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Emily Dickinson* 1830† 1886

My life closed twice

My life closed twice before its close;            
It yet remains to see    
If Immortality unveil
A third event to me,

So huge, so hopeless to conceive,          
As these that twice befell.    
Parting is all we know of heaven,           
And all we need of hell.

(erstveröffentlicht posthum 1896)

Die Landschaft lauscht

Anmerkungen zu Gedichten von Emily Dickinson

Eine der großartigsten Dichter englischer Sprache war die Amerikanerin Emily Dickinson, eine Zeit ihres Lebens kaum gewürdigte, kaum veröffentlichte und nach ihrem Tod in den USA und im deutschsprachigen Übersetzungsbetrieb oftmals geradezu grotesk missverstandene dichtende Einsiedlerin aus dem amerikanischen College-Städtchen Amherst, Massachusetts. Ihr erst 1955 weitgehend komplett verfügbares lyrisches Werk umfasst - in der Ausgabe von Thomas H. Johnson - 1755 Gedichttexte, von denen in unterschiedlichen Ausgaben jeweils kaum mehr als ca. 5-600 gesammelt sind.  Die bis heute beste Taschenausgabe heißt Final Harvest. Frühere Ausgaben suchten die Besonder- und Eigenheiten Dickinsons zu streichen oder glatt zu bügeln.  Dies betraf ihre Groß- und Kleinschreibung, ihre Zeichensetzung und ihre Reimgewohnheiten bzw. das Fehlen davon. Neun Gedichte wurden in einer Zeitschrift veröffentlicht - die anderen band sie mit Nadel und Faden zu Bündeln (Faszikeln) zusammen und verwahrte sie in einer Schublade.

Viele von uns haben Rhythmen, Reime, Bilder, Wörter und Zeilen unterschiedlicher Provenienz im Unterbewusstsein. Manchmal orientieren wir uns bewusst in Nachahmung oder Abweichung an ihnen. Dickinson war die Tochter eines gebildeten Vaters und besuchte eine puritanistisch ausgerichtete Schule im nahe gelegenen Mount Holyoke. Zu ihrer Zeit sang man in evangelischen Gottesdiensten die weit verbreiteten Hymnen des Engländers Isaac Watts. Sie bestehen vorwiegend aus vierzeiligen, endgereimten, vier- und dreitaktigen Strophen. Eine einfache, leicht zu erinnernde, gut singbare Form.

This is the day the Lord hath made;
He calls the hours His own;
Let Heav'n rejoice, let earth be glad,
And praise surround the throne.

Diese und ähnliche Verse bilden den Hintergrund von Dickinsons eigenen Gedichten.  Mit ihnen spielt sie, von ihnen weicht sie ab.  Sie sind das stetig pochende  Kontinuum für ihre eigenen Auslassungen und Variationen. Das berühmte „My Life closed twice“ steht formal recht deutlich nah am Vorbild der Hymnen; inhaltlich hat es in seiner Bitterkeit und seinem Zweifel wenig mit dem geistlichen Vorbild gemeinsam:

My life closed twice before its close;            
It yet remains to see    
If Immortality unveil
A third event to me,

So huge, so hopeless to conceive,          
As these that twice befell.    
Parting is all we know of heaven,           
And all we need of hell.

Erübrigt sich ein Kommentar, gar eine Interpretation?  Es gibt viele.  Vielleicht wäre zu fragen, welche „events“, welche gewichtigen Ereignisse Dickinsons Leben beinahe „schlossen“, wie Haus- oder Himmelstüren. Andere Tode, Lebens- und Liebesenttäuschungen, jene kleinen, täglichen Tode?  Es genügt wohl, Dickinsons eigenes Wort zu benutzen und nicht näher zu definieren - „parting“, Trennung; Trennungen tragen dazu bei, synästhetisch auf Himmel und Hölle zugreifen zu können.  
Kürzer kann man es nicht sagen, könnte man sagen, als bei Dickinson. Die Dichterin ist keine frömmelnde oder auch nur geistlich firmierende Dichterin, wie oft unterstellt wurde (nicht zuletzt in mehreren deutschen Übersetzungen).  Sie ist eine Priesterin der Sprachreligion.  Oft widerborstig und uneben in Form und Ausdruck.  Da ist manchem die Westfalin Annette von Droste-Hülshoff als parallele Erscheinung im neunzehnten Jahrhundert eingefallen.  Welch eine angesehene, gesellschaftlich selbstständige Frau war die Droste im Vergleich zur gepeinigten und sich peinigenden Einsiedlerin in Neuengland, die durchaus stolz ihre Entbehrungen feiert, denen sie dramatische Einsicht in das innere und äußere Wetter verdankt.

There's a certain Slant of light,
Winter Afternoons --
That oppresses, like the Heft
Of Cathedral Tunes --

Heavenly Hurt, it gives us --
We can find no scar,
But internal difference,
Where the Meanings, are --

None may teach it -- Any --
'Tis the Seal Despair --
An imperial affliction
Sent us of the Air --

When it comes, the Landscape listens --
Shadows -- hold their breath --
When it goes, 'tis like the Distance
On the look of Death --
 

Dieser himmlische Lichtstrahl über der Landschaft erinnert an das oft gemalte Schicksalslicht über Land und See, das dramatische Hervorbrechen des Sonnenlichts, morgens oder abends, das eine göttliche Anwesenheit bezeigen sollte.  Dickson bespricht ein Licht, das etwas in uns verändert, das ein bedeutsames Gewahrwerden aufruft, dessen darauf folgende Abwesenheit etwas vom Tode hat, als Ersterben einer Einsicht in uns selbst, verklingender Orgelton.  Religiosität - ja, kirchliche Gläubigkeit - kaum.
Wie gesagt, es sind 1775 gesammelte Gedichte.  Man könnte Jahre lesend damit verbringen. Warum eigentlich nicht?

Emily Dickinson, The Complete Poems of Emily Dickinson. 3 Bde. Ed. Thomas H. Johnson. Cambridge: Harvard University Press, 1955.
Emily Dickinson, Final Harvest. Emily Dickinson‘s Poems. Ed. Thomas H. Johnson. Boston-Toronto: Little, Brown, 1961.

 

 

 

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