Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Durs Grünbein* 1962

Biologischer Walzer

Zwischen Kapstadt und Grönland liegt dieser Wald
   Aus Begierden, Begierden die niemand kennt.
      Wenn es stimmt, daß wir schwierige Tiere sind
          Sind wir schwierige Tiere weil nichts mehr stimmt.

Steter Tropfen im Mund war das Wort der Beginn
   Des Verzichts, einer langen Flucht in die Zeit.
      Nichts erklärt, wie ein trockener Gaumen Vokale,
         Wie ein Leck in der Kehle Konsonanten erbricht.

Offen bleibt, was ein Ohr im Laborglas sucht,
   Eine fleischliche Brosche, gelb in Formaldehyd.
      Wann es oben schwimmt, wann es untergeht,
          Wie in toten Nerven das Gleichgewicht klingt.

Fraglich auch, ob die tausend Drähtchen im Pelz
   Des gelehrigen Affen den Heißhunger stillen.
      Was es heißt, wenn sich Trauer im Hirnstrom zeigt.
          Jeden flüchtigen Blick ein Phantomschmerz lenkt.

Zwischen Kapstadt und Grönland liegt dieser Wald
   ... Ironie, die den Körper ins Dickicht schickt.
      Wenn es stimmt, daß wir schwierige Tiere sind
          Sind wir schwierige Tiere weil nichts mehr stimmt.

Hören bei lyrikline

Eine Spezies kreist um sich selbst

70.000 Jahre vor unserer Gegenwart: Im Gehirn von Homo Sapiens ereignet sich, vielleicht durch zufällige Genmutation, eine kognitive Revolution. Sie führt zu neuen Denkfähigkeiten, allen voran der Sprachfähigkeit, und katapultiert die Spezies an die Spitze des Tierreiches. In allen Erdregionen, die Sapiens in den folgenden Jahrtausenden mit Feuer, Sprache und Bild besiedelt, sterben nach und nach nicht nur sämtliche andere Spezies der Gattung Homo aus, sondern verschwindet auch die prähistorische Mega-Fauna des Planeten . . .

Mit einer Mischung aus Faszination und Entfremdung habe ich vor wenigen Tagen über diese ambivalenten Anfänge unserer Spezies in A Brief History of Humankind, der Weltgeschichte des israelischen Historikers Yuval Noah Harari, gelesen. Eigentlich hätte mich diese Doppelgesichtigkeit des Menschen nicht (mehr) besonders irritieren dürfen: Der menschengemachte Klimawandel im 21. Jahrhundert führt sie uns Tag für Tag vor Augen und es gehört zu den Gemeinplätzen, dass das zurückliegende 20. Jahrhundert tief geprägt war vom Potential unserer Spezies zu Genialem und Grauenvollem. Schon in Sophokles’ Antigone wurde gewarnt: „Ungeheuer ist viel und nichts / Ungeheurer als der Mensch.“

Die Art der produktiven Irritation, die der Jahrtausende raffende Historiker Harari mit seinem Mix aus (natur-)wissenschaftlichen Erkenntnissen und kühl sezierender Sprache bei mir auslöste, hat mich daran erinnert, wie ich zum ersten Mal auf lyrikline Durs Grünbein seine Gedichte habe lesen hören – speziell das Gedicht Biologischer Walzer. Nicht nur Grünbeins Lesestimme ist hier betont nüchtern, fast monoton. Auch die Rhetorik des Gedichtes hat etwas distanziert Observierendes – und dadurch Verstörendes. Der an Benn geschulte, kalte Ton speist sich unter anderem aus der anaphorischen Aufzählung („Nichts erklärt“ . . . „Offen bleibt“ . . . „Fraglich auch“) und dem wissenschaftlichen Vokabular („Vokale“, „Konsonanten“, „Formaldehyd“, „Hirnstrom“, „Phantomschmerz“).

Wie bei Harari geht es in Biologischer Walzer offensichtlich um die Entwicklung des Homo Sapiens: von der kognitiven Revolution und der Geburt der Sprache (2. Strophe), bis zu den physikalisch-physiologischen Studien (3. und 4. Strophe), die im Zuge der naturwissenschaftlichen Revolution vom Menschen durchgeführt wurden und werden. In provokanter Doppeldeutigkeit bleibt bei Grünbein offen, ob „die tausend Drähtchen im Pelz / Des gelehrigen Affen“ sich auf Tierversuche oder auf Versuche an Sapiens selbst als gelehrigem Affen beziehen. So suggerieren die Verse: Der Mensch ist von einem solchen „Heißhunger“ nach Wissen getrieben, dass nichts unberührt bleibt – weder die Integrität fremder noch der eigenen Lebensform. Dabei sind Menschen nicht nur von bewusstem Wissensdrang getrieben, sie bewegen sich gleichzeitig in einem dunkleren „Wald / Aus Begierden, Begierden die niemand kennt“ – eine Metapher, die Freuds Unbewusstes auf den Plan ruft und somit die Vernunftfähigkeit der Forscherinnen und Forscher von vornherein in skeptische Schranken verweist. Besteht in dieser paradoxen Spaltung zwischen Vernunft- und Triebwesen auch die „Ironie“, die so unvermittelt kurz vor Ende des Gedichtes auftaucht? Eine Ironie, die Sapiens mit seinen körperlichen Bedürfnissen immer wieder ins Urwalddickicht ‚zurückfallen‘ lässt?

