Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Ellen Hinsey* 1960

On Varieties of Flight

There, in the air--traceless blue--arena of circuits 
      And saunters, some rise with difficulty

   While others lift buoyant, tack of tail turned 
            Westward--take wide air under their keel,

And sprint, shoot and sail up to where, in invisible 
      Gyres they revolve tropical or northern,

      Spreading their full breadth to survey the scene, 
            Their prey hidden in land folded and patched;

Others, tail-sure tuck and dive, fall in a single tear, 
      Against a stony silhouette of hill; others

      In wind jibe and yaw, storm-wise, head into 
            Air as prows take the jab and flack of waves--

But some are threaded by thin parachute, line of silk,
      They soar only when bidden, cross a width

      Of draft, but hang when the wind is becalmed 
            And suspended; still others come from deeper

Hues--leap into air as if seeking a higher realm, 
      Where hidden stars crown a miraculous

      Dome of blue--fly on their fins, and their short 
            Leap is the curve of Noah's colored arc:

Still for others, flight is trammeled--rooted, as fires lift 
      Only in sparks, but are held fast to their
   
      Flames; and sound flies blindly over distance, 
            But cannot renew the force of its thrust;

Sight sweeps and tempers rise; tall grasses bend and 
      Rumors mount; winds wind over, as insects

      Hover, and stars speed free under frail failing 
            Night, while fleet tongues tell their tales-- 

      And Knowledge--poor earth-bound ember--sails,
                  But fails to ignite.
 

*

 Von Fliegens-Varietäten

 

Dort oben ist Raum, makellos blau, zum Kreise
   und Kreisel-Ziehen, von denen manche ruckeln,

 wo andere wippend treppesteigen, das Ruder
       auf West eingerastet, alle Luft nehmend

 unter den Kiel, stürmen hoch, wo sie aus un-
    sichtbaren Quirln Heiß- oder Kaltes ausstoßen,

fahren die volle Spannweite aus für einer Lage Überblick,
       was sich verkrochen hat, zu erhaschen; während

 andere schweifsicher gleiten, tauchen, sich
                                                 zusammengerissen
      angesichts einer Felswand ablassen; wieder andere,

in Fahrt, drehen ab, scheren aus dem Wind, köpfeln vor –
  vom Anprall der Wogen zu Bugen geschlagen.

 Manche nun wieder hängen am Seidenfaden ihres
                                                                    Schirmchens und
   heben sich nur, schubst sie wer an, um dann die weiße

   Blattbreite zu queren, wo sie bei Flaute drinhängen oder
      eingehen, setzt der Wind aus; noch andere fahren nur

 aufgejauchzt hoch, als ob in höhere Gefilde,
   wo ein verborgenes Sternbild das blaue

   Gewölbe bestickt – schillernder Fische Krümmung,
      schlägt um in Noahs Regenbogenfarben:

 Selbstvergessen, fliegt sich's in Bahnen; auch Feuer
   steigen nur als Funken, fest flammen-

   gehalten; blindlings stürmt der Klang vor,
      nicht mehr nachvollziehbar im Drang.

 Sichtverwischt braust etwas auf. Gräser hält's nieder,
   wispert, schwillt an; Gebrumm steht als Schwarm

   in der Luft. Sausen Sterne bei empfindlicher Dämmerung
                                                                                                            herab,
       wobei Schwaden, in Vliesen, Gerüchte einsagen

   und Gewusstes – geerdete Glutnesterfetzen – segelt,
      wenn's auch nicht facht.

Übersetzt von Ute Eisinger.
Aus Ellen Hinseys Zyklus „The White Fire of Time | Fahler Brand Zeit”

„VON FLIEGENS-VARIETÄTEN | ON VARIETIES OF FLIGHT”

 

„VON FLIEGENS-VARIETÄTEN | ON VARIETIES OF FLIGHT” ist das zweite von 23 metaphysischen Gedichten aus Ellen Hinseys Zyklus „The White Fire of Time | Fahler Brand Zeit” von 2002. Auf den Text im Original folgt meine Übersetzung.

Hinsey schildert das Zustandekommen eines Gedichts als gedanklichen Höhenflug. Geografisch-klimatische Bedingungen, Beschaffenheit des Luftfahrzeugs und nicht zuletzt die Pilotin prägen Flüge; nicht anders entstehen Gedichte unter allen möglichen Voraussetzungen.

„Von Fliegens-Varietäten” besteht aus 15 Doppelzeilen, von denen jeweils zwei Paare zusammengehören, durch Einrückungen kenntlich gemacht. Drei solcher grafisch gebundener, endreimfreier Quartette gehören zusammen. Die Komposition lässt sich in drei Abschitte gliedern: 12 + 12 + 6 = 30 Zeilen.

