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Lesart
Billy Collins* 1941

Taking Off Emily Dickinson's Clothes

First, her tippet made of tulle, 
easily lifted off her shoulders and laid
on the back of a wooden chair.

And her bonnet, 
the bow undone with a light forward pull.

Then the long white dress, a more
complicated matter with mother-of-pearl
buttons down the back, 
so tiny and numerous that it takes forever
before my hands can part the fabric, 
like a swimmer's dividing water, 
and slip inside.

You will want to know 
that she was standing
by an open window in an upstairs bedroom, 
motionless, a little wide-eyed, 
looking out at the orchard below, 
the white dress puddled at her feet
on the wide-board, hardwood floor.

The complexity of women's undergarments
in nineteenth-century America
is not to be waved off, 
and I proceeded like a polar explorer
through clips, clasps, and moorings, 
catches, straps, and whalebone stays, 
sailing toward the iceberg of her nakedness.

Later, I wrote in a notebook
it was like riding a swan into the night, 
but, of course, I cannot tell you everything -
the way she closed her eyes to the orchard, 
how her hair tumbled free of its pins, 
how there were sudden dashes 
whenever we spoke.

What I can tell you is
it was terribly quiet in Amherst
that Sabbath afternoon, 
nothing but a carriage passing the house, 
a fly buzzing in a windowpane.

So I could plainly hear her inhale
when I undid the very top
hook-and-eye fastener of her corset

and I could hear her sigh when finally it was unloosed, 
the way some readers sigh when they realize
that Hope has feathers, 
that reason is a plank, 
that life is a loaded gun
that looks right at you with a yellow eye.

 

Emily Dickinson entkleiden

Zuerst ihre Pellerine aus Tüll,
leicht die Schultern hinab
über die Lehne des hölzernen Stuhls gleiten lassen.

Und mit leichter Hand
die Schleife ihrer Haube lösen.

Dann ihr langes weißes Kleid, ein wenig
komplizierter schon, mit seinen Perlmuttknöpfen,
die den Rücken hinunterlaufen,
so winzig und zahlreich, dass es ewig dauert,
bis meine Hände den Stoff endlich in der Mitte teilen können,
wie ein Schwimmer das Wasser,
wenn er hinein springt.

Es wird Sie vielleicht interessieren,
dass sie reglos am offenen Fenster eines
der oberen Schlafzimmer stand und mit weit geöffneten Augen
in den Garten hinaus blickte,
das weiße Kleid zu ihren Füßen,
eine Wolke auf den breiten Holzdielen.

Die Komplexität der Damenunterwäsche
im Amerika des 19. Jahrhunderts
ist eine bekannte Tatsache,
und so tastete ich mich, einem Polarforscher gleich, immer weiter vor
durch Klemmen, Haken,Verschlüsse,
Ősen, Bänder und Fischbeinstützen
auf dem Weg zum Eisberg ihrer Nacktheit.

Später schrieb ich in mein Notizbuch,
es war, als ritte man auf einem Schwan durch die Nacht,
aber natürlich kann ich Ihnen nicht alles erzählen -
die Art, wie sie ihre Augen vor dem Garten verschloß,
wie ihr Haar, befreit von seinen Spangen, hinab fiel,
die plötzlichen Gedankenstriche,
die unser Sprechen durchbrachen.

Was ich Ihnen mit Sicherheit sagen kann ist,
dass es unerträglich still war  
an jenem Sonnabend nachmittag in Amherst,
nur das Geräusch eines Furhrwerks durchzog das Haus,
und das Brummen einer Fliege am Fenster.

So konnte ich sie tief einatmen hören
als ich die letzten Haken und Ősen ihres Korsetts löste,

und konnte sie seufzen hören, als es endlich aufsprang,
so wie Leser bisweilen seufzen, wenn sie erkennen,
dass die Hoffnung gefiedert ist,
dass die Vernunft eine Planke ist,
dass das Leben ein geladenes Gewehr ist,
das aus einem gelben Auge direkt auf dich blickt.

 Aus dem amerikanischen Englisch frei übertragen von Stefanie Golisch

Die Unantastbare

Scheinbar unbeteiligt läßt Emily Dickinson es geschehen, dass Billy Collins sie Knopf um Knopf und Őse um Őse aus ihren Kleidern schält, während sie unverwandt in den Garten blickt. Still ist es im Haus, unerträglich still, bis schließlich ein Seufzer die Stille zerbricht. Die letzten Halterungen ihres Korsetts sind gelöst. Nackt steht die Dichterin in ihrem Zimmer und vor dem Eindringling, der nicht locker läßt, weil er herausfinden will, welches Geheimnis unter ihrem schneeweißen Nonnengewand wohl verborgen liegen mag.

Doch erweist sich die Festung ihres konzentrierten Selbstbildes als schlechthin uneinnehmbar. Noch mit nichts bekeidet als ihrer eigenen Haut, steht sie als Inbegriff der Hingabe an die Idee der Emily Dickinson im zeitlosen Raum. Nur ihr Aufseufzen kann der Autor mit Sicherheit bezeugen,
ja es ist der Fluchtpunkt des Gedichts, liegt doch in ihm alles beschlossen, was sie ist, was sie nicht ist und was sie sich niemals gestatten würde zu sein. 

Was Emily Dickinson nicht von sich preigeben will, enthüllt Billy Collins, indem er sie in all ihrer Blöße als Provokation in ihre vertraute Umgebung stellt: anfechtbar und ungebrochen zugleich.

Amherst ist nur eine Illusion, scheint er sagen zu wollen. Die Welt ist kein Garten, und weiße Kleider lohnen sich nicht, dafür ist das Leben einfach zu schmutzig.

Wagtest du dich doch nur einmal hinaus auf die Strasse!

Die Frau am Fenster aber macht keinerlei Anstalten, ihr Zimmer zu verlassen.  Reglos und stumm steht sie da und schaut ungerührt in das gelbe Auge des auf sie und alle Menschen geladenen Gewehrlaufs.

Wie man vor seiner Kugel in Deckung geht,welche Ausflüchte und Umwege und faule Ausreden und unglaubliche Geschichten man erfindet, um den finalen Schuss so lange wie möglich herauszuzögern, darin liegt die letzten Endes nicht kommunizierbare Einsamkeit eines jeden Menschenlebens beschlossen. 

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