Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Anna Breitenbach* 1952

Das Lampentier

das Lampentier das
leuchtet mir
                                               
das neigt sich
liebevoll zu mir

zu mir dem Buch und
zu den Seiten

das will nicht nörgeln
will nicht streiten

das leuchtet mir
das gibt mir Licht

mehr will es nicht

Freundliche Tiere

Wie der Christian Kreis hier eben so lustig von der Buchmesse in Leipzig berichtet, da dachte ich, ich könnte mal erzählen, wie ich ein Tiergedicht geschrieben habe, extra für eine „Gedichte für Tierfreunde“-Anthologie von dtv, und wies dann doch nicht reinkam, sondern dafür ein sehr trauriges Hundegedicht, das ich selber kaum lesen kann, ohne extrem traurig zu werden, jedesmal, obwohl ichs doch selber geschrieben habe und also so langsam drüber weg sein sollte. Das nicht traurige Tiergedicht, sogar ein sehr tröstliches, aufbauendes, finde ich, kam nicht in die Anthologie, ich denk mir, wahrscheinlich wegen zu wenig Tier.

Angefangen hatte es damit, daß ich im Badezimmer meine Zähne putzte, schon recht bettschwer, und dabei überleg ich mir immer, was ich so morgen tun sollte oder wollte. In der Nacht, von der ich rede, überlegte ich mal was anderes, nämlich: was ich denn für Tiergedichte hätte, die ich an dtv schicken könnte. Natürlich fiel mir das traurige Hundegedicht sofort wieder ein, obwohl ich an das am wenigsten denken wollte. Und wie die Beleuchtung des Badezimmerspiegels mir für die späte Zeit viel zu hell ins Gesicht leuchtete, dachte ich deutlich hörbar: das Lampentier. Mein müder Kopf wunderte sich kaum bzw. hatte auch keine Zeit zum Wundern, weil gleich darauf kam: das leuchtet mir. Und noch hinterher: das gibt mir Licht . Inzwischen war ich auch mit Zähneputzen soweit fertig und vor der Anstrengung des Abschminkens ging ich doch lieber noch mal runter (ins Erdgeschoß), um Papier und Stift zu holen.

Weil! wie oft mußte ich schon die bittere Erfahrung machen, daß ich im Bett, doch noch gerade so wach, Sachen dachte, die ziemlich nach Gedicht aussahen oder zumindest nach gutem Material für eins und so klar stand es im Kopf wie schon geschrieben, fast gedruckt da und nie würde ich gewiß auch nur ein Wort davon vergessen können. So genial. Und am nächsten Morgen war außer dem ergriffenen Gefühl: das war richtig gut! gedacht, gedichtet, nichts mehr davon übrig. Null komma nichts, kein Wort, keine Ahnung, um was es ging,  und Rekonstruktionsversuche: an was hab ich als erstes im Bett liegend gedacht??, ans Schlafen und als zweites? brachten auch nichts ein. Verloren mußte es sein und bleiben. Diese Lektion hatte ich endlich mühsam gelernt, eine von wenigen, nach Rückholversuchen, über Tage,  ohne Erfolg.

Also den unwilligen Körper noch mal nach unten geschleppt und schon auf der Treppe gings ja eh weiter mit dem Text und wieder oben im Badezimmer alles brav notiert und noch eine Zeile kam dazu und ein paar Teilstücke, die morgen nur noch montiert werden mußten. Den Zettel ins Badezimmerregal zu den Handtüchern, ab ins Bett und weg war ich und jegliche Bekanntschaft  mit  so was wie einem Lampentier.

Morgens mit dem ersten Kaffee am PC noch trübe nach mails geschaut und mal hier was geantwortet und da ein mail wieder zugemacht, da leuchtete sich das Lampentier wie ein Laserstrahl, ok Scheinwerfer reicht auch, durch die Morgenlähme, grub sich einen Stollen ins schwache Bewußtsein des frühen Tages und forderte bei Word ein weißes Blatt an und bekams und los gings:

das Lampentier das
leuchtet mir

und schrieb sich runter, wie eben auswendig gelernt und stolz aufgesagt, ohne Stocken, kein Wort fehlte, kein Wackeln, Wanken, die Stimme fest, letzte Zeile. Da stands, das Gedicht und schaute mich an, fast erschrockener Dichtersmann (sonst reimts nicht). Erst um die Zeit des 2. Kaffees fiel mir der Zettel ein, oben im Badezimmer und ich war wirklich gespannt, wie weit es sich in der Nacht noch vorgearbeitet hatte, in mir, mußte ja, so sicher, wie es dann vorhin doch rausgekommen war. Was finde ich auf dem Blatt? Den Anfang, recht rhythmisch:

Das Lampentier, das Lampentier
das leuchtet mir
das beugt sich liebevoll zu mir

Klare Sache, dachte ich, so hab ichs auch, wie gehts weiter:

und leuchtet mir
damit ich lesen kann
dafür wills immer mal ne
frische Birne …

Nachts denk ich scheints praktisch, dachte ich, praktischer zumindest als am Tag.

… und ich krieg Licht
ich leuchte nämlich nicht

Peng. Harte Feststellung. Realistische Einschätzung meiner momentanen Möglichkeiten.

Interessanterweise stellte sich das morgens geschriebene, „fertige“ Gedicht völlig blind und taub gegen jegliche Einbauversuche, hermetisch abgeschlossen. Mir in ihrer müden Logik doch verständliche Zeilen, die da notiert waren. Unten auf dem Blatt steht noch, seh ich grade beim Schreiben:

das Lampentier das lob ich mir
das übernachtet gern bei mir

Das kommentier ich jetzt hier nicht weiter. Abschließend kann ich nur festellen, daß ich ein Gedicht mehr hatte und habe. Vielleicht kann es mal in eine Anthologie Licht & Leuchten.

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