Fixpoetry

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Lesart
Ernst Meister* 1911† 1979

 

Kind keiner
Jahreszeit,
sondern des wittrigen
Rätsels von je …

Sommer…gegönnter …
So dieser, überm
Gottesgerippe flammender
oder der schmierigen
Seine.

Das Meine
ist als das Meine
ungequält
ans Allgemeine, ihr Nachbarn,
unser Leben und Sterben,
Sterben und Leben
gegeben.

Denn manches
reimt sich.

Ernst Meister (Reinhard Kiefer Hrsg.): Sage vom Ganzen den Satz, Rimbaud Verlag, Aachen 1972

1972

 

Ernst Meister 1911–1979, kam in Hagen–Haspe zur Welt. Er studiere Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte. 1932 erschein sein erster Gedichtband „Ausstellung“, die Werkausgabe (Rimbaud) seiner Gedichte umfasst 15 schmale Bände, die Gesamtausgabe (Wallstein 2011) 5 Bände mit  2436 Seiten. Von 1939 bis 1960 arbeitete er in der Fabrik seines Vaters. ___STEADY_PAYWALL___Während des II. Weltkriegs war er als Soldat eingezogen. Ernst Meister litt beginnend mit seinem 23. Lebensjahr an schweren Depressionen.

Mit großer Beharrlichkeit lotet Ernst Meister die gleichbleibenden, nicht auslotbaren Rätsel des Seins und des Nicht–mehr–Seins aus, die »kosmische Preisgegebenheit des Menschen«, wie er selber kommentierte. Ein Unterfangen, das sich durch Anmaßung der Absicht selber blockierte, wenn bei ihm Dichten nicht identisch wäre mit Denken. Dessen war Ernst Meister sich bewußt. »Ich muß bekennen«, sagte er in einem Interview, das Jürgen P. Wallmann mit ihm hatte, »daß Dichten bei mir identisch ist mit Denken. Wie diese Einheit zustande kommt – und das heißt richtig zustande kommt – ist mir selber ein Rätsel. Es ist ein Geheimnis, auf welche Weise das Denken seinen Körper im Gedicht erhält.«1

Warum wir da sind, ist uns unbekannt. Es ist enigmatisch. Das Adjektiv wittrig ist ein Neologismus oder dialektal, jedenfalls gehört es nicht zum Duden–Fundus und ist auch nicht im Grimmschen Wörterbuch zu finden. Es leitet sich wohl von „Witterung“ her und scheint „unbeständig“ zu bedeuten. Die Frage nach dem Urgrund unseres Seins ist so angreifend und zersetzend wie die Witterung. 1970 wählte Paul Celan den Freitod in der Seine. Ernst Meister schrieb zu dem Band „Sage vom Ganzen den Satz“:

 

Die Ursprünge der sich in dieser Sammlung manifestierenden Bewegungen liegen im Jahr 1970. […] Es gab einen Toten, dessen 200. Geburtstag mit Jubiläumsfeiern und Schriftlichkeiten bedacht wurde, und es gab einen Toten aus jüngster Zeit mit einem Schwarm von Nachrufen. Kurz, Hölderlin hatte vor 127 Jahren das Zeitliche gesegnet, Celan war in die Seine gegangen …Seine ist ein verführerisches Wort, es läßt sich auch deutsch aussprechen. Ich habe verwegen „das Meine“ darauf gereimt (das Meine prinzipiell und überhaupt), beziehungsweise das Allgemeine.2

Mit dem durch Paris fließenden Fluss ruft Ernst Meister den Tod Paul Celans auf. Noch ist ihm, Ernst Meister, ein Sommer gegönnt, aber seine Existenz, wie die Existenz eines jeden, wird ins allgemeine (Gewesen–) Sein in all ihrer Individualität eingehen. Die beiden rätselhaften letzten Zeilen verweisen vielleicht, wage vermutet, darauf, dass Ernst Meister ein Celan‘sches Schicksal für sich sah, was sich nicht bewahrheitete. Hans Dieter Schäfer stellte im Monat fest:

 

Nach dem Tod Celans zählt Ernst Meiser zu den letzten großen Protagonisten der hermetischen Lyrik unserer Literatur.3

Anderer Auffassung ist Eva Zeller, die Laudatorin Ernst Meisters bei der posthumen Verleihung des Büchnerpreises:

 

Ich habe nie verstanden, wieso das Werk Ernst Meisters eine Herausforderung an viele Rezensenten war und ist, es vorschnell als hermetisch, schwierig, esoterisch wegzuloben, so, als könne man einen Dichter vom Range Meisters, als könne man die Poeten überhaupt verantwortlich machen für die Seinsverfinsterung unseres Saeculums, auf die sie ja antworten müssen: als wüßten sie, die Poeten, den Dreh, mit dem die uns alle so bedrängende und spätestens seit Rousseau und Freud epidemisch gewordene Selbstentfremdung und Selbstbeobachtung wieder außer Kraft gesetzt werden könnte.

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