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Lesart
Friedrich Wilhelm Wagner* 1892† 1931

Kleine Stadt

Die Stadt liegt klein
Und grau in grauem Grunde.

In einer schwülen Abenddämmerstunde,
Wenn alles schwiege, auch die Hunde –
Dann könnt es sein:
Ein lautes Wort aus eines Menschen Munde –
Und Alles stürzte ein

Erschienen in: Jungfrauen platzen männertoll, Grotesken, Neudruck der Erstausgabe 1920, Vergessene Autoren der Moderne XXI, herausgegeben von Franz-Josef Weber und Karl Riha, Universität-Gesamthochschule Siegen 1986

Nicht immer ist der Epigone ein Trittbrettfahrer: Friedrich Wilhelm Wagner

Hin und wieder zweifelt man, ob man die ganzen Bücher eigentlich braucht. Man sichtet dann die Regale und freut sich, was man im Lauf der Jahre so gelesen hat. Oder man ärgert man sich. Was aber weder Freude noch Ärger bereitet, kommt ins Altpapier. Am Ende sind die Regale dann mal wieder aufgeräumt. Bei einer solchen Gelegenheit fiel mir kürzlich wieder die 24-seitige DIN-A5-Broschüre aus der Reihe Vergessene Autoren der Moderne, ___STEADY_PAYWALL___Folge XXI in die Hände, herausgegeben von Franz-Joseph Weber und Karl Riha an der Universität-Gesamthochschule Siegen 1986: Friedrich Wilhelm Wagner, Jungfraun platzen männertoll. Neudruck der Erstausgabe von 1920 mit einem Nachwort hrsg. von Wilfried Ihrig.

Dem Nachwort ist zu entnehmen, dass diese Sammmlung die letzte Einzelveröffentlichung Wagners war, der zwischen seinem 19. und seinem 28. Lebensjahr geradezu manisch geschrieben und publiziert hatte, um dann 1920 plötzlich die literarische Tätigkeit einzustellen. Seine letzten Lebensjahre bis 1931 verbrachte er als Bankbeamter in der Provinz.

Wagners Lyrik ist sichtlich beeinflusst von Jakob van Hoddis und Alfred Lichtenstein, wie allein schon der Titel Jungfraun platzen männertoll nahelegt. Innovative Künstler*innen öffnen mehr Türen als sie selbst zu passieren fähig wären, und so ist es gut, wenn all die kleinen Beyoncés oder Picassos durch die übrig gebliebenen Türen gehen, um zu sehen, was dahinter ist. Oft wenig Bemerkenswertes, doch manchmal entdecken Epigon*innen Neuland und emanzipieren sich von ihren Vorbildern, so wie Heinrich Heine von den Romantikern, Peter Rühmkorf von Gottfried Benn oder Captain Beefheart von Howlin‘ Wolf. Hier geht es aber nicht um die Entdeckerqualitäten Friedrich Wilhelm Wagners, das ist was für Germanist*innen. Es geht nur um sein Gedicht Kleine Stadt.

In der ersten Strophe lehnt Wagner sich bei Theodor Storm an. Wer im Morphiumtaumel […] täglich 20 bis 30 kleine Gedichte schrieb, die er dutzendweise an alle möglichen kleinen Schmierblätter verkaufte, [und] dabei […] sehr talentiert und […] leider schon einige Male im Irrenhaus [war]1, nimmt seine Einfälle, wo er sie kriegen kann:

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.
2

Storm blickte schwermütig auf seine Heimatstadt zurück, Wagner geht es um ein schnelles Bild von einem Unort der Trostlosigkeit, grau in grau, als Staffage für seine Inszenierung des Weltendes. Auch dabei greift er auf Vorhandenes zurück: Jakob von Hoddis‘ gleichnamiges Gedicht, mit dem Kurt Pinthus 1920 die Menschheitsdämmerung eröffnet, seine legendäre Anthologie expressionistischer Lyrik.

In der ersten Strophe des zweistrophigen Gedichts sammelt van Hoddis die Vorzeichen, in der zweiten lässt er die finale Katastrophe stattfinden, eine lachhafte Melange aus Naturgewalt und Banalität:

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.
3

Van Hoddis inszeniert ein gewaltiges Getöse: donnernde Brandung, gepeitscht von pfeifendem Sturm, tonnenschwere Dampfloks samt Waggons, die fauchend und metallisch kreischend abstürzen, zerbersten, womöglich explodieren, Glas und Holz zersplittern. Obendrein ist bei diesem Höllenlärm auch noch das Schniefen und Niesen der meisten Menschen zu hören. Gepresst ist das Ganze in einen fünfhebigen Jambus, der zwanghaft vorwärts rattert, obwohl oder gerade weil er regelmäßig stolpert, nämlich immer, wenn die unbetonte Silbe des klingenden Reims auf die unbetonte Anfangssilbe des neuen Verses stößt. Ein Übriges tut der Reimzwang.

