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Lesart
Durs Grünbein* 1962

12/11/89

 

Komm zu dir Gedicht, Berlins Mauer ist offen jetzt.
Wehleid des Wartens, Langeweile in Hegels Schmalland
Vorbei wie das stählerne Schweigen … Heil Stalin.
Letzter Monstranzen Glanz, hinter Panzern verschanzt.
Langsam kommen die Uhren auf Touren, jede geht anders.
Pech für die Kopffüßler, im Brackwasser abgesackt.
Revolutionsschrott en masse, die Massen genasführt
Im Trott von bankrotten Rotten, was bleibt ein Gebet:
Heiliger Kim Il Sung, Phönix Pjöngjangs, bitt für uns.

Durs Grünbein: Schädelbasislektion. Gedichte. Frankfurt am Main 1991, S. 61.

1989

 

Durs Grünbein ist 1962 in Dresden geboren und lebt seit 1985 in Berlin. Er ist als Lyriker, Übersetzer und Essayist tätig. Nach dem Fall der innerdeutschen Staatsgrenze führten ihn Reisen durch Europa, nach Südostasien und in die USA. Er war Gast des German Department der New York University und der Villa Aurora in Los Angeles. Für sein Werk erhielt er mehrere Preise.

Drei Tage bevor Durs Grünbein das Gedicht schrieb, war die Berliner Mauer gefallen und damit das Ende der als Staat organisierten Kommunistischen Partei, der DDR, eingeläutet. Die Angehörigen der Nomenklatura, die die Massen betrogen, versinken im „Brackwasser“. Durs Grünbein erklärt den damals offensichtlichen Bankrott der DDR, deren Mehrheit für ihn Genasführte sind. Kein Abfeiern der friedlichen Revolution, kein Lobgesang auf  Helden, nirgends. Die Nüchternheit überzeugt  auch 30 Jahre nach den Ereignissen noch. Eine Frage bleibt jedoch, ob nämlich in einer Diktatur Lebende wirklich nur „genasführt“ sind. Jedenfalls klingt in dem Bilde der wehleidig auf Veränderung Wartenden verhaltene Kritik an. In jedem Fall, sei es in der Volksrepublik China, in Honkong oder in Belarus sind die Unterdrückten das Warten einmal leid.

Auch der Lyriker ist von der Dramatik und Geschwindigkeit der Ereignisse wie betäubt und muss sich wieder fassen. Sein Gedicht ist ein Versuch, die Geschehnisse zu objektivieren. Im Land Hegels hatten die Kopffüßler, die Intellektuellen guten Willen, volksdemokratische Verhältnisse einzurichten, konnten sich aber ebenso wenig wie etwas später die Köpfe der 1968er Studentenbewegung von der Vorstellung eines „neuen Menschen“ lösen , zu dessen Formung es notwendig sei, das falsche Bewusstsein, die Entfremdung von sich selbst, zu überwinden. Die Menschen wissen jedoch genau, was sie vom Leben erwarten und darauf muss demokratische und das heißt menschliche Politik beruhen. Die Anbetung der alten „heiligen“ Stalin und Kim Il Sung, die auch von extremen und extrem verhärteten Splittergruppen der Neuen Linken kurze Zeit im Westen Deutschlands verehrt wurden, sollte auch im Brackwasser entsorgt werden, denn die Uhren kommen auf Touren. Welche Touren es dann waren, sehen wir heute: Der Ostteil ist unter kapitalistischen Vorzeichen modernisiert worden, aber nicht ohne dass plötzlich in Teilen der Bevölkerung verquere, destruktive Haltungen und Handlungen, vielleicht aufgrund tief einschneidender Verletzungen, wie Giftpilze aus dem historischen Boden schossen, was allerdings auch im Westteil der Republik (vermutlich aus anderen psychosozialen Prägungen heraus) der Fall ist und eine unangenehme, mehrheitlich unerwünschte, negative Gemeinsamkeit erzeugt. Ultrarechte, neo-nationalistische Haltungen sind beileibe nicht auf die östlichen Bundesländer beschränkt. Dennoch ist es einer der seltenen Glücksfälle deutscher Geschichte, dass das stählerne Schweigen der Trennung als Folge des Verbrecherregimes 1933-1945 friedlich überwunden wurde.

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