Jede der unterschiedlich (zwischen 3 und 5 Hebungen) langen Zeilen beginnt altmodisch mit einem Großbuchstaben. Auffällig sind die Einrückungen – es gibt drei Tabulatoren – in der grafischen Struktur. Unter den Satzzeichen befinden sich außergewöhnlich viele Semikolons und Gedankenstriche, was dem dargestellten Hochflug gefühlte Atemlosigkeit verleiht. Eine Fülle von assonanten Binnenreimen und Zeilensprüngen hält das Gedicht wie eine Helix zusammen.

Der Geschmeidigkeit der Originals im Deutschen zu entsprechen war beim Übersetzen das Schwierigste. Das gar an derselben Stelle zu schaffen, erfordert gefinkeltes Figurenziehen. Denn zwei Sprachen sind verschieden, nicht nur in ihren Bauregeln und Klangbildern, sondern auch betreffend Hörgewohnheiten und Assoziationsmöglichkeiten.

Im Folgenden wird auf Übersetzungsfragen ebenso wie auf das Gedicht eingegangen. Hernach erkläre ich, wie „Von Fliegens-Varietäten” in „The White Fire of Time” eingebettet ist.

Am Anfang steht der Blick zum Himmel: „There, in the air” hebt Hinsey an – und schon wird es schwierig: Mit dem tragfähigen Doppelvokal in „air” setzt die Dichterin zu einem Segelflug an, begibt sich in die Schwebe zwischen „there” und „air” (und führt weiter zu „where”). Im Deutschen entsprächen dem die Vokabeln „dort” und „Luft” – was sich zur Erlangung des originalen Effekt denkbar ungeeignet anhört: „dort” bellt kurz auf und das klägliche „Luft” lässt eher an einen angestochenen Reifen denken, so heftig entfährt der Silbe die Puste... Der unendliche Schwebensraum, den „air” eröffnet, ist eine akustische Geste, die sich in der Zielsprache nur ausweichend kompensieren lässt: Bei „Dort oben ist Raum” machen das lange „o” und der Diphtong „au” die Wirkung des Englischen wett.

Sobald der Leser in die obere Sphäre hinaufgehoben ist, trägt ihn die Thermik. Schon zählt die Dichterin verschiedene Arten zu fliegen auf.

In Zeilenpaar 7/8 wird der Zweck des Reisens genannt: vom Erheben in die Luft erwartet sich der Überflieger das Verstehen des betrachteten Weltausschnitts. Übersicht und Einsicht: Wie ein Raubvogel Kleintiere jagt, ermöglicht die Adlerschau dem Dichter, dass er komplexe Zusammenhänge überblickt und nachvollziehen kann. Seine Beute („prey” in V.8) ist Erkenntnis. Er möchte die Erde verstehen, die „folded and patched”, zusammengefaltet und ausgebessert – oder vertuscht und mit Ausflüchten zusammengeflickt – unter ihm daliegt.

In den ersten 12 Zeilen ging es um das Wie des Flugs. Der Mittelteil des Gedichts untersucht unterschiedliche Fliegensweisen nach dem Warum oder Wozu:

Diejenigen, die nur ange„schubst” fliegen, brauchen eine Veranlassung oder wollen – von Vorbildern und Mitstreitern – anstiftet/mitgerissen werden. Braucht es zum Aufsteigen gar Leidensdruck? Osip Mandelstam – für Menschen mit Affinität zur russischen Dichtung, also auch Hinsey, der moralische Maßstab – sieht gar eine Relation zwischen literarischer Struktur und auf dem Dichter lastenden Druck. Es würde mich wundern, hätte die Dichterin nicht seinen poetologischen Aufsatz zu Dantes „Göttliche Komödie” im Kopf, worin Mandelstam die Tiefenstruktur des Gebildes aus dem ableitet, was einem Dichter aufgebürdet wurde – bei Dante etwa das Exil. Mandelstam und seine Zeitgenossen litten unter Stalin. Druck lasse Schwerelosigkeit entstehen, wie sie in der Architektur gotische Kathedralen aufwiesen, schreibt er: zum Himmel fliegender Stein. – Ein anderer Dichter, Mandelstam-Adept Paul Celan, spricht von einer Himmelsleiter – demselben Steiggerät, das Hinsey in einem Drittel ihres Zyklus „The White Fire of Time | Fahler Brand Zeit” behandelt – als einem sich verdünnendem Faden, „an dem er herabwill / der Stern” („Sprich auch du”) und „Fadensonnen”.