Doppeldeutig, offen und zugleich einschränkend, auch diese Verse: „Steter Tropfen im Mund war das Wort der Beginn / Des Verzichts, einer langen Flucht in die Zeit.“ Der Zeilensprung lässt den „Beginn“ – des Sprechens,Denkens,Strebens – einen Moment lang vielversprechend in der Luft schweben. . .nur um dann am Beginn der nächsten Zeile mit einem abrupten Ende vor den Kopf zu stoßen: Die kognitive Revolution war gleichzeitig Gewinn und „Verzicht“, denn nach ihr führte kein Weg mehr zurück in die Einheit der sprachlosen Natur. Der Mensch lebte fortan in einer eigenen, zweiten Realität, genannt Kultur. Nicht erst seit den Umwälzungen der Moderne stimmt nichts mehr; schon seitdem wir Sprache erlernt haben und damit zu schwierigen Tieren wurden, stimmen wir nicht mehr mit unserer Umwelt überein (über das Flucht-Motiv lässt Grünbein auch leise die biblische Vertreibung aus dem Garten Eden anklingen). Wie hier innerhalb von nur zwei Versen die mysteriöse Geburt der Sprache mit der Explosion des Zeitstrahls in die Zukunft verbunden wird – und dabei die Abstrakta Zeit und Sprache durch das langsame Tropfen der ersten linguistischen Laute als Echo der (kunstvoll bebilderten) Tropfsteinhöhlen sinnlich erfahrbar werden – ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Haben sich nicht viele, die sich für Sprache begeistern, einmal danach gesehnt, auf dem Zeitstrahl zurück reisen zu können, um den Moment der ersten Worte mitzuerleben? Hier wird das Umstürzende dieses Ursprungsmoments lyrisch inszeniert und für einen Augenblick fast greifbar.

Die Frage nach der Geburt von Sprache und Kultur (Strophe 2), wie auch die Frage nach dem Sinn von Trauer und Leiden (Strophe 4) sind, trotz allen Wissenszuwachses und Erfindungsreichtums des gelehrigen Affen, nicht beantwortet. Auch hier scheint Grünbeins Gedicht nah an Hararis Sicht zu sein, wenn der Historiker festhält, dass die Menschheit, trotz ihres scheinbar massiven Fortschritts, in großen Fragen, zum Beispiel nach Glück bzw. der Behebung psychischen Leids, kaum vorangekommen ist.

Während die drei mittleren Gedichtstrophen ratlos reflektierend um vereinzelte Forschungszweige kreisen, so heben die äußeren Strophen als eine Art Refrain die Reflexion auf den allgemeinsten, anthropologischen Level. Der Mensch erscheint hier, in Anlehnung an Nietzsche, der in der Genealogie der Moral vom „kranken Tier“ spricht, als das „schwierige Tier“: Was individuell unsere tiefsten Begierden sind und was genau uns fehlt, um den „Phantomschmerz“ unserer Spezies zu heilen, lässt uns weiter rastlos um uns selbst kreisen. Das selbstreflexive Kreisen manifestiert sich in der Wiederholung („Begierden, Begierden“), im Chiasmus („schwierige Tiere sind / sind wir schwierige Tiere“) und im abschließenden Kyklos („Wenn es stimmt . . . nichts mehr stimmt“) der Refrainstrophe. Der Eindruck der Rastlosigkeit wird durch das vorwärtsdrängende anapästische Metrum verstärkt. Die Rastlosigkeit wiederum ist durch den überwiegenden Zeilenstil und die vielen harmonisierenden Alliterationen und Assonanzen seltsam ausbalanciert – was, trotz des gewichtigen Themas, zur eigentümlichen Schwerelosigkeit dieses Gedichtes führt. Metrisch und syntaktisch stellt Grünbein so eine Verbindung zum Walzer des Titels her, der als Tanz ebenfalls durch das stetige Um-Sich-Selbst-Kreisen definiert wird. Zwar ist im Gedicht durchgehend von einem wir die Rede, doch es ist kein identifikatorisches, gar stolzes, sondern ein entfremdetes, desillusioniertes wir. Wie Harari, der eine Art Satellitenperspektive auf die Globalgeschichte einnehmen will, so scheint auch Grünbeins Sprechinstanz irgendwo im All zu schweben, von wo aus Kapstadt, Grönland und dazwischen der szientistisch-optimistische – doch letztlich orientierungslose – Tanz der eigenen Spezies so distanziert wie möglich eingefangen werden.

Das Motiv des Walzers, die prähistorische Dimension sowie die herausgezoomte Perspektive auf den Planeten Erde hat mich bei diesem Gedicht immer auch an Stanley Kubricks Science-Fiction 2001: A Space Odyssey denken lassen. Denn auch in Kubricks Film bleibt der Mensch sich selbst, trotz seiner Ermächtigung vom Knochenwerkzeug der Urgeschichte zum Raumschiff der Zukunft, eine numinose Stele, um die er zu den Melodien seiner eigenen Musik kreist und kreist. Am Ende des – biographischen, filmischen, lyrischen, hermeneutischen – Zirkels ist Sapiens wieder am Anfang seiner selbst: ein Kind im Kosmos . . . um ein Augenblitzen ‚weiser‘, seinem selbstgegebenen Namen gerechter?

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