Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Bertolt Brecht* 1898† 1956

Über Deutschland

Ihr freundlichen bayrischen Wälder, ihr Mainstädte
Fichtenbestandene Rhön, du, schattiger Schwarzwald
Ihr sollt bleiben.
Thüringens rötliche Halde, sparsamer Strauch der Mark
            und
Ihr schwarzen Städte der Ruhr, von Eisenkähnen
            durchzogen, warum
Sollt ihr nicht bleiben?
Auch du, vielstädtiges Berlin
Unter und über dem Asphalt geschäftig, kannst bleiben

            Und ihr
Hanseatische Häfen bleibt und Sachsens
Wimmelnde Städte, ihr bleibt und ihr schlesischen Städte
Rauchüberzogene, nach Osten blickende, bleibt auch.
Nur der Abschaum der Generäle und Gauleiter
Nur die Junker und Statthalter sollen verschwinden.
Himmel und Erde und Wind und das von Menschen
            Geschaffene
Kann bleiben, aber
Das Geschmeiß der Ausbeuter, das
Kann nicht bleiben.

Bertolt Brecht: Gesammelte Werke in 20 Bänden, Frankfurt 1968, Gedichte 2, S. 752. Suhrkamp Verlag

1938–1941

 

Bertolt Brecht, 1898–1956, ist der bedeutendste Dramatiker in der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts. Als Autor und Regisseur hat er mit seiner nichtaristotelischen Weise des Theaterspiels neue Formen der Einbeziehung des Publikums gefördert. Von einem neomarxistischen Standpunkt aus kritisiert er die Unterdrückung des Individuums in der kapitalistischen Gesellschaft.

In Augsburg geboren, geht er 1924 aus Bayern nach Berlin, wo er bis 1933 als Theaterautor erfolgreich ist. Nach dem Brand des Reichstags 1933 verlässt er mit seiner___STEADY_PAYWALL___ Familie Deutschland und geht über verschiedene Stationen in das amerikanische Exil, wo er am Kampf gegen den deutschen Faschismus teilnimmt. 1949 verlässt er die USA, da er in der antikommunistischen Kampagne des Senators McCarthy zum Verdächtigen wird. Über die Schweiz zieht er in die neu etablierte DDR nach (Ost-)Berlin, wo er zusammen mit Helene Weigel das „Berliner Ensemble“ am Theater am Schiffbauerdamm aufbaut. Sein Stil beginnt auch, das westdeutsche Theater zu prägen. Bertolt Brecht stirbt 1956 in Berlin.

Bertolt Brecht zu zitieren, trifft unter Umständen auf den Vorwurf, er sei von der Kontamination durch den Stalinismus gezeichnet. Dass er den sowjetischen Diktator und seine unmenschlichen Taten nicht mit Kritik wahrnahm, als es bereits möglich war, ist nicht zu entschuldigen. Ob seine antifaschistischen Texte nicht mehr Autorität hätten, wenn er nicht auf dem linken Auge, zumindest eine Zeit lang, blind gewesen wäre, ist eine berechtigte Frage.

Die Lesart beschäftigt sich mit einem Gedicht Bertolt Brechts, da es die patriotische Zuneigung zu Deutschland zeigt, die schon Heinrich Heine, auch im Los des Exils ein Vorläufer Bertolt Brechts, empfand. In altgriechisch-antiker Manier ordnet der Dichter den unterschiedlichen Landesteilen Adjektive zu, ein rhetorisches Mittel sie zu charakterisieren und zu individualisieren. Er bringt damit Zuneigung zu seinem Heimatland zum Ausdruck.

Die Feinde des Friedens, die bürokratischen Träger der Diktatur und ihre Finanziers sind klar benannt, ein Recht auf ihre Funktion wird verneint. Führt ein Staat, der sich auf die kapitalistische Wirtschaftsweise stützt, einen Vernichtungskrieg und setzt er die Elimination von Minoritäten auf industrielle Weise in Gang, dann zieht die wirtschaftliche Elite aus den verbrecherischen Unternehmungen Gewinne. Die extremen Begriffe „Abschaum“ und „Geschmeiß“ beruhen auf diesen Zusammenhängen. Zahlreiche Nachkommen von Unternehmern und auch staatliche Institutionen bemühen sich bis heute, ihre Verwicklungen in das von den Nationalsozialisten begangene Unrecht aufzuklären. Es gibt auch Maßnahmen, Menschen für erlittenes Leid zu entschädigen, etwa Zahlungen an Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiter und in Ghettos Eingesperrte. Dennoch bleibt das Erbe ein wunder, schmerzender Punkt aus der Vorgeschichte der Republik.

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