Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Andreas Gryphius* 1616† 1664

An die Welt

An die Welt

Mein oft bestürmtes Schiff, der grimmen Winde Spiel,
Der frechen Wellen Ball, das schier die Flut getrennet,
Das über Klipp' auf Klipp' und Schaum und Sand gerennet,
Kommt vor der Zeit an' Port, den meine Seele will.

Oft, wenn uns schwarze Nacht im Mittag überfiel,
Hat der geschwinde Blitz die Segel schier verbrennet!
Wie oft hab' ich den Wind und Nord und Süd verkennet!
Wie schadhaft ist der Mast, Steu'rruder, Schwert und Kiel.

Steig aus, du müder Geist! Steig aus! Wir sind am Lande!
Was graut dir für dem Port? Jetzt wirst du aller Bande
Und Angst und herber Pein und schwerer Schmerzen los.

Ade, verfluchte Welt: Du See voll rauher Stürme:
Glück zu, mein Vaterland, das stete Ruh' im Schirme
Und Schutz und Frieden hält, du ewiglichtes Schloß!

(Erstveröffentlichung 1650)

Zeile 4: Port: Hafen, Zufluchtsort
Zeile 10: für: vor
Zeile 13: Glück zu: ermunternder Zuruf, Grußformel

Günter Kunert* 1929

Forschungsauftrag

Forschungsauftrag

Heute hat das Glück
keine Namen mehr
Es hat sein Ansehen
verloren
sein Aussehen Die Kugel
Das Füllhorn Das Kleeblatt

Wer es sucht
findet an seiner Stelle
nichts
eine Lücke im Befinden
im Mauerwerk der Welt
einen Riß

jenseits dessen vielleicht
Angstlosigkeit anfängt
 

(Erstveröffentlichung 1980)

Der Wandel der Bilder des Glücks

Andreas Gryphius „An die Welt“ und Günter Kunert „Forschungsauftrag“ - eine vergleichende Interpretation

Gedanklicher Aufbau
(Andreas Gryphius)

Die ornamentale Bilderfolge der ersten beiden Strophen stellt das Leben eines Menschen vor Augen, der, von Schicksalsschlägen schwer getroffen, sich schon frühzeitig dem ersehnten Jenseits nahe weiß. Das "bestürmte Schiff" entspricht dem Leben des lyrischen Ich, die Naturgewalten kennzeichnen die erlittenen Bedrohungen und Beschädigungen, die zu Orientierungslosigkeit (Z. 7) und Hinfälligkeit (Z. 8) geführt haben, wie der Rückblick in Strophe 2  bilanziert.

Spätestens in Z. 4 ("Port, den meine Seele will") wird klar, dass die Bilder des Gedichts zeichenhaften Sinn, also keine Gegenständlichkeit, sondern Gleichnischarakter haben. Am Ende der 1. Strophe ist das "Schiff" gestrandet, die Lebensreise zu Ende. Der ersehnte Zufluchtsort, die himmlische Heimat, ist erreicht. Auch die Schlusszeile der Strophe 2 hat diesen abschließenden und zusammenfassenden Charakter, indem sie mit einer Aufzählung der Körperschäden (im Präsens) die Erinnerung an die unerwarteten und vorzeitigen ("Nacht im Mittag") Schicksalsschläge beendet und die Vergänglichkeit des Irdischen verdeutlicht. Der Vergleich der beiden ersten mit den beiden letzten Strophen legt die antithetische Struktur des Gedichts offen: früher/jetzt - künftig, See - Land, Leiden an der Welt - Erlösung. Den klagenden Ausrufen der Strophe 2 und dem resignierenden Ton der Z. 8 folgen nun ermunternde Appelle (Z. 9) und eine erlösende Verheißung (Z. 10f.). Die materiell-weltlichen Un-Werte (jetzt zum Teil mit Abstrakta formuliert: "Angst", "Pein", "Schmerzen"), die auch den Geist schon angekränkelt haben ("müder Geist"), werden abgelegt. Und schließlich wird in Strophe 4 der "verfluchten Welt" mit einem antithetischen Willkommensgruß (Z. 13) das eigentliche (himmlische) "Vaterland" im Bild des unvergänglichen Schlosses gegenübergestellt, in dem die Seele "stete Ruh' im Schirme / Und Schutz und Frieden" findet. Die rhetorische Frage "Was graut dir für dem Port?" (Z. 10), die freilich deutlich macht, dass das Ziel nur durch den Tod hindurch erreichbar ist, wird mit dem "Glück" beantwortet, das im Bild "ewiglichtes Schloß" Höhepunkt und Abschluss des inneren und äußeren Gedichtaufbaus ist.

