Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Dagmara Kraus* 1981

(variation)

                      … übersterntes Gefürcht ….
                                 Johannes Bobrowski

begide,
herz krängt.
wolken verschellen,
gläster der laumblauen
flucht.
GOLIATHINDIGOLITH,
lichttiden fiebern.
das blastkastell
brennt

August Stramm* 1874† 1915

Schlachtfeld

Schollenmürbe schläfert ein das Eisen
Blute filzen Sickerflecke
Roste krumen
Fleische schleimen
Saugen brünstet um Zerfallen.
Mordesmorde
Blinzen
Kinderblicke.

Versuch einer Interpretation

Protokoll eines Scheiterns

Bei der Interpretation des Gedichtes „variation“ kam es mir darauf an, so zu verfahren, wie nahezu alle Leser bei der Beschäftigung mit Literatur vorgehen, nämlich textimmanent. Der Text ist in der Welt. Was löst er aus?

Am Anfang des Gedichtes steht das Wort „begide“ und ich denke „Begierde.“ So sehr ich mich darum bemühe, etwas anderes (Originelleres) zu finden, es bleibt bei „Begierde.“ Dazu passt „Herz krängt“ im nächsten Vers. Ein Liebesgedicht? Lassen wir den Assoziationen weiterhin freien Lauf. „wolken verschellen.“ Für mich hat das nichts mit zerschellen zu tun. Ich denke an Schellen, Narrenschellen oder die Schellen, die wir früher im Musikunterricht in die Hand bekommen haben. Das Gedicht bekommt eine klangliche Komponente, einen Klang, der vergeht, der verschellt. Aber Wolken? Vielleicht eine Synästhesie, also so etwas wie „Wolken vergehen“, aber was hat das mit Liebe zu tun? „gläster der laumblauen flucht“: Alle vorher mühsam herbeiinterpretierten Sinnzusammenhänge lösen sich auf wie die „verschellenden wolken.“ Ich bleibe ratlos zurück. "gläster“: Soll ich dazu Glas assoziieren oder  Geläster oder Last oder alles zusammen? Und wodurch unterscheidet sich „laumblau“ von taubenblau bzw. preußischblau sowie ultramarin? Auch die „flucht“ passt nicht zu den bisher assoziativ betrachteten Wortfeldern.

Dann macht mir die Autorin das Leben leicht, indem sie Begriffe verwendet, die allgemein bekannt sind (Goliath) oder bei Wikipedia erklärt werden (Indigolith: ein blauer Turmalin [zugegebenermaßen bin ich bei diesem Wort vom Versuch, textimmanent zu bleiben, abgewichen]). Eine größere Kohärenz gewinnt meine Interpretation dadurch nicht: Ist die „laumblaue flucht“ die Flucht vor Goliath? Das kann nicht sein, da dieser Gedanke nirgendwo ausgeführt wird. Schön, dass das Motiv der Farbe Blau im Indigolith noch einmal aufgenommen wird, mit dem gesamten Assoziationsraum, den diese Farbe aufruft (Suche nach der blauen Blume, I feel blue). Dennoch vermag sich kein Bild einstellen, dass Indigolith mit Goliath verknüpft. Mehr als die klangliche Verwandtschaft der beiden Wörter vermag ich nicht zu entdecken.

 „lichttiden fiebern“: Ein schöner Vers. Licht kann ich mir mit Tiden (Gezeiten) sowie dem Verb fiebern zusammen vorstellen, sogar als ein Bild, das zu den „verschellenden wolken“ passt. Das Licht kommt und geht in Rot- und Gelbtönen, die übersteigert wirken, eben fieberhaft.

