Fixpoetry

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Lesart
Arthur Rimbaud* 1854† 1891

Sensation

Par les soirs bleus d'été, j'irai dans les sentiers,
Picoté par les blés, fouler l'herbe menue:
Rêveur, j'en sentirai la fraîcheur à mes pieds.
Je laisserai le vent baigner ma tête nue.

Je ne parlerai pas, je ne penserai rien:
Mais l'amour infini me montera dans l'âme,
Et j'irai loin, bien loin, comme un bohémien,
Par la Nature, - heureux comme avec une femme.

(20. April 1870)

Fingerübung mit Arthur Rimbaud

Oft habe ich als Heranwachsender Rimbaud gelesen, ohne ihn wörtlich zu verstehen. Seine Sprachgewalt war offensichtlich und es gab Explosionen, von denen ich nicht mal die Schwaden durchstieg. Ich kam in einem Nebel an, der mich verzauberte, statt verschreckte. „Ich ist ein anderer“ – das war so nebulös wie vertraut, das kannte ich aus meinen eigenen Gedichten, die ich als 15jähriger trampend auf den Straßen Europas schrieb. Das dichtende Ich war ein völlig abgetrenntes, zauberhaft unabhängiges Gefährt. Dort bewegte sich etwas, das über einen selbst hinaus wollte,  und es war wild, unbeherrschbar und immer vorhanden, fröstelnd auf der Parkbank und am Morgen in der seltsamen Klarsicht nach einer durchwachten Nacht. Die Wahrheit war nicht in mir als Person, als herumvagabundierende, pickelhäutige, sich in der Vielfalt der Welten verlierende Person, sondern in jenem Ich angelegt, das die Freiheit und die Pickel angstfrei betrachtete und sich im Unsagbaren nicht mehr verlor, sondern einrichtete und darüber schrieb.
Dichten, zorniges, schimpfendes, verneinendes, behauptendes Dichten – das war für mich Rimbaud. Auch wenn ich viele Texte nicht verstand, ich verstand Rimbaud als Person. Ich verstand sein Aufbegehren, seine Ruhelosigkeit, sein Umherschweifen und Verdriften. Ich verstand seinen Zorn und seine Zuneigung und seine Verzweiflung. Ich verstand seine Anarchie. Ich war mit den Pulsschlägen seines Seins vertraut und kämpfte einen ähnlichen Kampf. Die Erweiterung der Wahrheit und die Revolution im Ich, sobald das Ich sich hingab in den Zauber der Poesie. Ach was Zauber. Ein sehr beschissener Zauber, der einen für immer einkassierte und nicht mehr zurückließ in die Welt der Normalen.

Heute lese ich Rimbaud und verstehe ihn anders. Und er begegnet mir nur noch zufällig.
Vor wenigen Tagen las ich planlos in einer Auswahl französischer Gedichte, hauptsächlich Baudelaire und Mallarmé und geriet wieder an Rimbaud, denn die Anthologie schloß mit einer ziemlich krummen Übertragung des „trunkenen Schiffs“. Oberkrumm und poetisch flau. Ich stutzte: dieser Rimbaud konnte nicht jener sein, der so viel in mir ausgelöst hatte als Milchbart.
Ich suchte und fand in meinen Buchregalen Vergleiche, andere, bessere Übertragungen. Es erschien mir wie das Hören von Cover-Versionen zu einem geliebten Song, dessen Urversion außer in der Erinnerung nirgends mehr zu finden war – jede der gefundenen Nachdichtungen hatte Eigenes, beruhte auf der gleichen Komposition, klang aber anders und wollte das so. Sie kamen mir in summa vor wie Fingerübungen, Etüden, die kaum mehr dienten, als dem Steigern eigener Virtuosität.

Also von wegen Rimbaud. Der Text war immer „Rimbaud plus...“ - Ich wollte das auch probieren – EIN GEDICHT VON RIMBAUD ÜBERSETZEN!. Am besten erst mal ein einfaches, kurzes. Ich stapelte die Bücher unters Kinn und verzog mich auf den Liegestuhl auf der Terrasse. Ich fand ein frühes kurzes Gedicht. Es hieß „Sensation“ und war alles andere als das.
Rimbaud meint damit Empfundenes, Sensuelles, ein kleines Sinnenfest. Von diesem Text wollte ich zuerst die  unterschiedlichen Übersetzungen nebeneinander stellen. Der Vergleich könnte hilfreich sein, so mein Gedanke, etwas über das Handwerk zu lernen. Nachdichten, das schwebte wie schwere Luft um die einzelnen Texte, erforderte mehr Disziplin, mehr verstehendes Ordnen, mehr ordnendes Verstehen als jedes eigene Gedicht. Jedenfalls schien es so. Der Raum der Nachdichtung ist ein beengter, denn dort ist mindestens noch der ursprüngliche Verfasser zusätzlich anwesend.