Neben vielen anderen Dichtern behandelt der Argentinier Roberto Juarroz die Frage nach dem Hinauf bei der Wahrheitssuche, im Programm seiner „Poesía vertical”: Dichtung in Form eines sich zum Hauch verdünnenden, aber tragfähigen Fadens, die zwischen Welt und ihrem Verständnis vermittle.

Aber zurück zu Hinseys Fliegens-Varietäten, V.16ff: Andere Dichtende, lässt sie durchblicken, gehörten der Gruppe der Wundergläubigen oder Beseelten an. Sie gehorchten einem erhöhten Ethos, glaubten an etwas. Vielleicht wollen sie Frieden herstellen wie der biblische Noah, den Gott mit dem Zeichen des Regenbogens belohnte.

Die Windschlüpfrigkeit des/der Segelnden führt an dieser Stelle zu einem wendigen Fisch im Wasser. Dessen „fins” (V.19) hießen deutsch „Flossen”. Vom Klang her denkt man im Englischen an flink-elegante Steuerorgane, im Deutschen an garstige, patschnasse Wassertiere; daher fehlen „Flossen” in meiner Übersetzung, und nur der Fisch, vorgestellt als Regenbogenforelle, ist da.

Hinsey ist eine profunde Kennerin der osteuropäischen Dichtung des 20. Jahrhunderts und hat zwei Bücher über den Litauer Tomas Venclova herausgegeben. In seinem Gedicht „Nach der Vorlesung”, von Hinsey ins Englische gebracht, erinnert sich Venclova an Begegnungen mit der Doyenne der russischen Dichtung, Anna Achmatova. Er formuliert darin den – auch bei Brodsky betonten – Gedanken, das Regelsystem der Sprache – ein humanes System ­– gäbe mit seinen grammatischen Denkbahnen Halt und vermittle Menschen auf Wahrheitssuche Verlass; es bliebe verlässliche Argumentations- i.e. Artikulationshilfe, selbst in Zeiten von Willkür im Behördenterror: „Selbstvergessen, fliegt sich's in Bahnen” (V.21).

Nach zwei Dritteln futuristischen Geschwindigkeitsrausches, die Fortbewegung und Übersicht mittels Luft betreffend, kommt in „Von Fliegens-Varietäten” nun das andere Element zur Sprache: zur Wahrheitsfindung brauche es Feuer.

Wie das Motiv des Fliegens, der Vogelschau und des zwischen Erde und Himmel vermittelnden Fadens ist auch das Feuer-Motiv altbewährt: Es meint die Leidenschaft, die ein Unterfangen beseelt. Kirchenvater Augustinus von Hippo (im heutigen Algerien) hielt im 5. Jahrhundert fest: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.” Nur wer selbst brennt, kann Feuer in anderen entfachen.

Die Ansteckungskraft des Glaubens an den guten Willen des Menschen ist der Geist des Humanismus: Das geschriebene Wort dient der Weitergabe von Verstandenem, trägt Verantwortung. Im selben hohen Sinn schwingt im Feuer-Motiv aber auch das Andenken daran mit, dass ein geistiges Brennen für die Wahrheit für manche Humanisten mit Verbrennung des Leibes endete.

In Z.23/24 kommt endlich das Geheimnis des Dichtens zur Sprache: blindlings stürmt der Klang vor,/nicht mehr nachvollziehbar im Drang.” Ist einmal eine Initial-Zeile gefunden, schießen – aus ihrer Lautgestalt und/oder dem Takt – Verse vor, gefolgt von Nachwuchs, lassen sich zusammenstellen und umschichten zum Gebäude des Gedichts. Dann ist schwer nachzuvollziehen, auf was hinauf sich das Gefühl des Gelingens einstellt. Das der Komponistin Eingesagte muss aufgeschrieben werden, sie muss dem Drall gewachsen sein, mit dem es sich aufdrängt und wird ihre Mitschrift erst im Nachhinein verstehen.

Impressionist Rilke erklärt das Zueinanderfinden von Tönen und Stimmen tänzerisch-melodiös: „Man weiß nicht wie” aus „reifgewordnen Takten <...> Tanz <...> entsprungen” sei: plötzlich befände sich alles miteinander in harmonischer Bewegung. Dagegen bei Gottfried Benn konstituiert ein Machtwort das Gedicht: „und alles ballt sich zu ihm hin”: zur Intuition, wie sie den Dichtenden ereilt.

