Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Lesart
Friederike Mayröcker* 1924

Eines Lebensabschnittes Bestandsaufnahme

 

in meinem Tornister
ein Thymianstämmchen
zwei Münzen
ein stumpfer Bleistift
zerknitterte Notizen
Keksbrösel
eine grüne Wäscheklammer
die Visitkarte einer japanischen Germanistin
ein zerbrochener kleiner Kamm
Dalís Ameisen auf einem verschatteten Notenblatt

für Emi Neckmann

 

1991

 

 

Friedericke Mayröcker wurde 1924 in Wien geboren. Sie übte den Brotberuf einer Englischlehrerin an einer Hauptschule von 1946 bis 1969 aus. Von 1954 bis 2000 war sie mit Ernst Jandl verbunden. Ihre avantgardistische Schreibweise beeinflusst seit den 1950er Jahren die deutschsprachige Lyrik.___STEADY_PAYWALL___ Außer Lyrik schreibt sie Prosa und Hörspiele.

 

 

 

 

 

 

Man erinnert sich sofort an Günter Eichs GedichtInventur“:

Dies ist meine Mütze, / dies ist mein Mantel, / hier mein Rasierzeug / im Beutel aus
Leinen. //

Konservenbüchse: / Mein Teller, mein Becher, / ich habe in das Weißblech / den
Namen geritzt. //
 

Geritzt hier mit diesem kostbaren Nagel, / den vor begehrlichen / Augen ich berge. //
Im Brotbeutel sind / ein Paar wollene Socken / und einiges, was ich / niemand verrate, //
so dient er als Kissen / nachts meinem Kopf. // Die Pappe hier liegt / zwischen mir und der Erde. //
 

Die Bleibstiftmine / lieb ich am meisten: / Tags schreibt sie mir Verse, / die nachts ich erdacht. //
Dies ist mein Notizbuch, / dies meine Zeltbahn, / dies ist mein Handtuch, / dies ist mein Zwirn.1

Mit Gegenständen lassen sich Lebenslagen beschreiben. Frederike Mayröcker verzichtet im Gegensatz zu Günter Eich auf die narrative, deutende und bewertende Struktur: Sie formuliert einzig eine Aufzählung des Vorgefundenen und öffnet einen weiten Raum für Assoziationen. Eine Überstimmung weisen beide Texte auf: Sie verweisen mit „Bleistift“ und „Bleistiftmine“ mit „Notizen“ und „Notizbuch“ auf das Schreiben als existenziellen Kern. Bei Friederike Mayröcker in einer verglichen mit Eichs Lage komfortablen Situation wird der Bezug auf die Literatur noch durch die Erwähnung „einer japanischen Germanistin“ verstärkt und kommt die Kunst noch einmal in dem Verweis auf Salvador Dalí zur Sprache. In den determinierenden Adjektiven teilt sich mit, dass der angesprochene Lebensabschnitt wohl nicht ganz widerspruchsfrei verlief: „stumpf, zerknittert, zerbrochen, verschattet“. Aber ob diese Farbgebung bewusst gewählt wurde oder dem Unterbewusstsein zuzuschreiben ist, muss offenbleiben.

 

 

  • 1. Hans Werner Richter: Deine Söhne Europa. Gedichte deutscher Kriegsgefangener. München 1947.

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