Fixpoetry

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Lesart
Christa Reinig* 1926† 2008

Mein Besitz

Ich habe einen mantel in die jackentasche zu stecken
            einen taschenmanel
ich habe ein radio in die jackentasche zu stecken
            ein taschenradio
ich habe eine bibel in die jackentasche zu stecken
            eine taschenbibel
ich habe gar keine solche jacke mit taschen
            gar keine jackentasche

ich habe eine schnapsflasche mit zwölf gläsern für mich
            und alle meine onkels und tanten
ich habe eine kaffeekanne mit vier tassen für mich
            und meine drei besten freundinnen
ich habe ein schachbrett mit schwarzen und weißen steinen
            für mich und einen freund
ich habe gar keine freunde einzuladen
            niemanden

ich habe einen himmel endlos über mir
            darunter mich wiederzufinden
ich habe eine stadt voll straßen endlos
            darin mir zu begegnen
ich habe ein lied endlos und endlos
            darin ein- und auszuatmen
ich habe nicht mehr als ein gras zwischen zwei pflastersteinen
    nicht mehr zu leben

 

 

Christa Reinig: Gedichte. Frankfurt am Main 1963, zitiert nach Reiner Kunze (Hrsg.): Über, o über dem Dorn. Gedichte aus hundert Jahren S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1986, S. 143.

1963

 

Christa Reinig, 1926–2008, war die Tochter der alleinerziehenden Putzfrau Wilhelmine Reinig. Nach dem II. Weltkrieg konnte sie an der Arbeiter- und Bauernfakultät der Humboldt-Universität das Abitur erwerben und dann ein Studium der Kunstgeschichte und Archäologie absolvieren. Sie arbeitete 1957–1964 als Archivarin und Kustodin im Märkischen Museum. Nach literarischen Veröffentlichungen untersagte man ihr bereits 1951 weitere Veröffentlichungen, so dass ihre Arbeiten nur in der Bundesrepublik erscheinen konnten. nach der Entgegennahme des Bremer Literaturpreises für ihre Lyrik blieb sie im Westen. Von Mitte der 1970er Jahre bis Mitte der 1980er Jahre rechnete sich Christa Reinig zur feministischen Frauenbewegung.

Das Gedicht beginnt mit einer Liste, die den Listen Günter Eichs und Friederike Mayröckers gleicht, aber spielerischer auftritt, indem das Wort „Tasche“ den Besitz Mantel, Radio und Bibel umspielt. Der Mantel steht für die äußere gegen allerlei Unbilden schützende zweite Haut, das Radio für den Zugang zur Welt und den Erhalt von Nachrichten und die Bibel für die metaphysische Verankerung, die Schriftkultur (Buch der Bücher) und enger gefasst für die christliche Orientierung.

Im konventionellen Leben wären Schnaps, Kaffee und Schach die Accessoires der Freundschaft und Geselligkeit, aber die Existenz von Freunden und Verwandten wird verneint, so wie in der ersten Strophe der „Taschenmantel“ gar keine „Jackentaschen“ aufweist. Das lyrische Ich definiert sich als einsam, es steht ihm fast weniger als nichts, nämlich „ein gras zwischen zwei pflastersteinen“ zu. Es hat keinen geistigen Raum, nur den sich endlos dehnenden Himmel und das ebenso endlose „Lied“, also die Dichtung, in der es atmet, also sich am Leben erhält. Der spielerische, so leichte Stimmung des Beginns schlägt um in den Aporie des letzten Verses: „nicht mehr zu leben“, der in der Verbindung mit dem vorhergehenden Vers bewusst doppeldeutig ist: Die Dichterin lebt für nichts als ein „gras“, sie hat keine Bedeutung und spielt keine Rolle in der Gesellschaft. Die Schlusszeile ruft auch die Verzweiflung auf, nicht mehr unter solchen Bedingungen leben zu können. Das Gedicht entstand 1963, ein Jahr, bevor Christa Reinig für ihre Lyrik den Bremer Literaturpreis erhielt und diese Gelegenheit benutzte, um in Westdeutschland zu bleiben. Sie fügte der nur inneren Freiheit im Himmel der Wörter die äußere Freiheit der Wörter unter dem Himmel hinzu.

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