Alles muss funktionieren wie ein Uhrwerk. Wenn das nicht klappt, wenn z.B. der Satz länger ist als der Vers, brechen alle Dämme: […] die wilden Meere hupfen / An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken […] Hinter der Anspannung des Gedichts lässt van Hoddis den Irrsinn flackern.

Bei Wagner dagegen: Stille, eine mokante Gelassenheit. Die kleine Stadt hebt sich kaum ab vom Hintergrund, sie ist fast nicht wahrnehmbar, das absolute Gegenteil der Metropolen, deren Bewohner permanent unter Spannung stehen. Das Gedicht über die kleine Stadt ist zwar auch jambisch, aber ohne den Zwang zur festen Anzahl Hebungen, da geht alles von zwei- bis fünfhebig. Es gibt auch nur zwei Reime, und die sind nicht besonders kunstvoll, eher beiläufig. Da hupft nichts, da wird nichts zerdrückt, da reimt sich klein auf sein auf ein.

Wie bei Theodor Storm drückt auch hier etwas die Dächer schwer: Die schwüle Luft der Abenddämmerstunde, in der alles verstummt. Nicht einmal ein Hund bellt in der Ferne. Da braut sich etwas zusammen. In dieses gedrückte Schweigen hinein könnt nun ein lautes Wort ertönen. Es ist nicht das Wort, das am Anfang war, der göttliche Logos aus dem Johannes-Evangelium, denn es käme aus eines Menschen Munde. Es ist auch nicht das Zauberwort aus Eichendorffs Wünschelrute, von dem die Welt an zu singen [hebt]. Hier fiele ein Schlusswort: Und Alles stürzte ein. Dies ist ein Bild vom menschengemachten Weltuntergang. Karl Kraus spricht 1912 in der Fackel 363-365 vom Untergang der Welt durch schwarze Magie, die für die instrumentalisierte Sprache der Tagespresse steht.4 Dass die Menschen und nicht mehr ein göttliche Wille allem ein Ende setzen können, ist damals ein neuer, bestürzender Gedanke, den die Massenvernichtung im Ersten Weltkrieg bestätigt.

Bei seiner manischen, rauschhaften Arbeit stellt Friedrich Wilhelm Wagner sich auf die Schultern von Jakob van Hoddis, Theodor Storm und Karl Kraus: ein Epigone. Aber kein Nachmacher. Und erst recht kein Plagiator, der sich kalkuliert bei anderen bedient. Dem Epigonen muss nicht einmal bewusst sein, wie er sich wo bedient. Er folgt nur seinen eigenen Einfällen. So wie Wagner hier die Versatzstücke neu kombiniert, entsteht Neues, die expressionistische Sprache verliert ihr deklamatorisches Pathos. Die Pointe dabei: Wagner bedient sich auch hier eines Vorbilds, diesmal ist es Joseph von Eichendorff. Der setzt den Beginn seines Gedichts Mondnacht in den Irrealis: Es war, als hätt’ der Himmel / Die Erde still geküßt. Hat er aber nicht. Genauso wenig ist am Ende das Wort, das alles zum Einsturz bringt. Es bleibt bei der Vorstellung, die subjektiv ungeheuer wirkmächtig sein kann, obwohl sie objektiv wirkungslos ist. Nur im realen Schein des gelungenen Kunstwerks entfaltet sie eine irritierende Geltung.

Auch wenn Karl Kraus die Expressionisten verachtete – was er in seinem Gedicht Bekenntnis5 über sich selbst sagt, gilt hier auch für Friedrich Wilhelm Wagner: Ich bin nur einer von den Epigonen, / die in dem alten Haus der Sprache wohnen.

Die 24-seitige DIN-A5-Broschüre aus der Reihe Vergessene Autoren der Moderne kam natürlich nicht ins Altpapier.

  • 1. Emil Szittya, im Nachwort zitiert von W. Ihrig, S. 22
  • 2. Theodor Strom, Werke in zwei Bänden, Berlin und Weimar 1979, S. 35
  • 3. Menschheitsdämmerung, Reinbek 1959, S. 39
  • 4. Dass Kraus kein Vorläufer des Lügenpresselügenpresse-Mobs ist, wäre an anderer Stelle nachzuweisen, auch um auf die Aktualität seines Werks hinzuweisen
  • 5. Karl Kraus, Die Fackel 443 (1916), S. 28

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