Ahnungen

Durch die blauen Sommerabende werde ich auf schmalen Pfaden gehen,
Das Korn wird nach mir stechen, ich werde dünnes Gras niederpressen:
Ich Träumer fühle dann die Frische um meine Füße wehen;
Den bloßen Kopf wird Wind wie eine Welle nässen!

Nicht sprechen werde ich und ohne Denken sein.
Aber unendliche Liebe geht mir in die Seele ein;
Und ich will, dass es mich weit weit durch die Natur hintreibe
Wie einen Zigeuner, - und glücklich wie mit einem Weibe.

Nachdichtung von Alfred Neumann (1922)

Ich treibe in die blaue Ewigkeit

Durch Roggenfelder, mohnumschäumt,
einsame Wege will ich gehen.
Ich fühle kühl die Halme wehn,
wie Mohn schäumt auch mein Herz und träumt.

Erlöst bin ich aus aller Zeit,
die Sonnenwolke kann nicht freier sein.
Ich treibe in die blaue Ewigkeit
hinüber, wie mit einer Frau allein.

Nachdichtung von Paul Zech (ca. 1927/44)

Empfindung

Durch blaue Sommerabende die Wege hin,
gepickt von Ähren, will auf zartem Gras ich gehen;
träumend, fühl’ ich es kühl meine Füße umziehn,
badend im offenen Haar laß’ ich den Wind mir wehen.

Nichts will ich sprechen, bin nichts zu denken gesinnt,
doch in der Seele steigt unendlich Liebesschauen;
weit will ich gehen, sehr weit, wie ein Zigeunerkind,
durch die Natur - so glücklich wie mit einer Frauen.

Nachdichtung von Walter Küchler (1958)

Sommerahnung

Ich werd die Abendpfade in den blauen Sommer gehen,
das Korn sticht mich und will den Träumerfüßen raten
den Weg im abendkühlen dünnen Gras dahinzuwehen.
Ich lass dazu den nackten Kopf im Winde baden.

Das Sprechen und das Denken lass ich sein, und spür,
es wächst in meinem Herzen neues Lieben ein, ins Hier
und weit in die Natur hintreiben, ihr vertrauen,
will ich, zigeunerhaft und glücklich, wie mit Frauen.

Nachdichtung Frank Milautzcki (April 2007)

Empfindung

In blauer Sommernacht werd ich durch Felder gehn,
Hälmchen zertreten auf den kühlen Pfaden
Und träumerisch ein Prickeln spüren an den Zehn.
Ich werde meinen bloßen Kopf im Winde baden.

Ich werde dann nicht sprechen, werde an nichts denken:
Doch wird die Liebe meine Seele ganz durchtränken;
Und ich werde gehn, wie ein Zigeuner, fort durchs Blau,
Durch die Natur, - so glücklich wie mit einer Frau.

Nachdichtung von Thomas Eichhorn (1991)

Ein Gedicht - fünf deutschprachige Fassungen. Welche war denn nun, sarkastisch gefragt, die richtige?

Richtig gibt es in diesem Fall nicht, nur mehr oder weniger gut. Weil man Wort für Wort nicht übertragen kann, vor allem, wenn Gereimtes dasteht, erzeugt man bestenfalls dem Original Verwandtes, aber niemals das gleiche Gedicht in anderer Sprache. Es ist immer ein anderes. Man muß in den Kopf des Verfassers hineinbohren, mit feinen Sonden versuchen seine Absichten und den Zweck seiner Bilder zu erraten. Man muß das Gefundene wiegen, biegen, manchmal sogar brechen und wieder zueinander führen. Manchmal muß man sich vom Text lösen und über Umwege zurückkommen. Je nachdem, was man glaubt, dem Text schuldig zu sein: möglichst genaue, synchrone Übertragung oder freie Arbeit hin zu einem vergleichbaren Rhythmus und ähnlicher Metrik mit gleichartigen Bildern.