 „das blastkastell brennt“ ist enttäuschend, wenn man auf das Englische zurückgreift: to blast: sprengen. Dass ein Kastell, das durch eine Explosion zerbirst, brennt, liegt nahe. Den Versen wird so eine Bedeutung beigemessen, die trivial erscheint. Andere Ideen, was „blastkastell“ zu bedeuten haben könnte, kommen mir nicht, da das englische „to blast“ die Leerstelle besetzt, die blast als deutsches Wort gedacht erzeugt. Leider führt das Kastell wieder gedanklich aus den Assoziationen heraus, die die insgesamt betrachtet Sinn gemacht haben. Wohin ist die Liebe verschwunden, die Wolken, das Licht? Soll mit den Lichttiden der Feuerschein des Kastells gemeint sein?

Was bleibt von diesem Gedicht: Eindrücke, Assoziationen, die sich nicht zusammenfügen (wollen), einige anregende Zeilen.  
Die Sprachästhetik von Dagmara Kraus in ihrem Gedicht (variation) erinnert mich an den im ersten Weltkrieg gefallenen Expressionisten August Stramm. Wie Stramm verwendet Kraus Kurzzeilen. Verse wie „herz krängt“, bei dem nicht nur die exakte Wortbedeutung sich seitwärts neigen mitschwingt, sondern auch „krank sein“, Metaphern wie „Wolken verschellen“ wirken expressionistisch. Grammatikalisch sind Verse wie „lichttiden fiebern“ und „Roste krumen“ gleich gebaut. Auch klanglich scheint es Parallelen zu geben, z.B.: Blute, -blicke, Blinzen (Stramm) versus blast- (Kraus), Schollen (Stramm) versus verschellen (Kraus), -flecke, Fleische (Stramm) versus flucht (Kraus).  

Doch bei Stramm passt alles zusammen. Die Wortneuschöpfungen, die Metaphern, die Kurzzeilen zeigen, wie der Krieg nicht nur die Menschen, sondern auch die Sprache zernichtet. Die Sprache der Alltagswelt ist nicht mehr gewaltig genug, um zu beschreiben, was im Krieg geschieht. Neue Wörter müssen her. Wörter, die genauso kaputt sind wie die Schlachtfelder.

Natürlich ist auch August Stramms Gedicht nicht ganz glatt zu interpretieren (anders als das bekanntere Patrouille). Vor allen Dingen die „Kinderblicke“ irritieren. Im Gegensatz zu Dagmara Kraus Gedicht finde ich hier aber Deutungen, die mich überzeugen.  „Kinderblicke“ verweist auf die vielen jungen Männer, die begeistert in den 1. Weltkrieg gezogen sind, als halbe Kinder, in völliger Naivität dessen, was sie dort erwartete. „Saugen brünstet um Zerfallen“ lässt sich als Bild der Verwesung interpretieren. Maden setzen sich auf die Gefallenen, mästen sich an ihren Körpern usw.
Welchen Sinn könnte der ungewöhnliche/ innovative (?) Umgang mit Sprache in dem Gedicht (variation) haben? Will uns Dagmara Kraus vor Augen führen, wie unser Denken durch unsere Sprache begrenzt wird, indem sie diese Sprache um neue Ausdrucksmöglichkeiten erweitert? Will sie uns zeigen, dass lautliche Ähnlichkeiten zu bekannten Wörtern ausreichen, um Inhalte zu transportieren?

Wie dem auch sei: Meine Versuche, eine Autorenintention zu ermitteln, überzeugen mich nicht. Sie kommen mir zu einfach vor, knüpfen an schon Dagewesenes an, wie zum Beispiel auf Hugo Balls „Große Karawane“ oder Jandls „schtzgrm.“

Sprache dient der Kommunikation, bedarf eines Senders und eines Empfängers. Die Kommunikation gelingt immer dann, wenn Sender und Empfänger, was die Inhaltsseite von sprachlichen Zeichen betrifft, über einen Pool an gemeinsamen Bedeutungen verfügen. Wo das nicht der Fall ist, wird die Kommunikation unbefriedigend, lässt den Empfänger ratlos zurück, auch wenn es um Dichtung geht.

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