Form und sprachliche Gestaltung
(Günter Kunert)

Die bisherigen Bezeichnungen für das Glück wie Vollkommenheit, Fülle des Lebens, wundersame Fügung o. Ä. (im Bild der Kugel, des Füllhorns, des Kleeblatts) haben keine verbindliche Gültigkeit mehr, und mit den Namen ist auch das Bezeichnete verschwunden. Das Nichts und der Mangel sind dominierend, die Angst beherrscht den Menschen und die Welt. Aber Lücken und Risse in dieser Umschlossenheit lassen die Hoffnung auf ein Leben ohne Angst nicht ganz schwinden.

Der "Forschungsauftrag" (unklar bleibt, von wem an wen) besteht darin, das Glück ausfindig zu machen, obwohl es "heute" offenbar unsichtbar und unbenennbar ist (erster Textabschnitt). Wer es sucht, findet (entgegen der alten biblischen Zusage) "nichts". Diese 'Nullstelle' wird aber nun doch vorsichtig 'erweitert' durch "Lücke" und "Riß" und die Perspektive eines 'Dahinter'. Das Wort "Befinden" hat (neben der medizinischen Konnotation) eine ontologische Dimension, und das "Mauerwerk der Welt" steht für die bedrohliche Enge (=Angst) und ist zugleich von Menschen geschaffenes Antibild zu den mythologisch-natürlichen Bildern ("Kugel", "Füllhorn", "Kleeblatt"). Diese 'alten' Bilder werden in umgekehrter Reihenfolge negativ geladen wieder aufgenommen im zweiten Textabschnitt ("Kleeblatt" : "nicht finden"; "Füllhorn" : "Lücke"; "Kugel" : "Riß"). Auch die "Angstlosigkeit" soll wohl verdeutlichen, dass Glück nur ex negativo beschreibbar ist und dass für Kunert "vielleicht" ein Anfang jenseits der von ihm erlebten und vorgefundenen angstbesetzten Welt möglich ist. Die freistehenden beiden letzten Zeilen und der richtungsweisende Titel des Gedichts lassen einen Hoffnungsschimmer zu.

Form und sprachliche Gestaltung
Andreas Gryphius

Die Reimordnung (abba / abba / ccd / eed) der Alexandriner lässt je zwei parallel gebaute Strophen erkennen: 2 Quartette und 2 Terzette. Es handelt sich also um ein Sonett. Jede Strophe ist in sich abgeschlossen. Die umgreifenden männlichen Reime in den Quartetten setzen einen kraftvollen Schluss. Der männliche Reim in Z. 11 und 14 schließt die beiden Terzette zusammen. Die Wendung nach dem Einschnitt zwischen Quartetten und Terzetten zielt bereits auf die Schlussaussage hin, von der die Theorie des Sonetts 'Spitzfindigkeit' fordert: Der Vergänglichkeit wird das Ewige gegenübergestellt, die Welt wird aufgehoben im Jenseits, durch den Tod wird das Leben gewonnen, und eben dies wird der todverfallenen Welt mitgeteilt ("An die Welt"), wobei das lyrische Ich hier nicht nur individuelle Hoffnung, sondern generelle metaphysische Deutung formuliert. Der Spannungsbogen reicht vom Titel über den Bildteil bis zur zentralen Schlussaussage und hat somit eine Parallele in der emblematischen Kunst (Inscriptio - Pictura - Subscriptio).

Auch die Verszeilen sind gegliedert (Alexandriner: sechshebige Jamben mit Zäsur nach der dritten Hebung): Das ermöglicht einen bauenden, kraftvollen Rhythmus und ausdrucksstarke Spannungsbögen (die in Z. 10 und 13 zur nächsten Zeile übergreifen). Die Zäsur im Alexandriner markiert hier aber nicht - wie sonst des Öfteren bei Gryphius - eine Antithese, sondern einen additiven Neuansatz oder eine Explikation. Das Formprinzip der reihenden Steigerung durchzieht das ganze Gedicht (innerhalb der Strophen, meist auch innerhalb der Zeilen). Zu den substantivischen Akkumulationen (besonders in Z. 3, 7, 8, 10f., 13f.), in denen die Stilmittel der Addition und Variation, schließlich der Generalisierung ("aller", Z. 10) und der Klimax ("stete [...] ewiglichtes Schloß", Z.13f.) zu sehen sind, kommen zahlreiche parallele Fügungen, Wortwiederholungen, Anaphern, Alliterationen und Assonanzen, von denen z.B. angeführt werden könnten:

Parallele Fügungen:
-    "der grimmen Winde Spiel" - "Der frechen Wellen Ball";
-    "das schier" - "Das über"
    (auf zwei Appositionen folgen zwei Relativsätze);
Wortwiederholungen und Anaphern:
-    "Klipp' auf Klipp'";
-    "Oft" - "Wie oft" - "Wie";
-    "schier" - "schier";
-    "Steig aus" - "Steig aus";
-    sowie die häufigen Verbindungen mit "und" in den Z. 3, 7, 11 und 14;
Alliterationen:
-    "bestürmtes Schiff";
-    "geschwinde - schier";
-    "schadhaft - Steur'ruder, Schwert";
-    "schwerer Schmerzen";
-    "stete - Schirme - Schutz  - Schloß";
Assonanzen:
-    "grimmen Winde Spiel";
-    "frechen Wellen";
-    "schwarze Nacht";
-    "im Mittag überfiel";
-    "geschwinde Blitz";
-    "schadhaft - Mast";
-    "aller Bande - Angst".

Bei solcher Vielzahl von lautlichen Verklammerungen und melodisch wirksamen syntaktischen Parallelismen fällt ein unreiner Reim (Z. 12/13) nicht ins Gewicht. Der Rhythmus ist in den ersten beiden Strophen fallend als Ausdruck der Resignation bzw. des melancholischen Rückblicks. Dem entspricht der Inhalt: vorzeitiges Ende nach weltlichen Stürmen, Hinfälligkeit, kurze Lebensdauer (Gesamtmotiv und unausgesprochener Oberbegriff: vanitas). Ein starker inhaltlicher Einschnitt nach Z. 8 (positive Zukunftsvision) ergibt einen veränderten Ton und somit eine appellative, stärkere und temporeichere Bewegung. Im Stil einer ekstatischen Rede verbindet Gryphius nun den Befund der Quartette (Thesis) mit der Conclusio der Terzette. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang auch der Wechsel vom "Ich" zum "Du" der emphatischen Anrede. In der antithetisch gesetzten Konsequenz von Fluch und Segen (Abschieds- und Willkommensgruß, Z. 12f.), die in der Zuspitzung auf die Alternative zur "See voll rauher Stürme", nämlich im "ewiglichte(n) Schloß", gipfelt, liegt auch die in der Interpunktion verdeutlichte rhythmische Pointe.

Die Bilder des Gedichts haben einen abstrakten Sinngehalt (Schiff und Port, See und Land, Welt und Vaterland) und sind somit insgesamt als eine geschlossene allegorische Gedankenkette zu verstehen. Als spezifische Formen der Bildlichkeit wären zu nennen:
-    Metaphern ("Winde Spiel"; "Wellen Ball");
-    Vergleiche ("überfiel" [wie ein Räuber]; "Welt: Du See voll rauher Stürme");
-    Personifikationen ("grimmen Winde"; "frechen Wellen"; "Steig aus, du müder Geist!").

Schwer einzuordnen ist das Schlussbild ("ewiglichtes Schloß"). Vielleicht ein Symbol für das himmlische "Vaterland", dem es über die Synonyme "stete Ruh", "Schirme", "Schutz" und "Frieden" zugeordnet ist. Gerade die Synonyme könnten vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges dazu verleiten, in dem Schloss eine positive vaterländische Vision zu sehen. Das Schloss ist aber zweifellos nicht weltlich gemeint. Es erinnert an die 'feste Burg' in Kirchenliedern und an das uneinnehmbare und lichterfüllte 'himmlische Jerusalem',  also an jenseitige Erlösungshoffnungen, die der "verfluchten Welt" als ersehntes Ziel gegenübergestellt werden.

Günter Kunert:

Das Gedicht ist formal der Moderne zuzuordnen:
-    keine traditionelle Vers- oder Strophenform;
-    unterschiedlich lange Verse, meist von Enjambements bestimmt;
-    kein erkennbares metrisches Schema (vers libre);
-    Reimlosigkeit;
-    bewusste Rhythmisierung und Betonung durch auffällige Platzierung einzelner Wörter und Satzteile;
-    fehlende Interpunktion.