1910 erschienen Paul Zechs erste Übertragungen der Dichtungen Arthur Rimbauds - er arbeitete insgesamt mehr als vierzig Jahre an ihnen, sie umfaßten am Ende Rimbauds gesamtes lyrisches Werk und das Manuskript wurde erst zwei Jahre vor seinem Tod, 1944 in Buenos Aires, wohin er vor den Schergen des Dritten Reiches geflohen war, abgeschlossen. Erschienen ist es erstmals 1963, herausgegeben aus dem Nachlaß, als preiswertes Taschenbuch bei dtv und so fand es entsprechend weite Verbreitung.

Der beim Vergleich der fünf vorliegenden Fassungen am meisten abweichendste Text beeindruckt zunächst durch seine Kürze und Würze. Zechs erste Zusammenfassung „Rimbaud. Das Gesammelte Werk“, die bereits 1927 erschien, zählte lange „zu den repräsentativen Nachdichtungen unserer Generation“, so befand Stefan Zweig 1928. Durch ihre sprachliche Gewandtheit, ja dichterische Klasse bereiten sie rasches, eindeutiges Lesevergnügen und solange man keine Urfassungen oder andere Varianten zum Vergleich besitzt, scheint mit ihnen auch alles in Ordnung. Liest man jedoch quer und betrachtet die Alternativen, fällt auf, dass Zech sich weit und zwar deutlich zu weit vorgewagt hat. Vielleicht hat gerade die lange Feinarbeit an den Texten, das immerwährende Verbessern, Straffen, Kürzen, Umstellen, Nachmalen zwar zu ganz eigenen Interpretationen geführt, aber eben zu spürbar Zech’schen Interpretationen. So schäumt bei ihm der Mohn, das weist uns tatsächlich auf den Feldrand hin, aber von dort schickt er den 15jährigen Arthur Rimbaud in die „blaue Ewigkeit“. Das ist ein schönes und gelungenes Bild, aber nichts davon, gar nichts, findet sich bei Rimbaud. Zu soviel Essenz war der zu Dichten Beginnende bei aller Genialität nun wirklich nicht (noch nicht) befähigt. Aus der Kenntnis seiner späteren Größe auch die frühen Gedichte in eine Form zu schicken, die große Reife und eine Art Vollendung zeigen, das wird der Sache nicht wirklich gerecht.

Dichterische Freiheit ist im Prozeß einer Übertragung eine aufgeteilte. Dabei muß man nicht wörtlich vorgehen, solange die Bilder in ihrem Beziehungsgehalt stimmen und man muß nicht am Text kleben. Aber höchste Vorsicht ist geboten, sobald Inhalte verknappt, Bilder stark verändert werden, neue hinzugefügt und alte gestrichen - ab hier begibt man sich auf das wesentlich gültige Gebiet des urhebenden Dichters, das man zwar betreten muß, aber weder verwüsten, noch ignorieren sollte.

Hier schießt Zech deutlich über Rimbaud hinaus. Dort, wo das Gedicht entstand, in Rimbauds Kopf nämlich, da gab es keinen Mohn, er hat auch nicht geschäumt, da gab es keine Sonnenwolke und keine blaue Ewigkeit. In Rimbauds Kopf gab es einen lauen, sommerlichen Abend, an dem er - womöglich barfuß - neben Kornfeldern geht, die Abendkühle macht es angenehm. Das Gedicht entstand im April, da kann das Korn nicht stechen, selbst die Widerhaken einer Roggenähre können niemanden ärgern, weil es sie noch gar nicht gibt. Rimbaud hat vielleicht einen warmen Apriltag erlebt und erinnert sich, erinnert sehr genau eine bestimmte Stimmung. Und wer kennt nicht das Offene eines Sommerabends, everything goes, während uns das Zwielicht unentschieden stimmt? Man verliert sich in einer Weltlust, die kein Geheimnis und keine Wahrheit fürchtet. Man zieht über die Felder und durch die warme Luft und verlernt Sprechen und Denken und lernt Transzendenz, kippt in ein Vertrauen, das umfassend ist und das uns sogar erlauben würde, fortan durch die Welt zu ziehen wie ein Zigeuner und uns dabei trotzdem glücklich zu fühlen.

Das ist das Erlebnis. Der frühe Rimbaud ist hier keiner der mit Metaphern um sich wirft, sondern ein Schilderer, Erzähler. Er nimmt dieses kleine Erleben, diese „Empfindung“, wie sie Walter Küchler nennt, diese „Ahnung“ (so Alfred Neumann) und bildet sie ab, ganz einfach und natürlich, unumständlich.

