreiteten Festungswerke, die Zitadelle, stolz wie ein Gockel auf dem Mist, die Höfe der Paläste, wo die Sonne die Springbrunnen ausdörrt, und die Kreuzgänge der Klöster, wo der Schatten um die Pfeiler wandert.

Die Kaiserlichen liegen in der Vorstadt; und jetzt rührt ein Berittener dort unten die Trommel. Abraham Knüpfer erkennt  seinen Dreispitz, seine Achselschnüre aus roter Wolle, seine Kokarde, über die eine Kordel läuft, und seinen Zopf, um den ein Bändchen geknüpft ist.   
Was er noch sieht, sind ein paar Veteranen, die unter den mächtigen Kronen des Schlossparks auf dem weiten, smaragdgrünen Rasen mit Büchsenschüssen einen hölzernen Vogel auf einem Maibaum zer-löchern.

Und gegen Abend, als das ruhevolle Schiff der Kathedrale mit gekreuzten Armen in Schlaf sank, gewahrte er von der Leiter einen Weiler am Horizont, von Kriegsvolk in Brand gesteckt, der am Himmel glühte wie ein Komet.

Längst nicht erschöpftes Modell

Mehr als vierzig Jahre hat der Gaspard de la Nuit von Aloysius Bertrand (1807-1841) mich begleitet. Mit dem Buch ist es mir ähnlich ergangen wie vielen seiner Leser seit Baudelaire: Ich hatte den Eindruck, einem Geheimnis zu begegnen, einem Leuchten, das ebenso suggestiv wie unerklärlich war.

Einen der Texte des Gaspard de la Nuit schätzte der Autor so sehr, dass er die Gewohnheit hatte, das ganze Buch danach zu nennen. Es ist der Maurer aus dem Ersten Buch, das Die Flämische Schule betitelt ist. Auch wenn es im Gaspard de la Nuit Texte gibt, die ich persönlich bevorzuge, zeigt der Maurer doch Merkmale, die geeignet sind, einen ersten Eindruck des Werks zu vermitteln.

Auf bemerkenswerte Weise tritt der Autor hinter seinem Text zurück. Kommentarlos wird Bild an Bild gereiht; Bertrand verweigert eine Deutung des Geschehens, das damit etwas Letztes und Endgültiges erhält. Gegenüber der subjektiven Konfession, die als ein Wesensmerkmal romantischen Dichtens erscheint, stellt dieses Schweigen eine bemerkenswerte Neuerung des Gaspard de la Nuit dar.

Dem Zurücktreten des Subjekts entspricht die Herausbildung einer eigenmächtigen Objektwelt. Wie der Maurer unseres Textes ist das Subjekt im Gaspard gleichsam nur Zeuge der Welt, nicht ihr Schöpfer. Bertrand bezieht hier eine bemerkenswerte  Gegenposition zur Ideologie der postrevolutionären Gesellschaft seiner Zeit, die vom Pathos der Freiheit und des Subjekts zehrt. Die Herrschaft des Objekts im Gaspard de la Nuit ist unberechenbar. Sie zeigt sich in Sprüngen, Brüchen und Paralogismen, die sich mit schockhafter Plötzlichkeit durchsetzen. In Der Maurer gibt Bertrand besonders subtile Beispiele einer solchen plötzlichen Verselbständigung der Dinge. Sie erfolgt hier so leise, dass sie mich an das leise, präzise Klicken erinnert, mit dem sich die funkelnden Konstellationen eines Kaleidoskops verstellen. 

Die gotischen Lettern der Glocke stehen Abraham Knüpfer vor Augen; wenn sie die Ordnung der Schrift verkörpern, so wird sich dagegen unter ihm die Stadt in einem „verworrenen Abgrund“ auftun; aus dreißig Strebebögen werden dreißig Kirchen; die ungeheure Masse der Kathedrale wird zum schwerelosen Tupfer eines Turmfalken; das stolze Krähen Hahns zum stummen Wandel der Schatten eines Kreuzgangs; und aus dem schmucken Auftritt des Trommlers wird eine an Hieronymus Bosch gemahnenden Vision des Krieges, in der unvermittelt der friedvolle Schlaf der Kathedrale umschlägt in den Widerschein brennender Dörfer am Horizont.

In Frankreich wird das Werk Aloysius Bertrands immer mehr als eine Gipfelleistung der französischen Literatur des 19.Jahrhunderts betrachtet; der Verfasser des Gaspard de la Nuit gilt heute als kühner Vorläufer der Moderne. Mir selber erscheint er noch immer als faszinierendes, längst nicht erschöpftes Modell.

Der Gaspard de la Nuit erscheint in neuer Übersetzung im Reinecke & Voss Verlag

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