Näher steht Hinsey der russische Dichter Ossip Mandelstam. Er hätte im Moment des aufziehenden Gedichts den Kopf in den Nacken gelegt, um besser horchen zu können, beschreibt es uns seine Frau Nadeschda. Er selbst hat dieses dichterische Hinhören „das Ohr – ein feingespanntes Segel” genannt und es als Wahrheitsaufnahme aus der Luft verstanden, der unter Nutzung jedes Windhauchs nachgekommen werden müsse. Diese Vorstellung erfährt in Hinseys „Varietäten” Verfeinerung.

Eine Odenstrophe an diesen Moment, von mir, beschreibt dasselbe Phänomen – mit dem Dichter als Surfer:

Dem Rauschen vor sein, lesend vom Tuningrad;
  den Überschlägen haushoher Flut zu Brett
    entschlagen, glatt und schneidig; Aufschwung,
      Windstrom zu nutzen: die Kunst des Segelns.

LEG O STEIN 82, 1996
Die Kunst des Segelns

Der Augenblick, auf den es im schöpferischen Akt des Dichtens ankommt, ist schneller als der Verstand: „Sichtverwischt braust etwas auf. Gräser hält's nieder, / wispert, schwillt an” – ein heikler Moment, das Alles-oder-Nichts des sich formierenden Gedichts: alles dröhnt wie bei einer Hubschrauberlandung, Ideen und Wortmaterial spritzen auseinander und müssen zusammengehalten werden oder lassen sich, magnetisch klebend, kaum mehr auseinanderdividieren.

Noch einmal an Mandelstam erinnern Hinseys „insects” in der drittletzten Zeile, als „Schwarm / in der Luft” übersetzt. Für den Akmeisten der „Weltkultur” hingen treffende Worte von Vordenkern gleichsam im Raum: „Zitate – Zikaden” setzte Mandelstam gleich. Unter Stalin lebte der Bedrängte in einem Luftschloss, worin die Stimmen Gleichgesinnter aus allen Zeitaltern und in jeder Sprache summten, einander mitnehmend und anstiftend. Wenn wir heute auch in Gedankenfreiheit aufwachsen: Belesen Schreibende wie Hinsey zehren nach wie vor von Aussprüchen Anderer, lassen fremde Gedanken in eigenen anklingen, bringen das Alte im Neuem hervor. Gescheites Dichten bringt Gedanken zusammen: in synkretistischer Zündung Neues auf den Weg.

Hinsey bleibt dabei stets auf der Erde: anstatt Flammen als Feuerzungen vom Himmel zu verteilen, betont sie zum zweitenmal – in der vorletzten Zeile – die Erdgebundenheit aller Begeisterung: Sie komme von Herzen, dann funktioniere auch das Jonglieren mit den Funken. Sein Gelungensein lässt das Gedicht die Schreibende spüren. Dagegen unzuverlässiger bleibt „Gewusstes”: Buchwissen ohne empathische Verankerung. Das nennt die Dichterin armselige („poor”) „Fetzen”, deren Ränder wohl glühten und mit dem Wind fliegen können – doch nicht zünden: wo kein Herz ist, hilft kein Verstand.

Hinsey ist eine ungewöhnlich anspruchsvolle Dichterin. Thematisch, stilistisch und kompositorisch, v.a. aber was Ausdauer und die Menge des an- wie eingelesenen Materials betrifft, – stellt sie höchste Ansprüche an sich. Das Ergebnis ist klar, weise, unmittelbar sinnlich, zugunsten des/r Lesenden. Mehr lässt sich dichterisch nicht leisten.

***

Im Zyklus „The White Fire of Time | Fahler Brand Zeit” bilanziert Ellen Hinsey philosophisch Menschheitserfahrungen: Wozu bildet sich auf Erden Erlebtes vom Fluss der Zeit um? Persönlich rekapitulierend gewinnt sie Angelesenem, Miterlebtem und Verspürtem Sinn ab und fasst ihre Anschauungen, in drei Teile gegliedert, der jeder seinerseits unterteilt sind, zusammen.

In Teil I THE WORLD ist das Weltliche Leitgedanke, in Teil II TEMPLE Geistiges und im dem Andenken ihrer 1990 ermordeten Großmutter gewidmeten Teil III THE CELESTIAL LADDER geht es um die Himmelfahrt.

Hinsey schreibt Sentenzen und kurze Traktate neben feinnervigen Betrachtungen und Stimmungsbildern in gebundener Sprache. Alle 23 Titel beginnen mit „Von den ...”, z.B. „Von der unermesslichen Natur der Dinge / Vom Gewicht der Alltäglichkeit / Vom Kampf mit dem Engel”. Es könnte jedes dieser musikalisch und gedanklich ausgewogenen, deutlich formulierten Definitionen für sich stehen; doch sind alle Stücke – manche ihrerseits unterteilt, in I. - VI. oder α-μ –  kompositorische Elemente des Gesamtzyklus. Die Struktur wurde schon mit einer Symphonie verglichen.

