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Lesart
Fernando Pessoa* 1888† 1935

Initiation

Zypressen – du schläfst nicht darunter:
Nirgends ist Schlaf in der Welt.
Dein Leib: ein Gewänderschatten,
Der dein Wesen verborgen hält.

Die Nacht – der Tod – rückt dir näher:
Der Schatten schrumpft, eh er ist.
Du bist nun eins mit dir selber,
Wenn du das Dunkel durchmißt.

Düster der Krug, wo du einkehrst:
Die Engel entblößen sich dort.
Kein Mantel, die Schulter zu decken –
So setzt du deine Wanderung fort.

Erzengel lauern am Wegrand,
Das Letzte gibst du nun her.
Nun bist du der restlos Entblößte:
Du hast deinen Leib – du bist er.

Zuletzt, in die Tiefe der Höhle:
Die Götter – sie raffen, was bleibt.
Sie sind, du weißt’s deinesgleichen.
Hinweg, äußre Seele, dein Leib!

Gefügt ward, daß deiner Gewänder
Schatten unter uns ruht.
Nicht tot bist du unter Zypressen –
Neuling, es gibt keinen Tod.

Nachdichtung: Paul Celan, Gesammelte Werke.
Bd. 5: Übertragungen II. Frankfurt am Main 2000.

Nirgends ist Schlaf in der Welt

Einstein sagte: „Der Tod ist eine optische Täuschung.“ Aber das ist nur eine unbewiesene Annahme, nichts als Glaube. Er sagte auch: „Das Problem zu erkennen ist wichtiger, als die Lösung zu erkennen, denn die genaue Darstellung des Problems führt zur Lösung.“ Siehst du! Aber keiner kann das Problem darstellen, zumal keiner den Tod erlebt oder gar überlebt und darüber berichtet hat. So bleibt uns ein dritter Satz Einsteins: „Man muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur darin zurechtfinden.“ Das versucht jeder. Allerdings weiß ich, in der Stunde meines Todes werde ich naturgemäß scheitern.

Nun zu Fernando Pessoas Gedicht „Initiation“, dessen Schönheit nicht die Wahrheit ist, sondern der Glaube an eine unerkannte Wahrheit. Ich beziehe das Gedicht – der Titel legt es nahe – auf das Leben. Wenn wir von einer Lebensstufe zur andern wandern, so kommt uns das Neue manchmal so vor, als wären wir gestorben, so fremd wird uns die alte Lebensphase, die wir trotzdem nicht loswerden, sondern als Archäologen unserer eigenen Geschichte zu verstehen versuchen, uns soll bewusst werden, was wir in der vergangenen Gegenwart des Erlebens nur fragmentarisch durchschauen konnten.

„Nirgends ist Schlaf in der Welt.“ Das meint den unaufhörlichen Prozess des Werdens, das immer ein Vergehen beinhaltet, das liegt ja in der Natur des Bildes und des uns bekannten Bios, es gibt, so gesehen, keinen Tod als endgültiges Vergehen, wir wandeln uns nur. Schon zu Beginn spielt Pessoa auf die Idee eines dialektischen Werdens an, wo Zukunft als Synthese des Widerspruchs von Sein und Nichtsein begriffen wird. Hermann Hesse spielt in seinem berühmten Gedicht „Stufen“ erst am Schluss darauf an:

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Bei Pessoa wird der Körper als „Gewänderschatten“ gesehen, der die Seele birgt und verbirgt – vor den anderen und auch vor uns selbst. Alles Materielle wird hier Idee, Materie ist nur die wandelbare Form, durch die die Ideen gehen. Wenn die Nacht des Todes kommt, schrumpft der Schatten, es fehlt ja das Licht, und in der vollkommenen Dunkelheit wird der Schatten eins mit der Nacht, in diesem Zustand werden wir eins auch mit uns, weil die Abgrenzung zum anderen Sein fehlt, ich bin nun Teil des Ganzen, fühle mich ganz.
Pessoa reflektiert die Wanderung deines Wesens, das sich selbst erkannt hat, indem es den Schattenkörper abstreifte in der Nacht, die dir nun als das eigentliche Leben vorkommt, „Wenn du das Dunkel durchmißt.“
Wie gesagt, es ist nicht der physische Tod, der uns alle erwartet, den wir durchschreiten, sondern die Dunkelheit, in die wir gelangen, die uns nicht mehr so blendet wie der hell gedachte Tag der Jugend. Initiation, Aufstieg zu einer neuen Seinsstufe. Ich habe mich gefunden in der erkennenden Nacht, indem ich das täuschende Licht falschen Lebens los wurde.