Zechs Dichtung ist in Teilen grandios - so, wie sie ist, aber nicht angebracht. Sie ist nicht mehr Rimbauds Dichtung, eher ein Zechsches Gedicht nach einem Thema von... Es geht Rimbaud weder um Erlösung noch um Ewigkeit. Und auch der zugesetzte Satz „wie mit einer Frau allein“ passt in Zechs Zusammenhängen nicht. Man treibt in keine blaue Ewigkeit mit einer Frau allein, man treibt mit Frauen an völlig andere Orte. Die blaue Ewigkeit ist kühl und stumm und einsam, mit einer Frau treiben, da ist Glück, Liebe, Vertrauen, da ist Gegenwart, Wärme, Mut, Natur - diese Attribute passen dann auch zu Rimbauds Text. Zech opfert Rimbaud für die blaue Ewigkeit.
  
In „Alt- und Neufranzösische Lyrik in Nachdichtungen“, 1922 einer seiner ersten Buchveröffentlichungen, bleibt Alfred Neumann sehr dicht am Original und legt ein großartiges Reimpaar vor, pressen und nässen, aber seine Sprache, durchaus noch vom Expressionismus kommend, verbindet die einzelnen Teile nicht so recht miteinander, es fehlen die Gelenke, an denen sich alles zueinander biegt. Das erwähnte Reimpaar allerdings beeindruckte mich, ich mochte es sehr und beschloss es in meiner eigenen Version zu nutzen. So ging meine erste Strophe anfangs folgendermaßen:

„Werd’ die schmalen Abendpfade in den blauen Sommer gehen,
das Korn sticht mich, ich soll den Weg ins dünne Gras daneben pressen
mit meinen Träumerfüßen, und fühl die Abendkühle sie umwehen
und frischen Wind den nackten Kopf wie eine Welle nässen.“

Aber das „baigner“ im Urtext war so eindeutig ein Baden und kein Nässen, dass sich meine Begeisterung sehr bald in Misstrauen änderte. Dass der Wind die aktive Rolle hatte, fand man auch im Original, aber eine Welle macht eben doch kein Bad.

Ähnlich ungelenk wie bei Neumann geht es in Walter Küchlers Variante zu (dessen Übertragungen viele Jahre als vorbildlich galten und die auch immer wieder neu aufgelegt wurden, viele Schülergenerationen lasen darin – kaum zu glauben, denn da ist viel Schrott!). Da strandet der Fluss des Gedichtes, weil das möglichst wortnahe Übersetzen Worte wie Geröll auftürmt. Aus heutiger Sicht liest es sich antiquiert – und natürlich: Rimbaud darf nicht in eine heutige Sprache hinein getönt werden, aber Küchlers „doch in der Seele steigt unendlich Liebesschauen“ klappert auf richtig alten, deutschen Stelzen einher und stakst an den Seelen vorbei.

Meine erste Fassung entstand zunächst ohne genaue Kenntnis des Urtextes, spaßeshalber als Fingerübung, um zwischen den drei anfangs mir bekannten Übertragungen eine Mitte zu finden. Ich wollte das Staksige weg haben und das Ungelenke und erst mal Fluss reinbringen und es entstand eine lesbare Version, die mir  ganz gut gefiel. Ich erschrak allerdings nicht wenig, als ich dann das französische Original las und mir eingestehen mußte, wie weit die Texte mich vom eigentlichen Ton und den ursprünglichen Satzlängen fortgelockt hatten. Ich fing noch einmal neu an. Nach drei Stunden Arbeit landete ich bei der vorliegenden Version und beließ es dabei. Ende der Spielerei.

Am Abend fand ich eine wirklich gute, aktuelle Übersetzung – die hier abschließende Version von Thomas Eichhorn. Sie ist im Metrischen nah am Original und auch das Inhaltliche präsentiert sich eindeutig und flüssig. Thomas Eichhorns Nachdichtungen ersetzen heute – mehr als zurecht! - diejenigen von Paul Zech im dtv-Programm.

Mittlerweile weiß ich: man kann Gedichte nicht übersetzten. Aber es wird immer gute Versuche geben. Es können immer nur Versuche sein, es ist ein Heranwagen, nichts kann abschließende Gültigkeit beanspruchen, es sei denn der Urheber selbst, Rimbaud käme herausgekrochen aus seinen Gedenksteinen und nickte die eine oder andere Variante ab. Aber sehr wahrscheinlich wäre das nicht, dass er nicken würde.

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