Motive wie Flug und Feuer tauchen mehrfach im Buch auf, meinen die Leidenschaft des Forschens und Verstehens.

Über Jahre mit der Idee für eine Gedichtsammlung über den Eindruck der Zeit auf den Menschen beschäftigt, hat die Dichterin eine Menge Gelesenes und Beobachtetes auf ihr Thema bezogen. Die Gedanken anderer wirkt sie in ihr eigenes Gebinde ein, sowohl in Motti und Zitaten als im Nachwort ausgewiesen.

Innert der drei Teile befleißigt sich Hinsey viererlei Textsorten: Kommentar, Lesung, Meditation, Fragment – nebst eines eingeschobenen Zwiegesprächs.

Die Kommentar-Teile definieren aphoristisch Begriffe. Meditationen betrachten die Verhältnisse in Zeilenpaaren. Fragmente nennt sie die noch nicht ganz gebundenen Texte, in Form von Prosagedichten.

Das hier besprochene „Von FLIEGENS-VARIETÄTEN” ist die erste von sechs Lesarten („Lesung”) bildhafter Vorgaben: Das sind zwei symbolische Vorstellungen von Leben und Tod, zwei Mann und Frau idealisierende Kunstwerke und zwei Naturgedichte. Sie haben die – oben beschriebene – Strophenform gemeinsam.

Nach ebendieser „Lesung” von vielerlei möglichen Flügen, II Reading ON VARIETIES OF FLIGHT, geht es in VII Reading ON THE LIFE OF DECAY um den Anblick einer Schutthalde; Moose und Flechten haben auf einem rostigen Wrack neuen Lebensraum gebildet. In IX Reading ON A MINIATURE FROM THE SACRED ARK wird Adam, in Form ekphrastischer Beschreibung einer mittelalterlichen Holzschnitzerei, als männlicher Gegenpart besungen; in XV Reading IN WONDROUS PRAISE OF THE BELOVED geschieht das mit Eva, nach Vorbild des Hohenlieds. In XVII Reading ON THE NIGHT OF THE SECOND DAY beschreibt Hinsey dem todgeweihten Gottessohn Wetter und Vegetation eines Karfreitags, liebevoll und in vielen Einzelheiten. Den Abschluss des Buches bildet XXIII Reading ON THE ENDURANCE OF THE FLESH OF THE WORLD. Es zeigt am schmalen Ausschnitt eines Fensters, wie die Gezeiten dem Rahmen ebenso wie dem die Welt betrachtenden Menschen zusetzen – und beide überdauern werden.

Die geborene Amerikanerin Ellen Hinsey lebt seit langem in Europa, wo sie reist und liest. Obwohl sie gegen einen Vergleich protestieren würde, hat Hinsey nicht nur die Wahl des Wohnorts: Paris – mit Ezra Pound gemeinsam. Beider Werk ist prall an eingelesenen Gedanken und Zitaten, ein Schnappsack der Gelehrsamkeit, der zum Vergleich verführt. Während bei Pound die meiste Bildung, von denen die „Cantos” zehren, verworrene Collage bleibt, der kaum jemand – außer Eva Hesse, die dem ihr Leben gewidmet hat – zu folgen vermag, schreibt Hinsey nüchtern und klar. Sie arbeitet angelesenes philosophisches Material mit langem Atem zum Eigenen ein.

In diesem Buch geht es der Dichterin um Metaphysik. Mit den Vorgängen in osteuropäischen Autokratien als nachhaltigem Forschungsschwerpunkt, erweiterte sie eigene Erfahrungen um die Schicksale vieler anderer zu „DES MENSCHEN ELEMENT | UPDATE ON THE DESCENT”.

Bei allem, was Hinsey mitbringt: Ihre Gedichte sind quicklebendig und hellwach – aus Beobachtungsgabe und weil sie mit allen Sinnen aufmerksam bleibt. Man kennt das von Dante – und Mandelstam, Simic, Zagajewski.

Wo Betrachtungen Haiku-artig stocken, hat die Wahl-Pariserin dann schon einmal ähnliche Anwandlungen wie Doppellandsmann Pound: Im letzten Absatz des Fragments ÜBER EINE KURZE GESCHICHTE DES ZUFALLS heißt es: „wie ein vor langem vergangenes Gesicht aus einer Menschenmasse auf der Straße herausschwimmt”; wenn das nicht erinnert an dessen: „Aufblühen von Gesichtern in der Menge: Blätter auf einem nassen Ast.” ...

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