Leicht ironisch müssen dem Leser die Engel und Erzengel vorkommen, die alte Bilder sind für eine heilige Sphäre. So lesen wir’s auch schon in Hölderlins  Gedicht „Hälfte des Lebens“. Da ist das Heilige das Ganze, das Einssein des lyrischen Ichs, das sich mit den Schwänen identifiziert, mit der Natur. Bleibt aber die Kälte des Lebens, der Winter als Verlust des Lebensgefühls in kindlicher Geborgenheit. Dieser Widerspruch wird im Gedicht nicht aufgelöst, sondern bleibt bittere Frage ohne Antwort: „Die Mauern stehn | Sprachlos und kalt, im Winde | Klirren die Fahnen.“ Die klirrende Fahne ist eine vieldeutige Metapher: Wetterfahne auf Kirchtürmen, Kriegsfahne oder Standarte, der Tod – jedenfalls harte, schmerzende Realität ohne Erlösung, schon gar nicht durch Kirche und Religion. Hölderlin sieht im Unterschied zu Pessoa und Hesse nur zwei gleichzeitige Stufen in einem Lebenskontinuum.

Zurück zu den Engeln und Erzengeln Pessoas. Sie sind hier säkularisiert im Doppelbild des Krugs, der Erquickung in einer Gaststätte und in der Liebe zugleich darstellt. Das führt zum nächsten Initiationsgedicht, Goethes „An Schwager Kronos“. In der vierten Strophe steht die Entdeckung der Liebe. Der Lebenswanderer überschaut auf einem ersten Gipfel seiner Lebensleistung das ihn umgebende Gebirge, er ruht sich aus und sehnt sich nach persönlichem Glück, das Goethe nur leicht andeutet: „Mir auch, Mädchen, | Diesen schäumenden Trunk | Und den freundlichen Gesundheitsblick!“
In Pessoas Gedicht weist die Nacktheit, in der sich das lyrische Ich nach außen offenbart und neue Freuden kennenlernt, zurück auf das Wesentliche: Du hast nichts als dich selbst. Du bist eins mit deinem Schattengewand, du brauchst es nicht mehr, so verinnerlicht hast du das Leben: „Das Letzte gibst du nun her. | Nun bist du der restlos Entblößte: | Du hast deinen Leib – du bist er.“
Die Erzengel scheinen nur eine Steigerung der Engel zu sein, sie fordern weitere Reifung, nun auch im ethischen Bereich. So stellen die Engel die Triebe von unten und oben dar, Es und Über-Ich im Zusammenklang.

Die Götter zitiert Pessoa nicht weniger ironisch als die Engel. Sie werden wie Goethes „Gewaltige“, Fürsten und Götter, im höllischen Orkus angesiedelt. „Sie sind, du weißt’s, deinesgleichen.“ Die gestorbene Hülle, „äußre Seele, dein Leib“, landet dort unten im Archiv der Irrtümer, die lebendige Seele lebt weiter im Wandel der Welt, nun befreit vom Gewänderschatten, der begraben „unter uns ruht“. Mit den letzten Versen kehrt Pessoa zum Beginn zurück: Deine Seele schläft nicht im Grab unter Friedhofszypressen, du lebst weiter ohne die Schatten deines Körpers. Deine Ideen, du „Neuling“, ruft Pessoa uns aus einer fiktiven Zukunft als Seher zu, gehen auf im immer wieder neuen Blendlicht des Werdens, das du nicht siehst, das du im Einssein mit dir selbst nicht mehr sehen musst. „Nirgends ist Schlaf in der Welt“ – das heißt also auch: Wenn du deinen Körper überwindest, kannst du dich nie verlieren.

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