Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Daniela Danz* 1976

 

Karantinnaja Buchta1

Die alten Männer haben
den Krieg überlebt sie tragen
leichte Blousons und Schirme

ich kannte einen der hieß
Franz Meister Entsatz für
6. Armee Stalingrad Meister
stenographiert nach dem Krieg
Heirat und Kinder Tränen fallen
in die Fischbüchse die Tresckow
Stauffenberg wie die hießen –
wir warn doch noch draußen
mit Mistgabeln hätte der Iwan
uns aufgespießt

jetzt ein zwei friedliche Gedanken:
Bruce Lee und Tschakos in der Vitrine
 

  • 1. Karantinnaja Buchta – Quarantänebucht, bei Sewastopol. Originalanmerkung von Daniela Danz.

Daniela Danz: Pontus. Gedichte. Wallstein Verlag Göttingen 2009, S. 42

2009

 

Daniela Danz ist 1976 in Eisenach geboren. Sie studierte in Tübingen, Prag, Berlin, Leipzig und Halle Kunstgeschichte und Germanistik. Von 2003 bis 2010 nahm sie die Kunstgegenstände in den protestantischen Kirchen Thüringens kunsthistorisch auf. Sie ist als freie Autorin tätig und leitet das Schillerhaus in Rudolstadt.

Wohl angeregt von einem Treffen mit Überlebenden des II. Weltkriegs in Sewastopol fasst Daniela Danz eine Erinnerung an die Aussage eines ehemaligen deutschen Wehrmachtssoldaten in Worte, ___STEADY_PAYWALL___der die Schlacht von Stalingrad überlebte. Ob er historisch Recht behalten hätte, muss dahingestellt bleiben. Hätte der militärische Widerstand 1944, für den Claus Schenk Graf von Stauffenberg und Henning von Tresckow * stehen, Erfolg gehabt, hätte es vermutlich rasch einen Waffenstillstand gegeben. Im Grunde spricht er von dem russischen Widerstandsgeist, der nach dem Überfall und dem Rückzug der Wehrmacht unter der Prämisse, „Verbrannte Erde“ hinter sich zu lassen, durchaus verständlich ist. In Stalingrad fielen vermutlich mehr russische Soldaten als deutsche, insgesamt kamen 700 000 Menschen ums Leben. Erschreckend ist, dass Franz Meister die Unrechtmäßigkeit des Krieges nicht anspricht und vollkommen in seiner Froschperspektive verharrt. Bruce Lee als Ikone der martial arts und der „Tschako“ als militärische Kopfbedeckung sind alles andere als Friedenssymbole. Sollte der Krieg nur noch virtuell im Film und die Accessoires des Krieges nur museal vorkommen? Die (schlechte) Geschichte holt den Reisenden wie den bei uns Lebenden unversehens ein. Welche Bedeutung Daniela Danz der Auseinandersetzung mit unserer jüngeren (schlechten) Geschichte zuweist, zeigt das Gedicht.

*in der am 26.06. erschienenen Version war Henning von Tresckow falsch geschrieben, wurde 30.06. korrigiert.

Letzte Feuilleton-Beiträge