Die ohne Interpunktion gesetzten Zeilen erzeugen einen tastenden, suchenden, reflektierenden Ton. Fehlende Adjektive lassen den Stil lakonisch erscheinen. Einzeln gesetzte Wörter ("verloren", "nichts") werden in ihrer Bedeutung augenfällig gemacht. Syntaktische Umstellungen machen Sinnbezüge deutlicher (Z. 4f., 11f.). Die Großschreibung ("Die Kugel Das Füllhorn Das Kleeblatt") ist zwar durch fehlende Punkte erklärbar (wie das großgeschriebene "Es" in Z. 3), wirkt jedoch ungewöhnlich und erregt besondere Aufmerksamkeit. Möglicherweise eine wehmütig-ironische Erinnerung an etwas, das früher tatsächlich 'groß' geschrieben wurde, jetzt aber "Aussehen" und "Ansehen" verloren, also "keine Namen mehr" hat (ein Ausdruck, der gesellschaftliche und/oder kulturelle Bedeutungslosigkeit signalisiert). Der Rhythmus der ersten Versgruppe wird zunehmend verzögert und kommt mit den drei elliptischen Setzungen zum Stillstand.

Die zweite Versgruppe, die wie die erste sechs Zeilen umfasst, korrespondiert inhaltlich mit der ersten (s. gedanklicher Aufbau). Durch syntaktische Umstellung wird der "Riß" einerseits betont und andererseits mit den zwei Versen der abschließenden dritten Versgruppe über das Enjambement hinweg verklammert. Versgruppe 2 und 3 bilden eine syntaktische Einheit. Dass die beiden Schlusszeilen des Gedichts abgesetzt sind, macht aber auch deutlich, dass die vage Hoffnung ("vielleicht") eben nur "jenseits" des in Versgruppe 2 benannten gegenwärtigen Befundes zu finden ist. In diese Zukunft also hat sich der "Forschungsauftrag" zu richten.

An Stilmitteln lassen sich neben den erwähnten traditionellen Sinn-Bildern (Z.5f.) und Metaphern (Z.10f.) feststellen:
-    Wortspiel ("Ansehen" - "Aussehen");
-    Neologismus ("Angstlosigkeit"), der wohl die Voraussetzung für "Glück" und zugleich dessen Unbenennbarkeit ausdrücken will;
-    Personifikation des "Glücks" in Versgruppe 1;
-    Alliterationen ("Heute hat"; "[Mauer]werk der Welt"; "Angstlosigkeit anfängt");
-    Wortwiederholungen ("hat" - "hat"; "sein Ansehen" - "sein Aussehen"; "Das" - "Das";     "eine [...] im" - "im [...] einen").

Vergleichende Interpretation - die unterschiedliche Darstellung der Suche nach dem Glück, epochen- und zeittypische Merkmale

Andreas Gryphius:

Auch unter schwersten Anfechtungen hat das lyrische Ich keine Zweifel an seiner metaphysischen Bestimmung und an der Gewissheit, durch den Tod das Leben gewinnen zu können. In der Formulierung "mein Vaterland" klingt ein personales Gottesverständnis an, das Gryphius andernorts die 'Vatertreu' Gottes genannt hat. Unter "Seele" versteht er Frömmigkeit und Vertrauen, unter "Geist" die Einsicht in den rechten Weg, d.h. das Vermögen, zwischen Vergänglichem und Ewigem zu unterscheiden. Wer sich der Welt überlässt, dem bleibt nur Klage. Überwindung der Welt heißt Abschied von der "Angst". Dies ist allerdings streng metaphysisch zu verstehen: Nur der Glaube kann zu dieser Überwindung verhelfen.

Mit großer Eindringlichkeit und in dynamischer Steigerung trägt Gryphius sein Anliegen vor, wobei seinem Plädoyer die Struktur des Sonetts in idealer Weise entspricht. Die Quartette übernehmen die rhetorische Aufgabe der Distributio: Veranschaulichung und Facettierung, Bedeutungsentfaltung und Steigerung. Gryphius schlägt allerdings hier bereits den Bogen zu den Terzetten, indem er in Z. 4 die starre Auffassung von einem notwendigen Gegensatz zwischen Oktett und Sextett durchbricht. Einlösung dessen, was seine "Seele will", nämlich die Aufhebung und Umkehrung des Leids, bringt das "Schloß". Hinter der todgeweihten Welt gibt es eine metaphysische Heimat. Nur deshalb ist die Welt eine Welt Gottes, weil hinter dem Flüchtigen und Zeitlichen das Ewige wartet. Darin sieht Gryphius den Sinn der Welt und  sein eigenes Glück, seinen Lebenssinn.

Das Gedicht ist der Epoche des Barock zuzuordnen:
-    Die Beachtung strenger poetischer Regeln entspricht den Forderungen von Opitz     (Sonettform, Versmaß, festgelegte Bildlichkeit und Rhetorik).
-    Die Aufteilung in Titel, Bildteil und Sentenz hat eine Parallele in der emblematischen Kunst der Barockzeit.
-    Die Topik hat Gleichnis- und Verweisungscharakter (sinnbildliche Auffassung der     Natur, der konkreten Dinge, selbst der abstrakten Begriffe).
-    Grundthemen sind die Frage nach der Stellung des Menschen in der vergänglichen     Welt und die Perspektive auf die Ewigkeit nach christlicher Vorstellung.
-    Die dualistisch anmutende Spannung löst sich in der Gewissheit einer Heilsordnung.

Günter Kunert:

Durch den diskursiv argumentierenden Tonfall erinnert Kunerts Diktion an pointierte Gedankenlyrik. Dies bestätigen auch der sachlich-kühle, überindividuell zu verstehende Titel, der apodiktisch anmutende Vortrag und die an philosophischen Jargon anklingende "Angstlosigkeit" als Schlussfolgerung. Die Bilder des Gedichts aber gehören zu einer anderen poetologischen Ebene und geben zahlreichen Assoziationen Raum, das damalige und das heutige Lebensgefühl kontrastierend. Auch arbeitet Kunert mit der raffinierten Umkehrung von Bildern, mit Wortspielen, Klängen und Stimmungen. Nicht der didaktische Ton setzt sich durch, sondern der bildkräftig-beschwörende. Kunert spricht nicht von olympischer Warte herab, er spricht aus persönlicher Betroffenheit. Das (scheinbar fehlende) lyrische Ich äußert sich in dem "vielleicht" des vorletzten Verses.

Das Gedicht zeigt eine deutliche Skepsis gegenüber der Erfüllung des "Forschungsauftrags". Es ist kaum möglich, das Glück zu finden, es scheint unerreichbar, doch ist der Ansporn, es zu suchen, unverkennbar, da der "Forschungsauftrag" wohl zum Menschsein gehört. Obwohl der Autor von jeder Utopie und vom Prinzip Hoffnung Abschied genommen hat, bleiben beide im Gedicht spürbar, allerdings nur als Verlorenes, in dieser Welt nicht mehr Greifbares: Die 'alten' Bilder des Glücks, wie in der ersten Versgruppe in Erinnerung gerufen, sind heute nicht nur bedeutungslos, sie sind, wie die zweite Versgruppe zeigt, keine tauglichen Begriffe mehr, da sie nicht mehr vorhanden und also nicht mehr begreifbar sind. Der Autor, obwohl desillusioniert, resigniert aber nicht völlig. Er stellt sich der Realität, dem "Mauerwerk der Welt", der Versteinerung des Lebens, lässt aber eine Perspektive zu. Die Hoffnung heißt "Angstlosigkeit". Sicher ist damit keine alternative Traumwelt gemeint und kein gesellschaftliches Utopia, auch kein positives religiöses Jenseits. "Vielleicht" ist es der Tod, der die Suche beendet, indem er die Lebensangst - den Antrieb zur Suche - nimmt und damit möglicherweise einen Neuanfang setzt.

Das Gedicht ist der Moderne (nach 1945) zuzuordnen:
-    aufgrund der formalen Kriterien (siehe oben: Form und sprachliche Gestaltung);
-    Abkehr von jeglichem Pathos in der Diktion;
-    Distanz gegenüber tradierten Werten;
-    kein Ersatz für überkommene Werte: Erfahrung des Verlusts, der Leere;
-    desillusionierte Skepsis in der Aussage;
-    Hoffnung nur ex negativo benennbar.    
 

Quellen:
Marian Szyrocki / Hugh Powell (Hrsg.), Andreas Gryphius. Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Bd. I: Sonette, Tübingen (Niemeyer) 1963, S. 61f.
Sprachliche Angleichung an das Neuhochdeutsche nach: Dietrich Steinbach (Hrsg.), Editionen für den Literaturunterricht, Barock Lyrik, Stuttgart (Klett) 1984, S. 33
Günter Kunert, Abtötungsverfahren. Gedichte, München (Hanser) 1980, S. 87

Sekundärliteratur:
Nachwort von Adalbert Elschenbroich in: Andreas Gryphius. Gedichte. Stuttgart (Reclam) 1966, S. 137-162
Nachwort von Uwe Wittstock in: Günter Kunert, Gedichte. Stuttgart (Reclam) 1987, S. 62-76

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